James Levine 1943–2021 Foto: dpa/M. Dwyer

Der Dirigent James Levine ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Seine letzten Jahre waren überschattet von Missbrauchsvorwürfen und Krankheit.

New York - Der Dirigent James Levine ist tot. Wie die New York Times am Mittwoch berichtet hat, starb der 77-Jährige, der 1943 als Sohn eines jüdischen Tanzkapellengeigers in Cincinnati zur Welt kam, bereits am 9. März im kalifornischen Palm Springs. Seine letzten Jahre standen im Schatten von Missbrauchsvorwürfen, die im Zuge der Metoo-Bewegung sieben Männer gegen ihn vorbrachten: In den 1979er bis 1990er Jahren soll er sich sexuell an ihnen vergangen oder sie belästigt haben. Außerdem war Levines Leben durch ein Nierenkarzinom, diverse Unfälle und eine Parkinson-Erkrankung beeinträchtigt, die ihn immer häufiger in den Rollstuhl zwang.

Mehr als vier Jahrzehnte hatte er zuvor dieses Haus geprägt: unumstritten, machtbewusst, mit einem Händchen für die Kunst wie für die (Selbst-)Vermarktung und als Operndirigent, der das Repertoire der Met weitete, ein Garant für Verlässliches, zuweilen auch Spannendes. Das Orchester hat er zu einem Weltklasse-Klangkörper gemacht – nicht zuletzt auch durch zahlreiche Kammermusik-Konzerte, denen er sich gerne auch mal als Pianist (und begehrter Liedbegleiter) beigesellte. Es gibt Sänger und Sängerinnen, die noch heute von ihm schwärmen – wie etwa die Sopranistin Melanie Diener, die sich an eine Probe von Mozarts „Tito“ 2005 in New York erinnert. Musikalisch sei das „himmlisch“ gewesen, als ob man auf Wolken fliege – „es fühlte sich an, als ob man nichts machen, nichts arbeiten muss, und das passiert einem nur bei wenigen Dirigenten.“

Nach seiner musikalischen, vor allem pianistischen Ausbildung an der New Yorker Juilliard School begann Levines Dirigenten-Karriere als Assistent des strengen George Szell beim Cleveland Orchestra; rasch folgten internationale Gastauftritte. Heimisch wurde der Mann mit dem Sinn für Drama, Melodie und klare rhythmische Gestaltung aber ab 1970 an der Met, zuletzt in der eigens für ihn geschaffenen Position eines „artistic directors“. Zusätzlich übernahm Levine 1999 als Nachfolger Sergiu Celibidaches fünf Jahre lang die Leitung der Münchner Philharmoniker, danach ab 2004 für sieben Jahre jene des Boston Symphony Orchestras. Eng verbunden war er außerdem den Berliner und den Wiener Philharmonikern sowie dem Chicago Symphony Orchestra. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms ließ sich der Dirigent mit dem Helikopter zwischen Bayreuth und Salzburg hin und her fliegen.

Das künstlerische Vermächtnis Levines, der einem ganz besonders sahnig wirkenden Schönklang zuarbeitete, dokumentieren zahlreiche Schallplatteneinspielungen. Bildlich in Erinnerung bleibt er als ein Dirigent, der sich gerne mit einem Handtuch über der Schulter ablichten ließ – weil er auch aufgrund seiner Leibesfülle leicht schwitzte. Die Missbrauchsvorwürfe, die Levine kategorisch abstritt, haben seinen Abgang überschattet – auch wenn ihm dieser im gerichtlichen Vergleich mit 3,5 Millionen Dollar versüßt wurde. Er war ein großer, wenngleich nicht der individuell profilierteste Dirigent des 20. Jahrhunderts. Lange war er auch einer der beliebtesten, machte die Met zu einem der weltweit bekanntesten Opernhäuser, posierte in Disneys „Fantasia 2000“ an der Seite von Micky Maus. 1983 präsentierte das „Time“-Magazin Levine auf seiner Titelseite stolz als „Amerikas Top-Maestro“. Addio, Jimmy!

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