Der Bischof der evangelischen Landeskirche Württembergs fordert, Veränderungen anzugehen. Er billigt Waffenlieferungen an die Ukraine.
Die evangelische Landeskirche in Württemberg verzichtet auf einen Teil der Kirchensteuer, der ihr zufließt, sagt Bischof Ernst-Wilhelm Gohl. Die Kirche solle Hoffnung ausstrahlen.
Herr Gohl, Sie sind bald hundert Tage im Amt. Welches Fazit ziehen Sie aus den ersten Erfahrungen als Bischof?
Je mehr ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Oberkirchenrat kennenlerne, desto stärker wächst mein Eindruck, dass hier Menschen mit hoher Motivation und hoher Kompetenz in schwierigen Zeiten arbeiten. Bei den Zuschriften, die mich erreichen, spüre ich dagegen eine große Verunsicherung. Die Leute fragen: Wie geht es weiter mit der Kirche?
Liegt der gute Teamgeist in der Kirche an einer positiven Führungskultur?
Ich glaube, es ist das Bewusstsein, für die Kirche zu arbeiten. Jeder ist sich seines Auftrages bewusst und will sich einbringen.
Trafen Sie auf Vorbehalte, weil Sie als der Bischofskandidat ins Amt gekommen sind, der zunächst bei der Wahl die wenigsten Stimmen erhalten hatte?
Ja, anfänglich haben schon einige nachgefragt. Dieser Modus der Bischofswahl ist wirklich schwer zu vermitteln. Aber das spielt inzwischen keine Rolle mehr.
Sollte die Landeskirche das Wahlverfahren noch einmal reformieren?
Das ist eine heikle Frage. Ich habe jetzt ja selbst die Rolle eines Verfassungsorgans in der Kirche. Deshalb steht es mir nicht zu, hier Vorschläge zu machen. In der Synode wird bereits darüber nachgedacht, wie man es besser machen kann. Denn in der Außenwirkung gibt das bisherige Verfahren nicht das beste Bild.
Die Badische Landeskirche hat das Problem gelöst. Dort reicht eine absolute Mehrheit statt eine Zweidrittelmehrheit wie in Württemberg.
Bei uns ist die Situation eine andere, da die Synode in einer Urwahl direkt von der Kirchenbasis gewählt wird, und Gesprächskreise in der Synode sozusagen Fraktionen bilden. Womöglich ließe sich aber das Bewerbungsverfahren öffnen, so dass sich mehr Leute als Bischof oder Bischöfin bewerben können. Eine Zweidrittelmehrheit ist zwar eine große Hürde, aber so wird auch sichergestellt, dass der Bischof von einer breiten Mehrheit getragen wird.
Apropos Veränderung: Welche Ziele möchten Sie rasch erreichen?
Ich will rasch erreichen, dass wir die nötigen Entscheidungen treffen und umsetzen. Wir haben viele strukturelle Fragen zu lösen. Da sind alle Argumente ausgetauscht. Wir sollten nun beschließen, um uns den eigentlichen Aufgaben widmen zu können: den Menschen dienen, das Evangelium in Wort und Tat zu ihnen bringen.
Geht es dabei auch um Fusionen von Dekanaten oder Gemeinden?
Das Zusammenlegen um des Zusammenlegens willens macht keinen Sinn. Aber wir haben einen demografischen Wandel, und die Gemeindegliederzahlen nehmen auch ab. Daher müssen wir schauen, was wir langfristig finanzieren können. Aber etwas anderes ist viel wichtiger.
Klären Sie uns auf.
Wir brauchen in der Kirche eine Haltungsänderung zu diesen Veränderungsprozessen. Wir dürfen die Vergangenheit nicht verklären. Davor warnt die Bibel immer wieder. Etwa, wenn im Blick zurück Lots Frau zur Salzsäule erstarrt. Als Kirche sind wir eine Hoffnungsgemeinschaft. Die Frage wird sein: Wie überzeugen wir Gemeindeglieder, dass sie diesen Prozess nicht als Abbruch empfinden. Jammern nützt nichts – und steht Christen nicht gut an.
Wie ist Ihre Stellung zum Thema Krieg und Waffenlieferung?
Grundsätzlich ist es gut evangelisch, dass es in unserer Kirche beide Positionen dazu gibt. Angesichts der Massaker in der Ukraine halte ich es aber für richtig, den Ukrainern zu helfen, sich zu wehren. Natürlich bin ich auch für diplomatische Lösungen. Waffen schaffen keinen Frieden. Aber Frieden ohne Gerechtigkeit gibt es eben auch nicht. Das ist das Dilemma.
Die Mitglieder der großen Kirchen gehören mittlerweile zu einer Minderheit in der Bundesrepublik. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Nichts ist mehr selbstverständlich. Wir müssen erklären, was wir beispielsweise mit der Kirchensteuer machen. Und die veränderte gesellschaftliche Situation zwingt uns zum Nachdenken. Wenn wir zum Beispiel interkulturelle Pflege fördern wollen, dann müssen auch Menschen anderer Kulturen und Religionen bei uns arbeiten dürfen. Wenn sich Menschen taufen lassen müssten, nur um bei uns arbeiten zu können, wäre das absurd.
Eine Studie zeigte zuletzt, dass die Freikirchen mehr Menschen binden als die Landeskirche. Was kann die Landeskirche von den Freikirchen lernen?
Vieles machen wir schon, indem wir Gottesdienstformen bei uns fördern, die Menschen an der Freikirche attraktiv finden. Gottes Geist führt uns in die Weite.
Prälatin Arnold nannte sich bei der Eröffnungsfeier des Katholikentags selbst „ökumenisches Kosmetiktüchle“. Was sind ihre Ziele für eine stärkere Ökumene? Wo sehen Sie Grenzen?
Ich erlebe, dass Ökumene an der Basis sehr gut läuft. Als Kirchenleitung sollten wir dieses gute Miteinander fördern und nicht verhindern. Wir tun uns als Christen nicht gut, wenn wir selbst scharfe Trennlinien ziehen. Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten zehnmal mehr unterstreichen. Da würde ich mir wünschen, dass wir auch zusammen Abendmahl feiern können. Das wäre ein wichtiges und starkes Zeichen. Aber das ist eine Aufgabe, die die katholische Kirche hat, weil die evangelische Kirche schon lange Katholiken zum Abendmahl einlädt. Es ist meine tiefste Überzeugung: Christus lädt uns alle an einen Tisch ein.
Wie reagiert die Landeskirche auf die Not der Inflation und Energiekrise?
Von dem Geld, das der Staat gerade an Hilfen ausschüttet, wollen wir nichts. Der Anteil an Kirchensteuer, der auf die Energiepreispauschale fällig wird, etwa fünf Millionen Euro, die an uns gehen, stecken wir direkt in einen Energiefonds, mit dem wir ganz konkret und vor Ort Not lindern können.
Sind Sie vielleicht einer der letzten württembergischen Landesbischöfe, weil in absehbarer Zeit ein baden-württembergischer gekürt wird?
Nein, das glaube ich nicht. Wir bauen unsere Kooperationen aus. Eine Fusion der beiden Landeskirchen wäre dagegen derzeit eine sehr große Binnenbeschäftigung ohne großen Nutzen. Wie es in 20 Jahren aussieht, weiß ich nicht.
Der neue evangelische Landesbischof Württembergs
Amtsantritt
Der vormalige Dekan Ernst-Wilhelm Gohl amtiert seit Ende Juli als evangelischer Landesbischof in Württemberg. Der 59-Jährige hatte sich gegen zwei andere Bewerber bei der Wahl in der Synode durchgesetzt, obwohl er zunächst die wenigsten Stimmen hatte. Erst als die anderen Bewerber ebenfalls scheiterten, gelang dem Pfarrerssohn ein Comeback.
Provisorium
In den ersten Wochen ist Ernst-Wilhelm Gohl zwischen Ulm und Stuttgart gependelt. Das Bischofshaus an der Gänsheide wird nämlich renoviert. Nun hat er vorerst eine frühere Hausmeisterwohnung bezogen.