Nico Willig dirigiert nun wieder die A-Junioren des VfB. Foto: dpa - dpa

Nico Willig äußert sich im Interview über den Abstieg und den Neustart des Fußball-Zweitligisten VfB Stuttgart.

StuttgartNico Willig ist der Trainer, unter dem der VfB Stuttgart am 27. Mai in die zweite Bundesliga abgestiegen ist. Nachgetragen wird das dem 38-Jährigen aber nicht im Umfeld des Fußballclubs. Nun ist der Coach zurück bei den U-19-Junioren des VfB – und blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Zeit als Bundesligatrainer.

Der Abstieg des VfB Stuttgart ist fast zwei Monate her. Wie geht es Ihnen?
Danke, wieder gut.

Wieder? Dann hatten Sie also zu knabbern im Anschluss an die Relegationsspiele?
Es wäre doch schlimm, wenn es nicht so gewesen wäre.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie den Blick wieder nach vorne richten konnten?
Eine Woche des Familienurlaubs ist dafür schon draufgegangen. Und ich gebe gerne zu: Selbst heute noch suche ich nach dem einen Tor, das wir hätten mehr schießen oder weniger bekommen können. Oder nach den Prozenten, die am Ende gefehlt haben. Aber ich denke, das ist für einen Trainer ganz normal.

Sie könnten es sich einfach machen und sagen: In der begrenzten Zeit, die ich hatte, war diese Saison nicht mehr zu retten.
So einfach mache ich es mir aber nicht. Klar, ich habe nach einem 0:6 in Augsburg übernommen – und wir sind uns sicher alle einig, dass das Kind da schon tief drin war im Brunnen. Trotzdem hatten wir die Chance, das Ding noch zu drehen. Wir waren uns sicher, dass wir das schaffen werden und haben ja auch eine neue Dynamik reingebracht. Es hat aber am Ende nicht gereicht, und wir waren diejenigen, die in den Relegationsspielen in der Verantwortung standen. Deshalb kann ich jetzt auch nicht sagen, das Alles wurde schon Wochen vorher verbockt.

Sind Sie auf Ihrer Suche nach den Toren und Prozenten, die gefehlt haben, schon auf eine Antwort gestoßen?
Natürlich gibt es zig Situationen und Entscheidungen, durch die sich ein Spiel hätte anders entwickeln können. Aber es bringt nun auch nichts, sich ewig damit auseinanderzusetzen. Ich nehme das Ganze mittlerweile als Erfahrung, aus der ich für die Zukunft viel gelernt habe.

Was gab denn aus Ihrer Sicht den Ausschlag, dass Sie die anfangs entfachte Dynamik nicht aufrechterhalten konnten?
Die Siege gegen Borussia Mönchengladbach oder den VfL Wolfsburg waren einfach andere Spiele als die Partien gegen Union Berlin. Da mussten wir uns plötzlich auf ganz andere Dinge einlassen als zuvor. Erst mussten wir nur punktuell aktiv sein und konnten reagieren, dann mussten wir das Spiel machen. Diesen Wechsel haben wir nicht hinbekommen. Dazu kamen die Spielverläufe, die uns vor genau diese Probleme gestellt haben. Da ist dann tatsächlich diese Dynamik wieder verloren gegangen.

Sie haben das sehr sportlich und taktisch analysiert. Man könnte auch sagen: Diese Mannschaft hat als Team einfach nicht funktioniert.
Ich kann nur für die fünf Wochen sprechen, in denen ich im Amt war. Und in dieser Zeit hatten wir keinerlei disziplinarische Probleme, alle haben mitgezogen und sich auf das eingelassen, was wir angestoßen haben.

Es wurde in diesen fünf Wochen immer wieder betont, dass Sie nach dieser Mission wieder die U 19 des VfB übernehmen werden. Haben Sie nie Lust verspürt, weiter auf der großen Bühne zu arbeiten?
Während dieser Zeit gab es für mich nur ein Thema: den VfB in der Bundesliga zu halten. Danach war ich erstmal im Loch – da brauchst du ganz sicher keine große Bühne. Und ganz generell gilt: Ich habe keinerlei Zeitdruck, sondern habe mich wieder sehr auf die Arbeit mit der U 19 gefreut. Seit zwei Wochen läuft die Vorbereitung – die dieses Gefühl bestätigt hat. Es macht einfach wieder Spaß. Was die Zukunft bringt, wird man sehen.

Was haben Sie dennoch auf der großen Bühne für sich mitnehmen können?
Dass meine Art der Kommunikation – nach außen und mit der Mannschaft – ankommt, dass meine Methoden funktionieren können. Diese Bestätigung für mein Tun habe ich aus diesen Wochen schon gezogen.

Kürzlich, auf der Mitgliederversammlung des VfB, waren Sie kurz auf den riesigen Leinwänden zu sehen. Es gab spontan Applaus der Mitglieder – wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Ich war überrascht und geehrt, dass es Applaus gab, obwohl ich in den entscheidenden Spielen gegen den Abstieg auf der Bank saß. Ich bekomme trotz allem viele positive Rückmeldungen, will mich aber keineswegs aus der Verantwortung nehmen. Ich als Trainer wollte diese Spiele gewinnen. Das war der Maßstab, das ist nicht gelungen – und das tut mir immer noch leid und weh.

Gab es mal einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Hätte ich nur die Finger von dieser Mission gelassen?
Nein, den gab es nicht. Ich war mir ja vorher darüber bewusst, was passieren kann – im Positiven wie im Negativen. Und wenn ich diesen Mut nicht gehabt hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich mein Leben lang geärgert, dass ich es nicht versucht habe.

Der VfB hat nach dem Abstieg einen sportlichen Neuanfang ausgerufen. Was halten Sie denn von den Plänen und Personen?
Es ist ein kompletter Umbruch – in Sachen Spielidee und Kaderzusammenstellung. Und ich glaube, es ist auch der richtige Weg, nach einem Abstieg die Dinge auf links zu drehen, sie neu anzugehen, und so eine neue Dynamik zu entwickeln.

Gab es schon einen Austausch mit dem Trainerteam der Zweitligamannschaft?
Ja, Tim Walter und ich haben uns schon über unsere künftige Zusammenarbeit, über unsere Spieler und über die künftige Spielidee ausgetauscht. Wir haben uns auch darüber unterhalten, welche Dinge ihm fußballerisch wichtig sind. Schließlich ist es wichtig, dass ich das – wenn auch nicht in der ganzen Komplexität – auf unsere Mannschaft übertrage. Allein deshalb, dass es Spieler, die oben reinschnuppern dürfen, dann einfacher haben. So groß sind die Unterschiede in unserer Herangehensweise aber auch gar nicht. Und: Wir kennen uns schon länger aus dem Juniorenbereich.

Als was für einen Typen haben Sie Tim Walter denn kennengelernt?
Er ist sehr offen, zugänglich und umgänglich. Seine Art, Dinge klar und direkt auszusprechen, finde ich sehr positiv.

Für den Nachwuchs soll die Tür beim VfB nun wieder offenstehen. Haben Sie das Gefühl, dass dieses Motto auch gelebt wird?
Tim Walter kommt selbst aus dem Nachwuchsbereich, das halte ich schon mal für einen großen Vorteil. Er kennt die Sorgen, Wünsche und Nöte der Jugendtrainer. Dass zu Beginn der Vorbereitung fünf Spieler der letztjährigen A-Junioren bei den Profis dabei waren, ist doch auch schon mal ein gutes Zeichen.

Welchen Talenten trauen Sie es denn zu, sich oben festzubeißen?
Aktuell sind ja nur noch Luca Mack und David Grözinger so richtig dabei. Aber: Auf Strecke kann es jeder dieser Jungs schaffen. Das entscheidet sich nicht in den nächsten drei Wochen. Wenn die Jungs 20, 21 Jahre alt sind, dann wird sich ihr Weg weisen.

Die A-Junioren des VfB sind im vergangenen Jahr Pokalsieger und deutscher Vizemeister geworden. Lässt sich das in der kommenden Saison wiederholen?
Wir hatten in der vergangenen Saison schon bis zu acht Spieler dabei, die dem jüngeren A-Jugend-Jahrgang oder sogar der B-Jugend angehört haben. Für diese Spieler war es einfach wichtig zu sehen, dass ihr Fleiß – wir haben bis zu siebenmal pro Woche trainiert – eine positive öffentliche Resonanz erzeugt. Das wird sie darin bestärken, auch weiterhin Gas zu geben und sich auf den Fußball zu fokussieren – egal, ob am Ende Titel gewonnen werden oder nicht. Das wird Antrieb für die kommenden Monate sein. Aber: Es ist ein neues Puzzle. So ein wenig beginnen wir wieder bei Null. Es ist eine neue Mannschaft, die eine neue Geschichte schreibt.

In Leon Dajaku hat sich ein Spieler zum FC Bayern verabschiedet, der auch hätte noch in der U 19 spielen können. Bedauern Sie seinen Abgang?
Wir haben in die Entwicklung von Leon in den vergangenen zwei Jahren viel Kraft, Gedanken und Energie investiert. Daher tut es natürlich weh, wenn er nun den Verein verlässt. Wir hätten uns gewünscht, dass er irgendwann in der Mercedes-Benz-Arena für den VfB spielt. Aber er selbst und der Club haben sich anders entscheiden, das müssen wir akzeptieren.

Sie sind für die A-Junioren zuständig. Verfolgen Sie die Profimannschaft seit Ihrem Engagement dort eigentlich anders als vorher?
Früher habe ich Vorbereitungsspiele der Profimannschaft nicht so aufmerksam verfolgt, nun war das tatsächlich anders. Aber nun gibt es ein Problem.

Welches?
Wir nehmen mit dem A-Junioren in der kommenden Woche am Turnier von Jürgen Klinsmann in Los Angeles teil – und müssen noch checken, ob wir den Zweitligaauftakt trotz der Zeitverschiebung überhaupt anschauen können.

Und Jürgen Klinsmann bringen Sie danach gleich mit zum VfB?
(lacht) Für die Reiseplanung bin ich nicht zuständig.

Das Interview führte Dirk Preiß.

Zur Person

Nico Willig wurde am 11. Dezember 1980 in Tübingen geboren, spielte er in seiner aktiven Karriere ausschließlich für die TSG Balingen in der Verbands- und Oberliga. 2013 wurde er TSG-Trainer. 2015 wechselte Willig als U-19-Trainer zu den Stuttgarter Kickers, 2016 ging er zum VfB Stuttgart, wo er in der Folge verschiedene Jugendteams trainierte. Am 21. April 2019 übernahm Willig die Profis als Interimscoach bis Saisonende. Nun trainiert er wieder die U 19. 2016 bestand er den Lehrgang zum Fußballlehrer in Hennef – mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco bildete er dabei eine Fahrgemeinschaft.

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