Der Schriftsteller Jochen Schmidt (links) war bei den Esslinger Literaturtagen Lesart mit seinem hochkomischen Gesellschaftsporträt „Hoplopoiia“ zu Gast bei Moderator Johannes M. Fischer. Foto: Gaby Weiß

Jochen Schmidt liest bei den Esslinger Literaturtagen Lesart aus seinem Roman „Hoplopoiia“. Was macht den Protagonisten Richard Sparka zum Stadtneurotiker des 21. Jahrhunderts?

Kritikern gilt Richard Sparka, der Hauptcharakter in Jochen Schmidts neuem Roman „Hoplopoiia“, als „Woody Allens Stadtneurotiker des 21. Jahrhunderts“. Kulturamtsleiterin Alexa Heyder outete sich in ihrer Begrüßung bei den Esslinger Literaturtagen Lesart als Fan: „Jochen Schmidt erzählt gnadenlos komisch über die existenziellen Ängste, die uns alle heimsuchen.“ Moderator Johannes M. Fischer, Chefredakteur der Eßlinger Zeitung, attestierte dem Berliner Autor einen „feinen Humor“, und das Publikum amüsierte sich bei der Lesung im Kunstdruck Centraltheater köstlich.

Dieser Richard Sparka ist ein verzagter Grübler und Miesepeter, geplagt von Ängsten und Neurosen. Er ist von den Herausforderungen des Alltags und vom Leben an sich völlig überfordert: Die Beziehung ist zu Ende, die Kinder werden selbstständig, die Eltern werden hilfsbedürftig, das Leben in der Stadt, in der er geboren wurde, ändert sich rasant, er kann nicht mehr mithalten. Richard Sparka, schon zum dritten Mal Protagonist in einem Roman von Jochen Schmidt, schreibt an einer Studie über die Schönheit, „vier Kapitelüberschriften hat er schon“. Und er räumt im Supermarkt Regale ein. Als Mini-Sabotageakte schüttelt er die Limo-Flaschen und stellt den teuren Crémant zu den Sonderangeboten: „Als Denkanstoß, irgendwas muss man ja tun.“

Rückblick in DDR: Wurde Protagonist Sparka „falsch programmiert“?

Ebenso tiefsinnig wie hochkomisch geht Jochen Schmidt mit seinem Protagonisten aus dem heutigen Berlin in Gedankenschleifen zurück in dessen Kindheit, Schulzeit und Jugend in der DDR und sucht nach Hinweisen, ob ihn das dortige Regime womöglich „falsch programmiert“ habe und er deshalb so lebensuntüchtig wurde. Der altgriechische Romantitel verweist auf den achten Gesang von Homers „Ilias“, wie Schmidt erläuterte: „Darin geht es um das Alter, in dem man Klugheit und Härte lernt und die Fähigkeit erwirbt, Rüstung und Waffen zu entwickeln, um durchs Leben zu kommen.“

Man lernt Richards Eltern kennen, die im „Archiv für Archivwesen“ arbeiteten, und man trifft auf jede Menge skurrile Gestalten wie den Musiklehrer Herr Foucault oder die Herren Weberknecht, Schreckeis und Frau Dr. Quinque aus dem Archiv. Der junge Richard Sparka ist im leistungsorientierten DDR-Schulsystem ein wissbegieriges Kind. Als begabter Mathematiker besucht er eine Ost-Berliner Eliteschule. „Und da kam dann die Wende dazwischen“, erzählt Jochen Schmidt lakonisch und wird persönlich.

Autor Schmidt: Von der Wende begeistert, aber auch verwirrt

Er selbst ist 1970 in Ostberlin geboren und aufgewachsen: „Von der Wende waren wir alle begeistert, erleichtert, euphorisiert. Aber wir waren auch verwirrt von den tausend Dingen, die plötzlich zu lernen waren. Es ging alles so schnell. Das alte Leben entglitt einem.“ Für Richard Sparka erklärt der Schriftsteller: „Vorher musste man zufrieden sein mit dem, was es gibt. Man jammerte nicht rum. Mit der Wende musste jeder plötzlich eigene Entscheidungen treffen. Und für die Frage ‚Was will ich eigentlich?‘ war Richard nicht erzogen worden.“ So hadere dieser Richard Sparka bis heute: „Er befragt sein Leben, wo die Abzweigung war, ab der es schief ging.“

Wie eine Girlande aus Gedanken und Motiven entwickelt sich „Hoplopoiia“ (C.H. Beck, 25 Euro) zu einem ebenso intellektuell anregenden wie unterhaltsamen Lesevergnügen über Ost-Berliner Vergangenheit und Gegenwart: Das ist mal klamaukig, wenn sich der verschwundene Abortschlüssel plötzlich in der Sahneschüssel wiederfindet, aber auch anrührend, wenn der DDR-Kollege „die Brille abnimmt, um Gott besser sehen zu können“. „Hoplopoiia“ ist ein großartiger Roman, und die Lesart-Veranstaltung mit Jochen Schmidt zeigte eindringlich, dass Ironie und Melancholie oft ganz eng beieinander stehen – und dass das Leben nur mit Humor zu ertragen ist.