Als Jugendliche fängt Renate Hieber in der elterlichen Metzgerei Hess an und ist stets gefordert. Das Kundenverhalten hat sich stark geändert – doch sie bereut keinen Tag.
Wenn am letzten Werktag in der Woche im Laden der Metzgerei Hess am späten Mittag die Jalousien zugezogen werden, ist dort noch lange nicht Schluss. Denn das Geschäft mit der Hauslieferung, neudeutsch Catering genannt, hat für den Familienbetrieb im Leonberger Stadtteil Höfingen in den vergangenen Jahren immens an Bedeutung gewonnen. Ob große Familienfeste oder kleinere Runden: immer mehr Kunden schätzen den Service, Essen tafelfertig nach Hause geliefert zu bekommen.
Überraschung zum 50-jährigen Dienstjubiläum
Deshalb ist Renate Hieber nicht wirklich überrascht, als ihr Bruder Roland Hess sie kurzfristig bittet, am Abend mitzuhelfen. Eigentlich wollte sie sich selbst bedienen lassen und im Familienkreis essen gehen, doch das Geschäft geht vor. Und so kommt die gute Seele der Metzgerei, wie vom Bruder gewünscht, um 18 Uhr in die Metzgerei, um Platten zu richten. Dort wartet aber eine Überraschung auf sie: Denn statt leerer findet sie reichlich gefüllte Tabletts vor – umringt von vielen fröhlichen Menschen: Die Belegschaft der Metzgerei und viele Freunde gratulieren Renate Hieber zum 50-jährigen Dienstjubiläum. Abfeiern statt Arbeiten ist an diesem Abend angesagt.
Ein halbes Jahrhundert an ein und der selben Arbeitsstätte, das ist schon außergewöhnlich. „Für mich nicht“, sagt die Höfingerin. „Ich bin da hineingewachsen. Schon als Zwölfjährige bin ich abends ins Geschäft gegangen, um beim Saubermachen zu helfen.“ Die junge Renate wächst in der Metzgerei auf, die ihre Eltern Doris und Günter Hess 1956 gegründet haben. Immer donnerstags geht die Mutter zum Friseur, und da hilft Renate im Laden aus.
Schon bald zeichnet sich ab, dass es beim wöchentlichen Aushelfen nicht bleiben wird. Als 15-Jährige beginnt sie 1975 ihre Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin. Renate hat sehr gute Zeugnisse. Ihre Lehrerin auf der Berufsschule in Leonberg traut ihr viel zu. „Doch ich konnte ja meine Eltern nicht allein lassen“, erinnert sie sich, zumal ihre Brüder Roland und Rainer ebenfalls in die Metzgerei eingestiegen waren.
Doch irgendwann, da ist sich die junge Frau damals sicher, will sie noch etwas anderes machen. „Bei der Lehrlingslossprechung der Handwerkskammer habe ich gesehen, dass einige Mitarbeiter der Metzgerei Eiss für ihr 25-jähriges Dienstjubiläum geehrt wurden“, berichtet sie von der Feierstunde, die damals vom legendären Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel geleitet wurde. „Da habe ich mir gedacht: So lange macht du es bestimmt nicht.“
Hier wird noch selbst geschlachtet
Doch es kam anders: Renate lernte ihren Mann Gerhard kennen, auch die beiden gemeinsamen Kinder wuchsen sozusagen im Geschäft auf: „Eine Babypause gab es damals nicht.“ 1991 übernimmt ihr Bruder Roland die Metzgerei. Das Kundenverhalten ändert sich, damit auch der Betrieb. „Früher waren wir der Dorfmetzger. Da gab es noch keine Supermärkte“, erzählt sie. „Die Kunden kamen fast jeden Tag, um den täglichen Bedarf zu holen, Aufschnitt zu Beispiel.“
Mit der Zeit werden die Ansprüche der Kundschaft größer, auch was die Qualität der Produkte und das Tierwohl betrifft. Viele wollen wissen, wo die Tiere herkommen und welches Futter sie bekommen. „Wir arbeiten nur mit heimischen Landwirten zusammen, das sind gewachsene Partnerschaften“, sagt Renate Hieber. „Außerdem haben wir immer selbst geschlachtet, das war und ist unser großer Vorteil.
Auch, als in den 1990er Jahren die BSE-Krise, im Volksmund Rinderwahnsinn genannt, den europäischen Rindfleischmarkt einbrechen ließ. „Wir hatten zwar kein Rindfleisch gekauft, aber es war trotzdem eine schwere Zeit“, blickt sie zurück. „Wir mussten sehr viel mit den Kunden reden.“
Catering wird zum zweiten Standbein
Zwischen 2004 und 2006 investiert die Familie in die technischen Anlagen und erweitert den Kühlraum, um die EU-Auflagen für die eigene Schlachtung zu erfüllen, und sie eröffnet ein Bistro. Das hat nicht nur am Mittag großen Zuspruch, sondern freitags auch am Abend. Renate Hieber steht erst hinter der Ladentheke, dann in der Küche. Die Höfinger Nächte sind lang, die Ruhephasen kurz, bevor es am Samstagfrüh um 5 Uhr wieder ins Geschäft geht.
Längst ist das Catering zum zweiten Standbein geworden. „Manchmal hatten wir sechs Konfirmationen gleichzeitig. Wie wir das geschafft haben, weiß ich bis heute nicht.“ Aber es geht immer. Renate Hieber ist immer da, bis heute. Eigentlich ist sie seit zwei Jahren in Rente. „Aber wenn die Jungen Hilfe brauchen, bin ich natürlich da. Das ist mir eine Herzensangelegenheit.“
Diese Begeisterung und Treue wissen jene Jungen sehr zu schätzen. Im Januar hat Roland Hess die Geschäfte offiziell an seine Tochter Marlen und ihren Mann Max Pecoroni übergeben. Der Seniorchef nimmt sich nun ein bisschen mehr Zeit, um an den Chiemsee, in die Pfalz oder nach Griechenland zu fahren. Aber dann drängt es ihn doch immer wieder in den heimischen Betrieb zurück. Seiner Schwester Renate geht es nicht viel anders.