Jimmy Carters Amtszeit als US-Präsident endete mit einem außenpolitischen Desaster. Innenpolitisch war er mit seinem Versuch die Energiewende einzuleiten seiner Zeit voraus. Was bleibt von ihm nach seinem Tod?
Als im Jahr 1979 iranische Revolutionäre mehr als 50 US-Botschaftsangehörige in Teheran mit verbundenen Augen als Geiseln vorführten, war das für Jimmy Carter ein Desaster. Die US-amerikanische Nation stand unter Schock, die Welt hielt den Atem an. Seither musste sich der damalige US-Präsident Carter dem Vorwurf erwehren, ein Schwächling zu sein. Doch dieser Ruf wird dem Friedensnobelpreisträger, der jetzt mit 100 Jahren am Sonntagnachmittag in Plains im US-Bundesstaat Georgia gestorben ist, in keinem Fall gerecht.
Schon lange vor dem Ende seiner Amtszeit galt der fromme Erdnussfarmer Jimmy Carter aus Georgia als Auslaufmodell. Gegen den Schauspieler Ronald Reagan hatte er bei den Wahlen 1980 keine Chance. Was nicht zuletzt mit der misslungenen Befreiungsaktion, im April 1980 zusammenhing. Die ausgebrannten US-Hubschrauber-Wracks der „Operation Eagle Clan“ gerieten zu Sinnbildern einer glücklosen Präsidentschaft. Carters Ansehen sank auf den Nullpunkt.
Der fromme Baptist engagierte sich in Kirche und Politik
Dabei feierten die Medien seine Wahl zum 39. Präsidenten der USA im November 1977 als eine kleine Sensation. Carter gelang als erstem Kandidaten aus dem tiefen Süden der USA der Einzug in das Weiße Haus.
Er kam am 1. Oktober 1924 als James Earl „Jimmy“ Carter in Plains im US-Bundesstaat Georgia zur Welt. Als junger Mann ging er zur Marine, machte 1946 an der Navy-Akademie in Annapolis, Maryland, seinen Abschluss. Bis 1951 fuhr er Einsätze auf verschiedenen Schiffen, absolvierte mehrere Offiziers-Lehrgänge und begann ein Studium der Kernphysik. Als sein Vater 1953 verstarb, verließ er die Navy.
Jimmy kehrte nach Georgia zurück, wo er sich um die familieneigenen Baumwoll- und Erdnuss-Plantagen kümmerte. Der fromme Baptist engagierte sich in Kirche und Politik. 1962 zog er auf dem Ticket der demokratischen Partei in den Senat des Bundesstaats ein. Nach seiner Wahl zum Gouverneur des Südstaates, 1970, forderte Carter als erster Amtsträger des Südens auf Bundesebene das Ende der Rassentrennung.
Carter positionierte sich als „Anti-Nixon“
Nach nur einer Amtszeit strebte er nach höheren Weihen. Überraschend setzte er sich 1976 bei den Vorwahlen als Kandidat der Demokraten durch. Wie so oft in der US-Präsidentschafts-Geschichte profitierte er davon, so ganz anderes zu sein als sein mittelbarer Vorgänger Richard Nixon, der über die Watergate-Affäre stürzte. Mit dessen Begnadigung verscherzte es sich dessen Nachfolger Gerald Ford bei den Wählern. Carter gelobte bei Amtsantritt, das verlorene Vertrauen der Bürger in die Politik wiederherzustellen. Seine Regierung wolle er so gut machen, „wie das amerikanische Volk“.
Die Voraussetzungen für die versprochene „moralische Wende“ konnten nach den düsteren Watergate-Jahren kaum besser sein. Carter positionierte sich als „Anti-Nixon“. Doch die Dynamik des Aufbruchs währte nur kurz. Das lag auch daran, dass er es ernst meinte. Carter tat sich schon schwer mit dem üblichen politischen Geben und Nehmen. „Er mochte den Kuhhandel als Bestandteil der Politik nicht“, ist sich der Leiter des Presidential Oral History Programs an der Universität von Virginia, Russell Riley, rückblickend sicher. Ähnlich wie Barack Obama 30 Jahre später, so Riley, wollte Carter dem üblichen Politikstil in Washington ein Ende setzen. Er sei auch gescheitert, weil er nicht in der Lage war, in Washington adäquat zu funktionieren.
Jimmy Carter trug demonstrativ einen Wollpullover
Doch woran lag das? Einerseits sicher an seinem unerfahren Regierungsteam, das Carter zu großen Teilen aus Georgia mitgebracht hatte und mit dem er sich schnell im Kleinklein des Washingtoner Polit-Alltags verlor. Außerdem machten Carters fehlender Rückhalt in den Spitzen des Hauptstadt-Establishments und die mangelnde Managementerfahrung sich umso stärker bemerkbar, weil Krisenmanagement von Anfang an in seiner Amtszeit gefragt war.
Bei seinem Amtsantritt ererbte er eine denkbar schwache US-Wirtschaft. Hohe Inflation und wachsende Arbeitslosigkeit sorgten für eine Krisenstimmung in den USA, die sich durch die zweite Ölkrise im Jahr 1979 nur noch weiter verschärfte. Carter versuchte dem mit einer Nachhaltigkeitsagenda zu begegnen, die ihn zu einem Urvater der „Grünen“-Bewegung machte. Unvergessen bleibt der Appell des amerikanischen Präsidenten an seine Landsleute, Energie zu sparen.
Als wollte er sagen, es geht auch mit weniger, trug Carter demonstrativ einen Wollpullover. Ganz im Gegensatz zu dem von Konsum geprägten Alltag der Amerikaner, versuchte er in seiner berühmten „Malaise-Rede“ von 1979 eine Trendwende einzuleiten. In einer Ansprache an die Nation forderte er seine Landsleute zur Rückkehr zu den traditionellen amerikanischen Werten auf. Die Bürger sollten Fahrgemeinschaften bilden und die Heizungen in ihren Häusern herunter drehen.
Carter scheiterte auch an der Energiewende
„Carter war der erste Präsident, der eine ausgearbeitete Strategie hatte, mit unserer Abhängigkeit von Öl umzugehen“, betont Julian Zelizer, Princeton-Professor und Autor eines Buches über Jimmy Carter. Nicht alles davon wurde umgesetzt, so Zelizer. „Aber wenn man sich die Ideen seiner Präsidentschaft anschaut, dann ist vieles dabei, was Umweltschützer noch heute erreichen wollen.“
Carter war mit seinem Versuch, die Energiewende einzuleiten schlicht seiner Zeit voraus. Nach anfänglichem Lob ging der Schuss bald nach hinten los. Statt bei den Bürgern für Aufbruchstimmung zu sorgen, so die Kritik an Präsident Carter, verbreitete er Abstiegsangst. Bis zum Ende seiner Amtszeit gelang es Carter nicht die Wirtschaftslage zu verbessern. 1980 lag die Inflationsrate bei mehr als zehn Prozent, die Arbeitslosenquote bei mehr als sieben.
Für sein Lebenswerk erhielt Carter den Friedensnobelpreis
In der Außenpolitik lief es zunächst besser an. Frisch im Amt skizzierte er in einer Grundsatzrede im Mai 1977 seine Prioritäten. Um die moralische Glaubwürdigkeit der USA in der Welt nach Vietnam wiederherzustellen versprach er, das Thema Menschenrechte zum Dreh- und Angelpunkt seiner Politik zu machen. Einen historischen, oft vergessenen, Erfolg erreichte Carter 1979: Nach Geheimverhandlungen unterzeichneten der damalige israelische Premier Menachem Begin und der damalige ägyptische Staatspräsident Anwar el Sadat im Beisein Carters ein Friedensabkommen, wofür sie noch im selben Jahr den Friedensnobelpreis erhielten. Dieser Vertrag zwischen Ägypten und Israel ist bis heute in Kraft.
Ebenfalls nach wirkt sein Engagement in Afghanistan. Als Reaktion auf den sowjetischen Einmarsch verkündete der Präsident 1980 die sogenannte Carter-Doktrin. Demnach betrachtet Washington jeden Versuch, die Region am Persischen Golf unter fremde Kontrolle zu bringen als Angriff auf vitale US-Interessen und wird dies notfalls auch militärisch verhindern. Im Zuge des sowjetischen Einmarsches begann unter Carter auch die Ausbildung und Aufrüstung der afghanischen Mudschahedin mit modernen Waffen, die später gegen die USA selbst eingesetzt werden sollten. Es gehört zu seiner außenpolitischen Bilanz, dass sich die USA in seiner Amtszeit selber nicht direkt in kriegerische Konflikte verwickelten.
Das Iran-Geiseldrama trug mehr als alles andere zu Carters klaren Wahlniederlage gegen Ronald Reagan 1980 bei. Selten zuvor verließ jemand, der mit so viel Idealismus gestartet war, das Weiße Haus so ernüchtert. Doch statt enttäuscht aufzugeben, knüpfte der Ex-Präsident an früheren Initiativen an. Mit dem von ihm in Atlanta gegründeten Carter Center setzte er sich weltweit für Menschenrechte und Konfliktvermittlung ein. Für sein Lebenswerk erhielt Carter 2002 den Friedensnobelpreis.
Entgegen der Gepflogenheiten kritisierte er auch nachfolgende Präsidenten
Ansehen erwarb sich Carter auch für seinen gelebten Glauben. Selbst nach einer schweren Erkrankung mit einem Gehirntumor setzte er in seiner baptistischen Heimatgemeinde noch im hohen Alter seine Arbeit als Diakon fort. An Sonntagen strömten über die Jahre Zehntausende zu seinen Klassen in der Bibelschule.
Zahlreiche Beobachter halten Carters Zeit als Ex-Präsident für erfolgreicher und bedeutender als das Wirken während seiner Amtszeit. Er mischte sich wiederholt in die US-Politik ein. Entgegen der Gepflogenheiten kritisierte er auch nachfolgende Präsidenten – zuletzt den Republikaner Donald Trump. „Carter hat gezeigt, was man als Ex-Präsident leisten und wie man weiter in der internationalen Politik aktiv bleiben kann“, so Carter-Biograf Zelizer. Nach seinem Tod bleibt Jimmy Carter als Comeback-Präsident in Erinnerung, dem das Glück im Amt zwar nicht zur Seite stand, dessen Prinzipientreue ihn aber zu einem der ganz Großen gemacht hat.