Bruce Dickinson auf der Bühne in Paris. Im Hintergrund: Maskottchen Eddie aus der „Killers“-Phase der Band. Damals war Dickinson noch nicht bei Iron Maiden Foto: IMAGO/MAXPPP

Auch nach 50 Jahren setzen Iron Maiden Maßstäbe, nicht nur weil sie selbst zu einem geworden sind. Hier kommen 666 Gründe, weshalb sie immer relevant bleiben werden.

Es war ein Freitag, 13. im Februar 1970. Wahrscheinlich hat Heavy Metal da im runtergekommenen Birmingham seinen Anfang genommen: Black Sabbath – Tony Iommi, Bill Ward, Geezer Butler und – Gott habe ihn selig – Ozzy Osbourne. Deren selbstbetiteltes Debüt war etwas düsterer, etwas abgründiger, viel härter und definitiv böser als der herkömmliche Rock’n’Roll. Teufelsmusik und tolles Zeug für junge Menschen.

Judas Priest, ebenfalls aus Birmingham, nehmen den Ball auf, Motörhead irgendwie auch. In London läuten Saxon, Tygers Of Pan Tang, Angel Witch, Diamond Head und Iron Maiden dann Ende der Siebzigerjahre die nächste Evolutionsstufe ein: die New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM), die bis heute prägendste Evolutionsstufe des Heavy Metal. Und natürlich folgt Heavy Metal größtenteils Mustern, die seither fast wertkonservativ gepflegt, aber in ihrem jeweiligen Rahmen eben auch gewachsen sind.

Besonders Iron Maiden haben in ihrer nunmehr 50 Jahre andauernden Karriere einiges zur heute gültigen Ikonografie des Heavy Metal beigetragen. Und wenn sie es auch nicht erfunden haben: Sie haben Heavy Metal perfektioniert – die Monster, die Musikalität, den Arbeitsethos, den Dickkopf und die Theatralik. Hier kommen (grob) 666 Gründe, weshalb Iron Maiden immer relevant bleiben werden.

Marke

Eine erfolgreiche Marke benötigt ein hochwertiges Produkt und einen Wiedererkennungswert. Iron Maiden perfektionieren das nicht nur im Zusammenspiel mit dem knuffigen Bandmaskottchen Eddie. Wo „Iron Maiden“ drauf steht, ist nichts anderes als Iron Maiden enthalten. Es beginnt beim kantigen Schriftbild und den zahlreichen Variationen beziehungsweise Inkarnationen die Eddie in den vergangenen Jahrzehnten mitmachen musste und hört freilich bei der Musik nicht auf. Es ist ein Gesamtpaket.

Bands wie Motörhead haben ihren „Snaggletooth“, Megadeth den „Vic Rattlehead“, Sodom den „Knarrenheinz“ oder Helloween ihren „Jack O. Lantern“. Metallica lassen sich trotz vieler Variationen immer einfach am zackigen Schriftbild im M und A ihres Bandnamens erkennen – haben sie alle von Iron Maiden gelernt.

Musikalität und Handwerk

Will man den Bassisten und Iron Maiden-Gründer Steve Harris aus der Fassung bringen, muss man ihn einfach auf Punk ansprechen. Als Iron Maiden in den späten Siebzigern in London den Underground aufmischen, sind sie eine wildgewordene Rasselbande, die schnell und rabiat wie die Punkbands dieser Zeit Popgesetze aushebelten.

Mit dem musikalisch wenig anspruchsvollen Punk will Steve Harris dennoch nicht assoziiert werden. Denn Iron Maiden setzten schon zu Beginn auf eine Währung, die nicht nur Attitüde, sondern auch versiertes Handwerk erfordert: Musikalität. Präzise und wieselflinke Instrumentierung, Harmonielehre für Fortgeschrittene und eine Körperlichkeit im Spiel, die nur selten Pausen zulässt.

Iron Maiden verfeinern zudem, was Judas Priest, Thin Lizzy, Lynyrd Skynyrd, Wishbone Ash und besonders Ufo etabliert hatten: melodiöse Gitarrenarbeit. So wurden Dave Murray und Adrian Smith zum königlichen Gitarrendoppel, dessen Spiel zwar locker klingt, dennoch voller Finesse ist. Steve Harris selbst war so frech, den Bass nicht als Begleit- sondern, als führendes Instrument zu etablieren. Wer Lieder wie Iron Maiden spielen möchte, muss üben. Auch deshalb lachen viele Heavy-Metal-Musiker, wenn jemand ihre Musik als „Krach“ bezeichnet.

Resilienz

Bereits 1981 hätte die noch junge Karriere der Band vorbei sein können: Nach zwei Platten und ausgedehnten Welttourneen sind Iron Maiden so etwas wie „hip“ und bereit für den großen Wurf im Rockgeschäft. Doch ihre Aktien sinken rapide, als sie ihren Sänger Paul Di’Anno entlassen, verkörpert doch gerade er das Raubeinige des Heavy Metals, den Schmutz und die Wut der Arbeiterklasse – und steht als Sänger sowieso im Mittelpunkt des Interesses.

Doch erst mit Di’Annos Nachfolger Bruce Dickinson, früherer Sänger von Samson, und ihrer dritten Platte „The Number Of The Beast“ werden Iron Maiden zum Magnet im, äh, Metallgeschäft. Dickinson wird noch auf dem Plattencover als „Luftwarnsirene“ angepriesen und sein theatralischer Gesangsstil hievt die Band in ungeahnte Höhen.

Ebenso seine Bühnenpräsenz: Wenn Dickinson singt und über die Bühne turnt, fühlt sich sogar das Personal an der Garderobe angesprochen. Der Mann ist die Blaupause des jovialen und handwerklich tadellosen Heavy-Metal-Frontmanns.

Die Neunzigerjahre wiederum werden zur Zerreißprobe für Heavy Metal. Grunge ist en vogue. Viele Bands versuchen, sich den neuen Begebenheiten durch Karohemden und weniger Theatralik anzupassen. Iron Maiden tun nichts dergleichen, bleiben einfach Iron Maiden.

Allerdings stehen sie 1993 trotzdem erneut vor dem Karriereende. Ihr Gitarrist Adrian Smith verlässt die Band, wird von Janick Gers ersetzt und dann quittiert auch noch Sänger Bruce Dickinson den Dienst.

Als Ersatz muss 1994 Blaze Bayley ran. Der ist zwar bereits durch seine frühere Band Wolfsbane als Rampensau auffällig – einen mit Dickinson vergleichbaren Stimmumfang oder das Charisma bringt er dennoch nicht mit. Iron Maiden tun sich in der Folge schwer und füllen nicht mal mehr die kleineren Hallen zufriedenstellend. Es geht bergab. 1999 trennen sich die Wege einvernehmlich. Iron Maiden scheinen am Ende.

1999 dann die kleine Sensation: Bruce Dickinson und Adrian Smith kehren zur Band zurück. Fortan spielen Iron Maiden nicht nur mit drei Gitarristen, sondern erreichen mit ihren Platten und den mittlerweile durchaus nostalgisch angehauchten Tourneen mehr Menschen als je zuvor. Ein zweiter Frühling, besser als jeder Sommer.

Nun 2025 befinden sich Iron Maiden abermals an einem einschneidenden Moment ihrer Karriere: Ihr Schlagzeuger und Publikumsliebling Nicko McBrain kündigt im Dezember 2024 seinen Rückzug von allen Liveaktivitäten der Band an. Im Januar 2023 erleidet der heute 73-Jährige einen Schlaganfall. Nach mehreren Monaten und Rehamaßnahmen sagt McBrain, dass er die Stücke nicht mehr in gewohnter Qualität spielen könne. McBrain stieß 1982 zur Band. Bei Liveauftritten wird er nun durch Simon Dawson ersetzt.

Schwerstarbeit

Eigentlich Wahnsinn: Zu Beginn ihrer Jahre veröffentlichten Iron Maiden fast jährlich eine neue Platte und gehen anschließend ausgiebig auf Welttournee. Nach der Rückkehr: kurz Urlaub, dann wieder ins Studio und erneut auf Tour. Die Band spielt als Vorgruppe von Kiss oder den Scorpions, später als Headliner und reißt über fast zehn Jahre ein schier unmenschliches Pensum an Arbeit und Kreativität ab.

Und: Sie sind die erste Heavy Metal Band, die sich in den frühen 80er-Jahren hinter „den eisernen Vorhang“ wagt. Da locken damals zwar kaum gute Gagen, dafür aber die Herzen der Fans. Iron Maiden entscheiden sich für diese Währung. Und: Sie meißeln in Stein, wie Metal seine Wege zu den Fans bahnt: Auf der Konzertbühne, wo auch immer die stehen mag.

Dickschädel

Schon früh besinnen sich Iron Maiden auf sich selbst und die eigenen Stärken und überlassen die Karriereoptimierung nicht Radiosendern oder TV-Programmen wie MTV. Iron Maiden und ihre Fans wachsen seit den 80ern in Strukturen, die sie gemeinsam erschaffen haben. Heute nennt man das D.I.Y.

Bruce Dickinson wird allerdings auch nicht müde, dies regelmäßig auf der Bühne zu betonen: Das große „Wir“ der Iron-Maiden-Familie gegen den „seelenlosen“ Mainstream.

Referenzschleuder

In den 90er-Jahren bereits witzelte der Punk-Sänger Henry Rollins, dass man grob abschätzen können, wie viele Bücher Iron Maiden im Schrank hätten, da sie immer gleich ein Lied schreiben würden, wenn sie eines gelesen hätten. „Das Phantom der Oper“, „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“, Werke von Edgar Allan Poe oder Aleister Crowley.

Im Lauf ihrer Karriere werden Iron Maiden textlich zur gut geölten Referenzschleuder aus Literatur, Kino und Weltgeschichte. Manchmal wirkt es fast, als würden sie unentwegt unterstreichen wollen, dass Heavy Metal keine Freizeitbeschäftigung für Doofe ist. Als ob man’s nicht schon längst wüsste.

Einfluss

In schöner Regelmäßigkeit ringen junge Musiker dem Metal-Genre neue Facetten ab – und greifen dabei auf von Iron Maiden etablierte Tricks zurück: In den Neunzigerjahren reichern Bands wie At The Gates oder Carcass ihren Death Metal durch melodiöse Gitarrenarbeit an, in den Zweitausendern entdecken Metalcore-Bands wie Killswitch Engage die Schönheit zweistimmiger Gitarrenmelodien oder die Freuden des maiden‘schen Galopps.

Aufhören wird das nicht und diese Geschichte wiederholt sich seit Jahrzehnten: Die derzeit größte und erfolgreichste Heavy-Metal-Band der Welt sind Metallica. Die haben sich 1981 in Kalifornien überhaupt erst zusammengefunden, weil sie Musik spielen wollten wie Iron Maiden, Judas Priest, Motörhead und Black Sabbath.