Ein Plüschbär wartet im Lokal einsam auf das Ende der Pandemie. Foto: imago/Eibner

Warum stehen die Unistädte gerade so gut da, warum ist die Inzidenz in Heilbronn seit Beginn der Pandemie fast immer besonders hoch und warum stürzt ein kleiner Landkreis plötzlich ab? Es gibt viele Theorien.

Rottweil - Es begann mit mehreren positiven Coronatests in einer ortsansässigen Schreinerei, es folgten Fälle in einem Kindergarten. Plötzlich war Tennenbronn Hotspot. 500 Menschen haben sich in dem zu Schramberg gehörenden Ort zeitweise in Quarantäne befunden. All das wäre nicht so dramatisch gewesen, sagt der Ortsvorsteher Manfred Moosmann. Doch inzwischen herrscht Trauer in dem 3500-Seelen-Ort. Erst starb der Chef der Schreinerei – ein angesehener Unternehmer und beliebter Mensch – mit gerade mal 54 Jahren an den Folgen seiner Coronainfektion, genau eine Woche später dann auch noch seine Tochter. Sie war erst 23. „Zwei Fälle in einer Familie. Das ist unfassbar“, sagt Moosmann.

Der Ausbruch in Tennenbronn ist ein Schicksalsschlag, er hat sich aber auch in der Coronastatistik des Landkreises Rottweil bemerkbar gemacht. Für die Mitarbeiter im Kreisgesundheitsamt markierte er das Ende einiger ruhiger Wochen. Mitte März galt der Kreis noch als vorbildlich. Zwischenzeitlich sank die Zahl der Infektionen pro 100 000 Einwohner und Woche auf 29,3. Bis zum 22. März hielt sich der Landkreis als einziger im Land bei der Inzidenzzahl wacker unterhalb von 50.

„Es kann jeden Tag kippen“

Doch schon damals gab sich der Landrat Wolf-Rüdiger Michel (CDU), von Journalisten auf sein Erfolgsrezept angesprochen, zurückhaltend. Man halte sich an die Regeln und verfolge jede Infektion nach, aber das täten auch die anderen, sagte Michel. „Es kann jeden Tag kippen.“ Und es kippte. Die Läden mussten schließen. Der Landrat erließ eine Ausgangssperre. Die Schulen und Kindergärten wurden nach den Osterferien nicht wieder aufgemacht. Dennoch liegt die Inzidenz bei 270,3. Landesweit sind nur noch die Kreise Heilbronn und Schwäbisch Hall stärker betroffen. „Die Kurve führt ständig bergauf.“

Tennenbronn, wo am Ende mehr als 70 Infektionen auf den Ausbruch in der Schreinerei zurückgeführt wurden, sei längst nicht mehr der einzige Herd. „Wir haben ein diffuses Infektionsgeschehen“, sagte Michel. Welcher Kreis in der landesweiten Coronatabelle wo steht, sei letztlich „dem Zufall geschuldet“. Natürlich seien Tests wichtig, um Infektionsketten zu durchbrechen. „Das Virus lässt sich aber nicht weg testen.“

Online-Vorlesungen helfen

Indirekt hinterfragt er damit das Öffnungskonzept des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Der Grüne ist der Überzeugung, mit möglichst vielen Schnelltests das Virus im Zaum halten zu können. Tatsächlich liegen die Inzidenzwerte in seiner Stadt – im Unterschied zum Landkreis Tübingen – immer noch deutlich besser als der Landesschnitt. Dies könnte aber auch noch andere Gründe haben. So wies der Crailsheimer Oberbürgermeister Christoph Grimmer darauf hin, dass Tübingen auch davon profitiere, dass ein Drittel seiner Einwohner Studenten seien, deren Vorlesungsprogramm weitgehend ins Internet verschoben worden sei und die sich zu einem guten Teil momentan wohl nicht einmal in der Stadt aufhielten.

Dies könnte erklären, warum auch andere Unistädte seit Wochen vergleichsweise niedrige Inzidenzwerte melden. Über die Gründe, warum Freiburg und sein Umland seit mehreren Wochen trotz seiner Nähe zu Frankreich besonders günstig dastehe, könne man nur mutmaßen, erklärt die Stadt Freiburg. Möglicherweise liege es an der Wirtschaftsstruktur. „Freiburg hat wenig produzierendes Gewerbe, sodass die Menschen eher in Branchen arbeiten, in denen Homeoffice besser möglich ist“, hieß es.

Welchen Einfluss haben politische Überzeugungen?

Umgekehrt verzeichnen Industriestädte wie Heilbronn und Mannheim seit Beginn der Pandemie fast durchgängig hohe Infektionszahlen. Zudem ist denkbar, dass Tübingen, Freiburg oder Heidelberg auch von ihren Unikliniken profitieren. Dort arbeiten jeweils mehrere tausend Mitarbeiter, von denen viele bereits geimpft wurden. Allerdings ist auch dies nur eine Vermutung, solange keine Aufschlüsselung über den Impffortschritt in den einzelnen Kreisen vorliegt.

Oder haben politische Überzeugungen einen Einfluss? Es sei richtig, dass bei Anhängern der Grünen die Akzeptanz für harte Coronamaßnahmen besonders hoch sei, sagte Anja Simon vom Meinungsforschungsinstitut Infratest-Dimap. Dies gelte auch für Anhänger von CDU und SPD, während FDP-Wähler kritischer und AfD-Wähler ablehnend seien. Daraus zu schließen, dass in grün dominierten Unistädten die Maßnahmen besser eingehalten würden, gehe ihr aber zu weit, sagte die Demoskopin Simon.

Eine abschließende wissenschaftliche Erklärung für die niedrigeren Zahlen in manchen Regionen gebe es nicht, sagte der Virologe Hartmut Hengel von der Uniklinik Freiburg gegenüber der „Badischen Zeitung“. Letztlich sieht er es ähnlich, wie es der Rottweiler Landrat erlebt hat: „Ein größerer Ausbruch kann die Lage schnell verändern.“