Die Kläranlage am Eisengriffweg Rutesheim soll fit gemacht werden für die Zukunft – rund 5 Millionen Euro werden investiert. Foto: Simon Granville

Anfang der 1960er-Jahre ist die Kläranlage Rutesheim nahe der Autobahnbrücke gebaut worden. Nun soll sie technisch auf ein neues, zukunftsfähiges Niveau gehoben werden.

Mehr Strom und Wärmeenergie soll die Kläranlage am Eisengriffweg in Rutesheim künftig liefern. Gleichzeitig soll die Menge an Klärschlamm, die nach der Behandlung in der Anlage übrig bleibt und gegen Gebühr entsorgt werden muss, deutlich kleiner werden. Ein neues Verfahren soll das möglich machen, für das jetzt mit einem symbolischen Spatenstich die erforderlichen Bauarbeiten gestartet sind.

Der Klärschlamm aus den Rutesheimer Haushalten und Gewerbebetrieben wird bisher aerob, das heißt, unter Zuführung von Sauerstoff, behandelt. Für das Belüften der Belebungsbecken muss sehr viel Energie aufgebracht werden. Dabei geht Biomasse verloren, die in einem Faulturm Biogas erzeugen könnte. Künftig soll das anaerob, also unter Luftabschluss, geschehen. Dazu sollen zwei neue Kompaktreaktoren gebaut werden. Diese Faulbecken sind, anders als etwa Faultürme, liegend angeordnet.

Durch die biologischen Prozesse im Schlamm während der anaeroben Behandlung entstehen mehr Gase, die als Energieträger weiterverwendet werden können. „Mit dieser Technik sind wir auf dem Weg zu einer energieneutralen Kläranlage“, sagte Peter Maurer von der Universität Stuttgart. „Am Ende soll mehr Strom und Wärme und damit mehr Energie gewonnen werden, eine Möglichkeit, die wir jetzt so nicht haben“, so Maurer. Der Ingenieur leitet das Lehr- und Forschungsklärwerk der Uni und begleitet den Umbau der Rutesheimer Kläranlage wissenschaftlich. Man werde einen digitalen Zwilling erstellen und die Kläranlage so direkt über etwa drei Jahre beobachten.

Die Kläranlage wurde zuletzt vor 23 Jahren modernisiert

Anfang der 1960er-Jahre ist die Kläranlage am Eisengriffbach nahe der Autobahnbrücke gebaut worden. Zuletzt saniert und modernisiert vor 23 Jahren, soll sie nun mit dem aktuellen Bauvorhaben auf ein neues Niveau gehoben werden. Rund fünf Millionen Euro investiert die Stadt dafür, mit knapp einer Million Euro fördert das Land das Projekt. Dazu gehören neben den beiden liegenden 17 Meter langen Kompaktreaktoren zur Schlammfaulung auch eine angeschlossene Energiezentrale samt Wärmerückgewinnung sowie der Umbau der Belebungsbecken.

Offizieller Spatenstich: Die eigentlichen Arbeiten übernehmen Fachleute. Foto: Simon Granville

Zum ersten Mal werde die Technik mit liegenden Faulbecken in dieser Größenordnung angewendet, erklärte der Fachplaner Günter Eisele von der Ingenieurberatung für Siedlungswasserwirtschaft. Mit der im Rahmen des Projekts entwickelten Kompaktreaktorfaulung könne wirtschaftlich und mit geringem betrieblichem Mehraufwand ein Systemwechsel zur anaeroben Schlammstabilisierung auch bei Kläranlagen mit einer Ausbaugröße zwischen 5000 und 20 000 Einwohnern vollzogen werden. Damit werde ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz und der Energiewende geleistet. Rutesheim mit seinen rund 10 000 Einwohnern sei ein gutes Beispiel dafür.

Überschusswärme könnte in ein Nahwärmenetz gehen

Durch die mögliche höhere Prozesstemperatur werde auch ein höherer Gasanfall erwartet. „Wir rechnen mit 106 000 Kubikmeter Gas pro Jahr und damit mit deutlich mehr als seither“, sagte Günter Eisele. Mit der prognostizierten Eigenstromproduktion könne man zusammen mit den Photovoltaik-Anlagen 70 Prozent der für die Anlage benötigten Energie selbst herstellen.

Die erzeugte Wärme von 480 000 bis 520 000 kWh pro Jahr wird für die Erwärmung des Rohschlammes, die Beheizung der Betriebsräume und auch die Warmwasserproduktion genutzt. Dadurch können Flüssiggas und Strom eingespart werden. Überschusswärme kann dem im Aufbau befindlichen Nahwärmenetz zugeführt werden. Das neue Blockheizkraftwerk ist in Sichtweite der Kläranlage, die nötigen Leitungen seien schon vorhanden, hieß es dazu.

Neben diesem energetischen Effekt spielt künftig auch die deutlich geringere Menge an zu entsorgendem Klärschlammabfall eine Rolle, denn der sogenannte ausgefaulte Schlamm enthält weniger Wasser. Sind es derzeit 900 Tonnen, die Jahr für Jahr zur Kläranlage nach Mühlhausen zur weiteren Verwertung gebracht werden – Kostenpunkt 107 Euro pro Tonne – sollen künftig nur noch 300 Tonnen Schlamm jährlich anfallen, weniger Transporte also und deutlich geringere Kosten. „Ein beträchtlicher Vorteil“, sagte Martin Killinger dazu. Der Umbau der Kläranlage soll etwa zwei Jahre dauern.