Erin Caves (links) als German und Rebecca von Lipinski als Lisa in der Stuttgarter Neuproduktion von Tschaikowskis „Pique Dame“. Foto: dpa Quelle: Unbekannt

Von Thomas Krazeisen

Stuttgart - Geld oder Liebe? Was für eine Frage. Der junge Mann will beides, und zwar lieber heute als morgen. Es gibt nur ein Problem: German stammt aus einfachen Verhältnissen und kann seinem Herzblatt keine so rosige Zukunft bieten wie sein adliger Rivale. Lisa setzt ihrerseits auf Nummer sicher und entscheidet sich für den wohlhabenden Fürsten Jeletzki. Dass der nicht der hochanständige Kavalier ist, als der er sich später in seiner noblen Selbstbescheidungs-Arie ausgibt, wird im Stuttgarter Opernhaus, wo jetzt zum Abschluss der Spielzeit Peter Tschaikowskis „Pique Dame“ eine umjubelte Premiere feierte, schon während der Ouvertüre klar. Hinter einem hell erleuchteten Fenster kann man schemenhaft den Verlust der träumenden Unschuld einer jungen Frau beobachten. Ihr Verlobter, offenkundig eine schmierige Type, nimmt ihr gleich einmal ihren geliebten Teddy-Bären weg und betatscht sie ziemlich ungeniert - von wegen bloß „Diener, Freund, Tröster…“

Bereits dieses Vorspiel zeigt, dass das Stuttgarter Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer Interpretation dieser romantischen Oper genau hingeschaut hat. Der Intendant und sein Chefdramaturg entdeckten in der auf der gleichnamigen Erzählung von Alexander Puschkin basierenden Oper, deren Libretto von Peter Tschaikowskis Bruder Modest verfasst wurde (ein Teil des Textes stammt vom Komponisten selbst), unvermutet aktuelle Facetten. Und so sieht man auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses die hässliche Fratze einer sehr heutigen russischen Stadtlandschaft. Für die ungeschminkten Einblicke in die kleinbürgerliche Elendskultur der einstigen Zarenmetropole St. Petersburg hat Bühnenbildnerin Anna Viebrock einen ihrer typischen realitätsnahen Desillusionsprospekte entworfen.

Bröckelnde Fassaden

Er zeigt ein morbides Ensemble verwitterter Fassaden, bröckelnder Stucke und bizarrer Möblierungen. So fährt auf dem dauerrotierenden Bühnenkarussell der Epochen und Stile von vorrevolutionär bis postkommunistisch die Titelprotagonistin, eine abgehalfterte Gräfin, in ihrem Windfang-Mobil - halb Schrank, halb Schrein - aus den Beständen eines ehemaligen Stadtpalais wie eine Geisterfahrerin der Geschichte durch die wahllos zusammenmontierten Außen- und Innenansichten längst verblassten Glanzes. Verbunden sind sie durch Balustraden, Stiegen und Leitern, über die sich die Akteure unentwegt hinterhersteigen, verfolgen, belauern und beschleichen. Raum für Rückzug, so etwas wie Privatsphäre, einen Ort der Intimität gar sucht man in diesen antipotjomkinschen Trostlosigkeitskulissen vergebens - auch das Kämmerchen, in dem gleich zu Beginn Lisa ihrer Kindheit beraubt wird, ist nichts weiter als eine einfache Sperrholzattrappe. Aus diesem Labyrinth der Passionen und Obsessionen sieht sie am Ende für sich keinen anderen Ausweg als den des selbst gewählten Todes.

Kein Wunder, dass in dieser ungeschützten Trieb- und Treibhaushermetik die Aggressionen unter den Bewohnern der schäbigen Mietskasernen prächtig gedeihen und dissoziale Persönlichkeiten hervorbringen. Allen voran Lisas Geliebten German, der von Anfang an auch Züge eines Borderliners verrät. Er ist vollkommen unfähig, seine Gefühle für Lisa unter Kontrolle zu bringen. In seiner Angst vor Beziehungsverlust und seinem latenten Selbsthass kann er nicht anders, als kalt von sich zu stoßen, was er doch heiß und innig begehrt. Zuerst schlitzt er bei seinem emotionalen Erpressungsversuch mit seinem Messer Lisas Plüschkatze auf, ehe er an sich selbst und an Lisa herumzuritzen beginnt.

Von seinen Kameraden, die sich offenbar ohne echte Aufstiegsperspektive ebenfalls aus der Militär- in die Zivilgesellschaft verabschiedet haben, wird der Außenseiter, der sich hier mit Rucksack und Kapuzenjacke schon optisch als Student von seinen ziellos herumstromernden Kumpanen abhebt, gemobbt und körperlich misshandelt. Das Leben ist für German freilich bloß ein Spiel, dessen gnadenlose Grundregel er am Ende seinen Peinigern selbst mit roher Gewalt in Erinnerung ruft: „heute ich, morgen Du!“

Überhaupt zeigen uns Wieler und Morabito in ihrem surreal beschleunigten Bilderreigen, der vor allem nach der Pause Fahrt aufnimmt und als Psychothriller einen unwiderstehlichen Sog entwickelt, in den Chorszenen lauter mehr oder weniger beschädigte Figuren einer verrohten Gesellschaft. Die Masse der kleinen Leute wird als eine von den Umbrüchen der Gegenwart entwurzelte, pathologisierte Sozietät vorgeführt, in der Gewalt, Alkohol und Aggression an der Tagesordnung sind. Auch edle Abkunft schützt nicht vor sozialem Abstieg: Aus der Gräfin, die einst als Venus von Moskau den Hochadel zu becircen verstand, ist eine Puffmutter geworden, die am Ende mitsamt ihren Bordsteinschwalben unsanft in der St. Petersburger Obdachlosigkeit landet. Und auch das Prekariat der heilen Dichterwelt ungetrübter ländlicher Idyllen und materieller Sorglosigkeit wird hier in einer trefflichen Travestie gänzlich unromantisch zur Kenntlichkeit eines manipulierbaren und latent gewaltbereiten Kollektivs entstellt. Die Bastelstunde beim großen Maskenball hätte man sich allerdings schenken können, während die Huldigungsszene mit Katharina der Großen als Bikini-Flittchen ein schön trashiger Hingucker in diesem düsteren Setting ist.

Gefallene Venus

Unter den Sängern hinterließ bei dieser Premiere Bariton Vladislav Sulimsky als Graf Tomski, der es zum protzig-prolligen Oli­garchen gebracht hat, den stärksten Eindruck. Der junge Tenor Erin Caves als ungestümer Liebhaber und manischer Hasardeur German, der zunächst nur den Anderen beim Glücksspiel zugeschaut hat und erst von seinem Freund und Zigarrenliebhaber mit dessen Story von der gräflichen Zockerin und ihrem Geheimnis der drei unfehlbaren Karten Drei, Sieben, Ass angefixt wird, besticht vor allem darstellerisch, während er stimmlich noch nicht durchgängig jene Präzision, Geschmeidigkeit und Präsenz, mit der er seinen gebrochenen Glücksritter spielt, abzuliefern vermag. Rebecca von Lipinski gefällt ebenfalls vor allem durch ihr Spiel. In ihrem Minikleid mit Katzenmotiven beglaubigt sie die seelische Pein einer zwischen Hingabe und Verzweiflung hin- und hergerissenen jungen Frau mit Anmut - nur manchmal fährt sie auch die forcierenden Soprankrallen aus. Ein singdarstellerisches As schüttelt Helene Schneiderman mit ihrer anrührenden Verkörperung der moskowitischen Ex-Venus mit erotischer Reststrahlkraft aus dem Ärmel ihres mondänen Nachtschleifrocks. Ein unerwartetes Ausrufungszeichen schließlich vermochte Stine Marie Fischer als histrionische Polina (wie als leicht borderliniges German-Pendant Milowsor in der Pastorale) zu setzen.

Sylvain Cambreling am Pult des Staatsorchesters macht es den Sängern mit seinem fulminanten Soundtrack zu diesem furiosen Casino fatal, bei dem German am Ende unseelenruhig ins ewige Pique-Dame-Reich der untoten Wiedergänger spaziert, als sei alles nur Boulevard, gewiss nicht immer einfach. Doch bei allem Sinn für die emotionalen Siedegrade und Umschwünge reizt Cambreling das Potenzial der Partitur mit einem jederzeit durchhörbaren Wahnsinnsklang delikat aus. Man bekommt Intensität mit Dezenz, romantisches Pathos mit kammermusikalischer Präzision und fiebrigen Expressionismus mit melancholischer Verve geboten. Großes Romantikkino, garantiert kitschfrei - was will man mehr?

Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit: morgen, 24. und 27. Juni sowie 1., 6. und 24. Juli.