Joachim Zelter zeigt sich einmal mehr als Meister des Erzählens. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Bei den Esslinger Literaturtagen LesART hat Joachim Zelter sein neues Buch „Im Feld“ vorgestellt – einen Roman über die Obsession des Radfahrens.

EsslingenEigentlich ist das Fahrrad ein Fortbewegungsmittel, doch für viele ist es Ausdruck einer Lebenseinstellung geworden. Ihnen genügt es nicht mehr, von einem Ort zum anderen zu radeln – heutzutage muss es schon ein bisschen mehr sein: Gerät und Kleidung müssen hohen Ansprüchen genügen, und für viele wird das Radeln zur sportlichen Herausforderung – je weiter und je schneller, desto besser. Der Tübinger Autor Joachim Zelter kennt die Faszination des Radfahrens. Er besitzt fünf Drahtesel, und wenn es ihn in den Beinen juckt, radelt er mal eben von Tübingen nach Freiburg. Da mag es nicht verwundern, dass er seinen neuen Roman „Im Feld“ dem Radfahren gewidmet hat. Oder besser: denen, die diesen Sport obsessiv betreiben. Zelter hat es gereizt, tief in deren Seelen zu blicken. Was aus seinen Feldstudien geworden ist, ist für ihn jedoch weit mehr als nur irgendein Radfahrer-Roman: „Was ich schildere, ist eine Metapher für unsere Gesellschaft“, verriet er im Kutschersaal, wo er aus Anlass der Esslinger LesART zu Gast war.

Zelter ist Stammgast bei der LesART

Für Zelter ist die Stadtbücherei fast ein zweites Wohnzimmer. Vor Jahren war er als Bahnwärter-Stipendiat nach Esslingen gekommen, seither ist der Kontakt nie abgerissen. Und weil Zelter nicht nur ein guter, sondern auch ein produktiver Autor ist, zählt er zu den Stammgästen der LesART. Das ist auch seiner einprägsamen Art des Vortrags geschuldet. Wer Zelter live erlebt hat, wird seinen pointierten Sprachduktus, der perfekt zu seinen oft tragikomischen Texten passt, beim Lesen stets im Ohr haben. Er ist ein Meister der (Selbst-)Ironie, seine Romane durchzieht ein angenehm satirischer Unterton, der wie geschaffen ist für seinen neuen Roman „Im Feld“ (Verlag Klöpfer & Meyer, 20 Euro).

Passionierte Pedaleure vermitteln gern den Eindruck, dass Radfahren eine ziemlich ernsthafte Angelegenheit sein kann – vor allem, wenn man sich und anderen beweisen muss, was man kann. Und was bisweilen harmlos beginnt, kann leicht groteske Züge annehmen – zumindest in Zelters Roman. Dessen Erzähler will an Himmelfahrt mit Gleichgesinnten durch den Breisgau radeln, doch die Jedermann-Tour, die der Radfahrverein anbietet, wird zum Höllentrip. Plötzlich stößt ein Mann namens Landauer dazu, dessen Namen Eingeweihte mit Ehrfurcht aussprechen. Anfangs spornt er die Ungeübten an, den inneren Schweinehund zu überwinden, hier und da gibt er Tipps, wie man die eigene Muskelkraft besser auf die Straße bringt. Doch dann verschärft Landauer, dem man die Leitung der Gruppe aus diffusen Gründen eigentlich entzogen hatte, mehr und mehr das Tempo. Manche verstecken sich hinter Bäumen, um aussteigen zu können. Doch die meisten hindert der Gruppendruck am Aufgeben. So führt die Tour bis in die Vogesen, und ehe sich’s die arglosen Radler versehen, haben sie 345 Kilometer und 4367 Höhenmeter absolviert – Szene-Kenner sprechen von einer „Sägeblatt-Tour“: einen Berg nach dem anderen geht es erst hoch und dann wieder hinunter. So wird aus einer harmlosen Himmelfahrtstour ein Himmelfahrtskommando. Und der Erzähler muss auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, durch die Hölle gehen.

Figuren wie Landauer, denen man in der Literatur immer wieder begegnen kann, haben es Zelter angetan, wie er im angeregten LesART-Dialog mit dem vorzüglichen Moderator Uwe Kossack verriet: „Für viele ist er ein Gott, doch er wird auf dieser Tour auch zum Teufel, weil er Leute mitreißt, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen und auch gar nicht tun können. Trotzdem schaffen sie es nicht, auszusteigen, obwohl sie spüren, dass sie aufhören sollten. Ich wollte mit diesem Buch zeigen, wie man in solch einen Sog gerät, aus dem man nicht mehr herausfindet. Das ist wie ein kafkaesker Rausch. Und die allermeisten sind dann bis zu einem bestimmten Grad auch verführbar.“ Dafür findet Joachim Zelter die perfekte Sprache: So wie ein obsessiver Pedaleur mit jeder Umdrehung mehr mitgerissen wird, so muss sich auch der Leser dieses grandiosen Buches mit jeder Zeile mehr dem Reiz dieser Geschichte hingeben.

Metapher auf unsere Gesellschaft

Man kann „Im Feld“ als einen Radfahrer-Roman lesen, doch dieses Buch ist weitaus mehr, weil es dem Leser ganz viel über die Natur des Menschen verrät – und über unsere heutige Zeit. „In unserer Gesellschaft ist es wie bei einem Radrennen“, findet Zelter. „Je bereitwilliger man sich dem Leistungsdruck und der subtilen Tempoverschärfung aussetzt, desto schwerer wird es, auch nur eine Pedalumdrehung auszulassen. Andererseits hat es derjenige, der abgehängt wurde und Arbeit oder Wohnung verliert, heute schwer, wieder den Anschluss zu schaffen.“ So kann das Radeln auch für einen Schriftsteller und seine Leser erhellende Wirkung haben. Als versierter Autor und passionierter Radfahrer weiß Zelter, dass beides eine Menge gemeinsam hat: „Das Wichtigste ist eine gewisse Hartnäckigkeit, die man im Sattel ebenso braucht wie am Schreibtisch.“

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