Vom Hausbesetzer zum Festspielchef: Jochen Sandig. Foto: Jean-Baptiste Millot - Jean-Baptiste Millot

In seiner Jugend in Esslingen hat Jochen Sandig alles aufgesogen, was mit Kultur zu tun hatte. Dann machte er in Berlin Furore – als Mitgründer des Tacheles.

EsslingenSeine berufliche Karriere begann als Hausbesetzer in Berlin, jetzt residiert er im Palais Grävenitz in Ludwigsburg. Nach 30 Jahren kehrt Jochen Sandig in seine Heimat zurück, seit dieser Spielzeit leitet der in Esslingen geborene Kultur- und Theatermanager die Ludwigsburger Schlossfestspiele: „Weil ich sehr große Lust darauf habe, meiner Heimat etwas zurückgeben zu können.“

Nix wie weg aus der Provinz und auf nach Berlin – dieses Gefühl kannten damals viele: Als am 9. November 1989 die Mauer fällt, macht sich der 21-jährige Esslinger am nächsten Tag per Mitfahrzentrale auf in die Hauptstadt. Ein Jahr später sitzt Jochen Sandig als geladener Gast beim Staatsakt zur Wiedervereinigung in der Philharmonie, nur weil er kurz nach seiner Ankunft in Berlin ein berühmtes Haus besetzt hat, das Kunsthaus Tacheles an der Oranienburger Straße im Osten. Sandig gehörte zu den Mitbegründern der Künstlerinitiative Tacheles und gestaltete jahrelang dort das Kulturprogramm. „Das entwickelte sich zu einem internationalen Durchlauferhitzer, und ich war mittendrin. Durch die Erfahrung, die ich als Mitgründer der Esslinger Musik Initiative gemacht hatte, konnten wir einen eingetragenen Verein gründen und professionelle Strukturen aufbauen.“

Als Kind ging er in die Lerchenäckerschule in Oberesslingen, nahm dann auf dem Theodor-Heuss-Gymnasium alles mit, was an Kultur geboten war: Chor, Orchester, Theater-AG. Seine Mutter, eine Erzieherin, stammt aus dem österreichischen Linz, der Vater ist Ingenieur aus dem sächsischen Meißen. Sie trafen sich auf den Fildern und blieben dann in Esslingen. Sandig ist dankbar, was er alles von zu Hause mitbekommen hat: musikalische Früherziehung, Klavierunterricht, Konzerte in der Stuttgarter Liederhalle – und ein starkes soziales Engagement. „So lange ich mich erinnern kann, haben sich meine Eltern aktiv für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt, aus einem ökumenischen und ökologischen Ansatz heraus.“ Margit und Hellfried Sandig leben heute noch in Oberesslingen und sind „im Glück“, den an Berlin verlorenen Sohn nun wieder öfter zu sehen.

Er leistet seinen Zivildienst in der Esslinger Kinderklinik, spielt in Bands und „hatte ursprünglich den Traum, nach Berlin zu gehen, um dort mit eigener Band durchzustarten.“ Offiziell schreibt er sich als Student der Psychologie und Philosophie ein – und wirbelt durch die Kulturszene, „mitten in einer Schicksalszeit, die die geteilte zu einer wiedervereinigten Stadt gemacht hat.“ Im Tacheles lernt er eine junge Choreografin aus Karlsruhe kennen, gemeinsam gründen sie in Berlin eine baden-württembergische Ehe und eine Tanzkompanie, die heute weltberühmt ist und den Namen der Gattin trägt: Sasha Waltz & Guests. Es folgen die Sophiensaele als neue Produktionsstätte für Tanz und Theater, danach docken Sasha Waltz und Sandig mit ihrer Kompanie bei der Schaubühne am Lehniner Platz und Thomas Ostermeier an, wo berühmte Tanzstücke wie „Körper“ entstehen.

2005 wird Sandig zum Mitbegründer des Kulturzentrums Radialsystem in einem umgebauten Pumpwerk direkt an der Spree. Neben modernem Tanz stehen dort vor allem Alte Musik und Jazz auf dem Programm. „Immer wenn ich gemerkt habe, dass ich an einen Punkt komme, an dem ich mich selbst nicht mehr weiter entwickle, wollte ich etwas Neues beginnen“, sagt Sandig. Bringt ihn das nun zurück in die Heimat? In Berlin würden ihn manche fragen, warum er „in die Provinz zurückgeht“, erzählt der neue Intendant: „Für mich fühlt sich das nicht wie Provinz an, hier liegen meine Wurzeln. Für mich ist es wichtig, genau hinzuschauen: Was ist hier eigentlich entstanden?“ Er rühmt die „Gesellschaft in ihrer kulturellen Vielfalt und Breite“, die er hier erlebt, den starken Mittelstand, die geringe Arbeitslosigkeit und Baden-Württemberg als Innovationsschmiede, wo Integration seit Jahrzehnten vorbildhaft gelebt wird. Genau da sieht er einen wichtigen Ansatz zu „Festspielen neuer Prägung, die ich wirklich als ein inklusives Festival für alle verstehe“. Ohne das Stammpublikum zu verlieren, will Sandig neue Zuschauer gewinnen, die sich bisher nicht angesprochen und eingeladen fühlten: „Ich möchte die 360-Grad-Gesellschaft erreichen, also Menschen, die ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft sind.“ Daher denkt er über Angebote nach, die wenig oder keinen Eintritt kosten, eine Zusammenarbeit etwa mit dem Straßenmusikfestival im Blühenden Barock. „Von dem ausgehend, was wir haben, können wir viel erreichen, wenn wir uns verbünden und mit Partnern auf unterschiedlichen Ebenen zusammenarbeiten.“

Sandig ist dazu mit halb Baden-Württemberg im Gespräch, hat man den Eindruck: Mit den drei Intendanten des Stuttgarter Staatstheaters, mit dem Tänzer und Choreografen Eric Gauthier und seinem Colours-Festival, mit dem Stuttgarter Kunstmuseum, dem Marbacher Schiller-Museum, dem ZKM in Karlsruhe oder der Akademie Schloss Solitude. Und mit Esslingen, denn „das Podium-Festival Esslingen ist für mich als Partner eine wichtige Plattform, die europaweit wertgeschätzt wird für ihre innovativen Zukunftsformate im Konzertwesen.“

Am liebsten würde er „von Ludwigsburg aus gleich ganz Baden-Württemberg bespielen“, lacht Sandig, auf jeden Fall will er die „Internationalen Festspiele Baden-Württemberg“ mit neuen Ideen füllen und durch überregionale Aktivitäten sichtbar machen. Dazu gehören auch starke Partner aus der Wirtschaft: „Die Public-Private-Partnership ist als Grundidee hier sehr viel stärker möglich als in Berlin, das muss ich ganz klar sagen.“ Der Tanz, der unter Vorgänger Thomas Wördehoff stark ausgehungert wurde, „wird wieder einen herausragenden Stellenwert im Rahmen der Festspiele bekommen. Tanz und Musik betrachte ich als ein unzertrennliches Geschwisterpaar.“

Konzerte, Opernprojekte, choreografische Opern, Barockmusik und langfristig auch Uraufführungen: Sandig will „das Schloss wieder stärker zum Zentrum des Festivals machen und als Begegnungsort öffnen“. Näheres gibt er an diesem Freitag bei seiner ersten Ludwigsburger Pressekonferenz bekannt. Fest steht bereits, dass die Festspielzeit auf acht Wochen verkürzt wird, an denen vor allem die Wochenenden dicht vollgepackt sind: „Nur dann, wenn sie mehrere Aufführungen sehen können, kommen Menschen von außerhalb auch mal für zwei, drei Tage.“ Aber bitte mit der Bahn: Sandig bewegt sich zwischen Berlin und Stuttgart nur so und möchte auch Künstler und Publikum vom umweltfreundlichen Reisen überzeugen. Als Mitbegründer des „World Human Forum“ in Delphi, eines humanistischen Gegenentwurfs zum jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos, imponiert dem neuen Festspielchef sehr, dass Ludwigsburg 2014 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde.

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