Trainer Carsten Finkbeiner von Judo-Bundesligist KSV Esslingen will Erster der Vorrunde – und dann endlich Meister werden. Darüber spricht er im Interview.
Endlich Deutscher Meister sein. Das ist der große Traum von Carsten Finkbeiner, dem Trainer des Judo-Bundesligisten KSV Esslingen. Zweiter ist er mit dem Team oft genug geworden. Nun aber gilt es erst einmal, in den verbliebenen beiden Vorrundenkämpfen eine gute Ausgangssituation für die Endrunde mit den jeweils besten beiden Teams der Nord- und Südgruppe der Liga zu erarbeiten. Vor dem Heimkampf am Samstag (18 Uhr) gegen den JC Samurai Offenbach spricht Finkbeiner über das Pokern vor einem Kampf – und den Titel.
Dass ihr Team am Samstag gegen Offenbach gewinnt, dürfte bei allem Respekt vor dem Gegner keine Frage sein. Im Fernduell mit Abensberg und Speyer wird es aber auf jeden Einzelkampf ankommen. Haben Sie ein entsprechend starkes Team beinander?
Wir sind bis zum Schluss dabei. Da gibt es im Laufe der Woche immer noch ein paar Verschiebungen, etwa, wenn sich ein Kämpfer eine kleine Blessur zuzieht. Aber Stand jetzt haben wir ein sehr gutes Team stehen.
Mehr wollen Sie nicht verraten?
Es werden auf jeden Fall ausländische Gastkämpfer dabei sein, so viel kann ich verraten.
Und was hören Sie von der Konkurrenz?
Ich bin zwar gut vernetzt, aber das Meiste bleibt dann schon bei den Vereinen intern. Aber wir schauen nach uns. Und da kommt es auf das an: Abensberg liegt acht Unterbewertungskämpfe vor uns und hat noch einen Kampf weniger als wir zu absolvieren. Sollten die Abensberger ihren letzten Kampf mit 14:0 gewinnen, was ich nicht glaube, müssten wir in unseren letzten beiden Kämpfen 22 Einzelkämpfe aufholen. Wenn wir 23 Kämpfe gewinnen, sind wir sicher Tabellenerster. Ist es bei Abensberg weniger, werden es bei uns natürlich auch entsprechend weniger, die wir aufholen müssen. Das ist die Route, die wir an den letzten zwei Kampftagen einschlagen und deshalb lautet unser Ziel 23 Siege aus zwei Partien.
Das heißt, Sie wollen unbedingt Erster werden. Der Zweite der Südgruppe ist in der Endrunde ja auch dabei.
Natürlich. Wenn man Deutscher Meister werden will, was wir wollen, muss man jeden schlagen. Aber als Vorrundenerster hat man zumindest auf dem Papier im Halbfinale den schwächeren Gegner aus dem Norden. Das sollte nicht zum Nachteil sein. Wir wollen uns die beste Ausgangssituation für unser Vorhaben verschaffen.
Die drei momentanen Top-Teams Abensberg, Speyer und Esslingen haben sich gegenseitig die Punkte weggenommen – inklusive des historischen 8:6-Sieges des KSV beim ewigen Rivalen Abensberg. Ist es in dieser Saison wirklich so ausgeglichen?
Nein. Bei allem Respekt, Speyer ist sicherlich schwächer als Abensberg und Esslingen. Unsere Niederlage in Speyer lag daran, dass uns zehn deutsche Stammkräfte gefehlt haben. Dazu haben wir uns bei der Wahl der Ausländer ein bisschen verpokert, was die Gewichtsklassen angeht. Da waren wir nicht ganz clever, sonst wären wir zumindest mit einem Unentschieden rausgegangen. Das muss ich mir selbst eingestehen. Aber der Hauptgrund war das Fehlen von zehn Stammkräften, während Speyer komplett war – und auch super gekämpft hat.
Haben Sie schon einen Matchplan gegen Offenbach?
Matchplan bedeutet, welchen meiner deutschen Stammkämpfer ich verletzungsfrei zur Verfügung habe und wo ich mich noch mit Ausländern verstärke. Und wenn Offenbach in einer Gewichtsklasse einen sehr guten Kämpfer hat, ist es meine Aufgabe, das zu erahnen und ihm jemanden entgegenzustellen, der hoffentlich besser ist. Diesen Matchplan habe ich schon im Kopf.
Wenn man die Kaderlisten der Vereine anschaut, dann stehen da viele Namen von Top-Athleten mit jede Menge internationalen Titeln drauf. Wie schwer ist es, tatsächlich für einen Kampftag ein gutes Team zusammenzustellen? Die Finanzen spielen ja auch eine Rolle.
Klar spielen die Finanzen eine Rolle. Ich kann nicht einfach alles ranholen, was wir haben und dann mal gemütlich entscheiden, wen wir einsetzen. Anspruchsvoll ist es, vorher zu erahnen, wie der Gegner dastehen, welche deutschen Kräfte er dabeihaben und welche ausländischen er wahrscheinlich dazuholen wird. Wenn ich mir darüber Gedanken gemacht habe, dann muss ich mir Gedanken machen, wie ich meine Mannschaft unter den Gegebenheiten mit etwa Verletzungen, Sperren oder Abstellungen für die Nationalmannschaft optimal aufstelle. Und dann ist spannend, wenn man am Kampftag auf der Matte steht, wen der Gegner tatsächlich da hat und ob man im Vorfeld richtig gepokert hat oder nicht. Und dann muss man noch mal pokern, was die richtige Aufstellung betrifft, unter der Berücksichtigung der drei Pflichtwechsel zwischen Hin- und Rückrunde. Das ist zeitaufwendig und nervenaufreibend – und klappt trotzdem nicht immer.
Zumal der Kollege auf der anderen Seite seinen Job auch macht.
Genau, das sind ja alles keine Amateure.
Gibt es in Ihrem Team jemanden, der Sie im bisherigen Saisonverlauf besonders überzeugt oder auch überrascht?
Eine einzelne Person kann ich nicht nennen. Wir hatten ja schon einen großen Umbruch in der Mannschaft mit zahlreichen Neuzugängen. Dabei hat mich positiv überrascht, wie schnell sie sich integriert haben und zu Leistungsträgern wurden. Denn oft ist es so, dass man es besonders gut machen will, wenn man für ein neues Team kämpft – und dann geht es in die Hose. Das ist gar nicht passiert.
Nachdem es in den vergangenen Jahren ja auch Enttäuschungen gab, wie wichtig ist der Einzug in die Endrunde?
Alles andere als die Endrunde wären eine riesen, riesen Enttäuschung, vor allem, nachdem wir die beiden großen Brocken Abensberg und Leipzig geschlagen haben. Es ist zwar keine Selbstverständlichkeit, aber unser Anspruch und überlebensnotwendig für die Moral des gesamten Teams. Wenn wir das nicht schaffen sollten, bricht für uns eine Welt zusammen.
Und das I-Tüpfelchen wäre es, den Titel zu holen – und das auch noch in Abensberg, wo am 7. Oktober die Endrunde ausgetragen wird?
Richtig. Aber das ist natürlich ein langer Weg, denn Abensberg hat eine hervorragende Mannschaft. Man müsste erst einmal das Halbfinale überstehen. Wir sind nicht so arrogant zu sagen, dass das so einfach wird. Und wenn wir es schaffen sollten und Abensberg auch, wäre es brutal schwer, den Titel zu holen.
Bald 25 Jahre KSV
Dauer-Brenner
Carsten Finkbeiner ist 48 Jahre alt und von Beruf Steuerberater und Rechtsanwalt. Trainer beim KSV Esslingen ist er bereits in seiner 25. Saison.
Dauer-Zweiter
Der KSV war noch nie Deutscher Meister, aber acht Mal in den vergangenen zwölf Jahren Zweiter. Sieben Mal davon scheiterte das Team im Finale am 23-fachen Meister TSV Abensberg. Im vergangenen Jahr verpassten die Esslinger die Qualifikation für die Endrunde. In diesem Jahr ist sie auf den 7. Oktober in Abensberg terminiert.