Der Ausnahmegitarrist Joe Bonamassa ist am Donnerstagabend bei den Jazz Open in Stuttgart aufgetreten. Bilder und Kritik vom Konzert auf dem Schlossplatz.
Der Ehrenhof des Neuen Schlosses ist rappelvoll, 6800 sind gekommen, um die Gitarristen Joe Bonamassa und Kenny Wayne Shepherd spielen zu hören. Dieser Plan geht auf: Beide solieren nach Herzenslust, als gäbe es kein Morgen. Und in beider Combos spielt jeweils ein ehemaliger Musiker von Double Trouble, der Band des legendären Blues-Idols Stevie Ray Vaughan – der Drummer Chris „Whipper“ Layton bei Shepherd, der Organist Reese Wynans bei Bonamassa.
Shepherd wärmt den Platz emotional auf mit sonnigem Blues und einem glockigen Stratocaster-Sound, den Jimi Hendrix einst prägte und den seither Millionen Gitarristen zu replizieren versuchen. Shepherd ist nah dran, eine ausführliche Coverversion von „Voodoo Child“ sein gut eingeübtes Markenzeichen. Die hebt er sich natürlich für den Schluss auf, und während er sich in eine Art Trance soliert, wird offenbar, dass der ihm der Blues näher ist als der Rock.
Ein Blues-Senior stiehlt sie Show
Zum eigentlichen Schmankerl aber wird ein Gastauftritt von Bobby Rush, 91, der im Glitzersakko den Blues singt, als hinge sein Leben davon ab. Als versierter Mundharmonikaspieler duelliert er sich mit Shepherd im Frage-Antwort-Spiel, vom Publikumschor bekommt er als Echo die ultimative Bestätigung seines Tuns: „The Blues is alright!“
Die Stimmung ist prächtig, und Joe Bonamassa hat nun die Aufgabe, dem noch etwas hinzuzufügen. Seine Darbietung ist ein krasser Gegenentwurf zu Kylie Minogues Glitzervarieté vom Vorabend: Bonamassa verzichtet diesmal sogar auf den braven Anzug, den er sonst gerne trägt – er signalisiert in unspektakulärem Schwarz, dass es ihm nur ums Spielen geht.
Ein Anwärter auf die Krone
Das tut er sehr ausführlich. Gäbe es eine Statistik mit den zeitlichen Anteile von Gitarrensoli bei Rockkonzerten, Bonamassa wäre ein Anwärter auf die Krone. Seine Finger laufen und laufen und entlocken den Gitarren Gefühlszustände aller Art. Anders als Shepherd tendiert Bonamassa zum kernigen Rock, er spielt weniger reinen Blues und verwendet mehr klassisches Moll.
Wie üblich wechselt er gern das Instrument. Im Gitarrenladen seines Vaters hat Bonamassa früh gelernt, dass jedes Modell seinen eigenen Charakter hat. Er steigt mit einer Gibson SG ein und knochentrockenem Bluesrock. „Hope You Realize“ singt er mit seiner kräftigen Männerstimme. Weiter geht’s mit dem Klang einer Halbakustischen, die den Tönen Luft mitgibt, und „Dust Bowl, einem hymnischen Stück Wüstenrock. Beim „Twenty-four Hour Blues“ singt eine Les Paul gewichtig unter Bonamassas Berührungen.
Bei den Soli der anderen raucht er Zigarre
Wynans grundiert die Musik genregerecht mit Orgelwolken, mal sich buchstäblich herantastend, mal überschwänglich jubilierend. Zwei Backgroundsängerinnen dicken die Refrains an, der Weltklassedrummer Lemar Carter (Beyoncé, John Legend) kann ein wahres Schlagzeuggewitter entfalten. Bei den Soli der anderen raucht Bonamassa auf der Bühne in aller Seelenruhe eine Zigarre.
Im gigantischen Bühnenaufbau stellt sich der Bandleader unter anderem dem kantigen Blues und der afroamerikanischen Grammatik von Guitar Slims „Well, I Done Got Over it“, und er zelebriert die Ballade „Self inflicted Wounds“. Hier gibt es ein richtiges Rockstar-Solo, Gary Moore und David Gilmour lassen grüßen. Bei „The Last Matador of Bayonne“ sind es dann David Coverdale und Ritchie Blackmore.
Und dann: Led Zeppelin
Das ist Bonamassas Dilemma. Das Wesen des reinen Blues ist es, dem immer gleichen Schema neue Facetten abzugewinnen, was ihn praktisch unverwüstlich macht; Rock dagegen hat eine Kompositionsebene, er verlangt nach Variationen, die immer schwerer zu finden sind. Das Genre ist vollständig ausbuchstabiert und weitgehend auserzählt. Und so wirkt Bonamassa ein bisschen wie der letzte seiner Art als Guitar Hero alter Schule.
Bei einer ausufernden Version von Led Zeppelins „How Many More Times“ betritt er den Steg ins Publikum, den Kylie zurückgelassen hat. Er produziert klagende Geigentöne, er zelebriert eine ausgedehnte 32-tel-Note, geht in Rockstarpose – so viel Show darf dann doch sein. Als stimmungsvollen Schlusspunkt setzt er seinen Hit „Sloe Gin“, mit der Zigarre im Mund.
Zur Festivalorganisation gehört die Kunst, Abende stimmig zu kuratieren, passende Künstler zusammenzuspannen. Bei Jazz Open hat das an diesem Abend ebenso funktioniert wie beim englischen Talentabend am Montag mit Jacob Collier und Raye. Man darf gespannt sein auf das italienische Programm am Samstag mit Mario Biondi und Zucchero.