Jackie Baumann macht die Pace. Foto: Imago/BEAUTIFUL SPORTS/R. Schmitt

Die ehemalige Hürdenläuferin Jackie Baumann hat eine zweite Karriere gestartet: sie ist als „Pacemakerin“ auf der Bahn international immer vorneweg.

Jackie Baumann ist schon seit über zehn Jahren auf Tempo fixiert. Als 400-Meter-Hürdenläuferin war sie zweifache deutsche Meisterin, startete schon mit 19 Jahren bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro und hatte eine große sportliche Zukunft vor Augen. „Ich glaube schon, dass ich das olympische Finale hätte schaffen können“, schätzt Baumann ihre Leistungsstärke ein. Doch noch ehe sie ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten ganz ausgereizt hatte, gab sie 2020 unmittelbar vor den deutschen Meisterschaften in Braunschweig mit 25 Jahren ihr vorzeitiges Karriereende bekannt und löste damit in Fachkreisen ein kleines Erdbeben aus.

Jackie Baumann wollte und konnte dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten. Die strahlenden Gesichter der Sieger überstrahlen nicht selten ein Seelenleben, bei dem die innere Balance verloren gegangen ist.

Ich trage einen großen Namen

Die junge Frau trägt einen berühmten Namen: Vater Dieter ist Olympiasieger, ihre Mutter Isabelle seit 40 Jahren Trainerin und jetzt zum zweiten Mal Bundestrainerin Langstrecke. Doch Jackie Baumann ist ihren eigenen Weg gegangen. „Es war die richtige Entscheidung für mich“, sagt sie gelassen in einem Café nahe der Tübinger Neckarbrücke. Trotz Rücktritt ist sie ihrem Sport erhalten geblieben. Weil ihr Herz für die Leichtathletik brennt, hat sie inzwischen eine zweite Karriere gestartet.

„Gestatten, mein Name ist Hase“: Jackie Baumann ist als Tempomacherin, in der Fachsprache Pacemakerin, im Jargon als Hase, in 800- und 1500 Meter-Rennen unterwegs. Sie soll den Läuferinnen Beine machen, sie zu schnellen Zeiten führen. „Da sind zuverlässige 58er Runden gefordert“, sagt die Lehramtsstudentin für Sport und Geschichte über ihren Auftrag. Baumann läuft immer ganz vorne. Tempogefühl und Tempohärte ist gefragt. Diese Qualität erfordert hartes Training. „Ich bin sechsmal die Woche auf der Bahn unterwegs“ betont sie, fast so oft wie früher. Zudem ist sie als Trainerin in ihrem Verein im Einsatz. „Im Fußball würde man meine Rolle mit der des Spielertrainers beschreiben“ erklärt Baumann.

Quer durch Europa im Einsatz

Bereits elfmal war sie in diesem Jahr schon im Einsatz: von Pliezhausen über Karlsruhe, Hengelo, Bern und Genf. Jüngst feierte Baumann ihr Debüt in Stockholm in der Diamond League. Auch für Hasen das Höchste der Gefühle, denn bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen kommen sie nicht zum Einsatz. Der Job als Tempomacherin erfordert das höchste Leistungsniveau, bis zwei Drittel eines Rennens muss sie die Beste sein. Baumann hat in ihrem sportlichen Job ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Leichtathletik. Und das hat seinen Preis. „Ich kann es mir dadurch leisten, den Einstieg ins Referendariat als Lehrerin noch zwei, drei Jahre aufzuschieben“, beschreibt sie ihren neu gewonnen Lebensspielraum.

Jackie Baumann ist schon nach zwei Jahren auf dem Weg zum „Edelhasen“. Die gibt es in der internationalen Läuferszene schon länger. Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge (Kenia, 2:01,39) hatte bei seinem historischen Versuch, als erster Mensch die 42,195 Kilometer unter zwei Stunden zu laufen, 41 Tempomacher im Einsatz. Weil diese aber entgegen dem Reglement – sie müssen von Anfang im Rennen sein – sukzessive von Kilometer zu Kilometer zum Einsatz kamen, fand die Zeit von 1:59,40 auf dem Asphalt durch den Wiener Prater keine Anerkennung als Weltrekord. Auch bei Volksläufen werden inzwischen solche Zeitläufer eingesetzt, um den Läufern zu helfen, die angestrebte Zielzeit zu erreichen.

Baumann ist in jedem Rennen von Anfang dabei, rennt bis etwa 600 Meter auf Tuchfühlung mit dem Feld. Tempomacherinnen, die 20 Meter vorneweg laufen, haben ihren Job verfehlt. Und sie darf nicht hinterherkommen wie der Hase, der im berühmten Wettlauf mit dem Igel auf dem Acker immer wieder verliert, weil die Igel-Frau den Betrug unterstützt. Jahrelang wollte das Kämpferherz Baumann in den Ergebnislisten oben stehen, jetzt steht sie immer mit dem Vermerk „dnf“ – nicht im Ziel- ganz unten. Tempomacher haben eine eigene Laufphilosophie.