Seit 40 Jahren vergibt die Aktion Plagiarius jährlich den Negativpreis „Plagiarius“ an Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen. Die Trophäe ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Esslingen – Ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase ist die Trophäe, die Produktpiraten für dreiste Fälschungen bekommen. Verliehen wird der Negativpreis von der Aktion Plagiarius seit 1977, nun also zum 41. Mal. Christine Lacroix ist die Pressesprecherin der Aktion Plagiarius.

Das Interview führte Karla Schairer.

Was ist ein Plagiat? Wo liegen die Unterschiede zur Fälschung?

Lacroix: Beim Plagiat kopiert der Nachahmer das Design oder die Technik eines erfolgreichen Produktes und verkauft dies dann unter seinem eigenen Namen. Er schmückt sich also mit fremden Federn. Bei der Fälschung übernimmt der Nachahmer zusätzlich den renommierten Markennamen des Originalherstellers. In diesem Fall beutet er dessen guten Ruf aus und (ent-) täuscht die Käufer, weil seine Fälschung nicht das Qualitätsversprechen des bekannten Markenprodukts hält.

Steigt die Anzahl der Plagiate?

Lacroix: Ja, definitiv. Was einst als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich in Zeiten von Internet und Globalisierung zu einer weltweit vernetzten und professionell agierenden Fälschungsindustrie entwickelt. Allein 2015 haben die EU-Zollbehörden mehr als 40 Millionen rechtsverletzender Produkte mit einem Wert von 650 Millionen Euro beschlagnahmt. Das sind 15 Prozent mehr als 2014. Natürlich können auch die Zoll-Statistiken nur einen Ausschnitt des Problems abbilden, sie zeigen aber deutlich, dass Produkt- und Markenpiraterie kein Kavaliersdelikt ist, sondern eine der größten aktuellen Bedrohungen für innovative Unternehmen. Digitale Kommunikation erleichtert Betrug: Fälscher locken im Internet mit Fotos der Originalprodukte und verstecken sich hinter falschen Identitäten. Das macht es schwer, die Täter zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen.

Bei solchen Summen ist das Geschäft ja sehr lukrativ.

Lacroix: Das stimmt. Produktentwicklung - von einer Idee bis hin zum marktreifen Endprodukt - ist für die Originalhersteller ein langwieriger und kostenintensiver Prozess. Die skrupellosen Nachahmer sparen all die Kosten für Entwicklung, Design und Marketing – und verzichten meist auch auf Qualitäts- und Sicherheitskontrollen – zu Lasten der Originalhersteller und der Käufer.

Wie schaden Plagiate?

Lacroix: Plagiate haben viele Verlierer. In erster Linie natürlich die Originalhersteller. Sie haben Umsatzeinbußen, wenn ihnen die Plagiatoren mit vermeintlichen Schnäppchenpreisen Marktanteile ab graben. Die meist minderwertige Qualität der Plagiate schadet zudem dem Ruf des Herstellers. Der 1. Preis 2017 ging zum Beispiel an Fälschungen einer Roll-Hundeleine von flexi. Produkt, Verpackung, Markenname wurden bis ins letzte Detail eins zu eins übernommen. Die Qualität ist aber katastrophal, der Aufrollmechanismus funktioniert nicht. Vertrieben werden die Fälschungen insbesondere über Amazon USA. Die Anbieter verstecken sich hinter Scheinidentitäten und wechseln teils täglich ihre sogenannten Drittanbieter-Accounts, so dass die Täter nur schwer zu ermitteln sind. Kundenbeschwerden in den USA häufen sich, so dass flexi bereits jetzt nachweislich Reputationsschäden entstanden sind.

Aber auch für die Verbraucher lauern Gefahren. Uns wurden zum Beispiel gefälschte Autofelgen eingereicht, die von einer deutschen Firma auf einer deutschen Messe angeboten wurden. Beim Test des TÜV Nord sind sie nach kurzer Zeit gebrochen. Der asiatische Geschäftsführer des Unternehmens war schnell verschwunden. Dann gibt es nachgemachte Motorsägen, bei denen der vordere Handschutz schon in der Verpackung abgebrochen war. Oder Waschtischarmaturen, die - von außen nicht zu sehen - mit billigen Bleirohren ausgestattet sind und deren Bleigehalt 70 Prozent über den deutschen zulässigen Werten liegt. Auf dem asiatischen Markt gab es Notfallbeatmungsgeräte, bei denen man den Regler für die Sauerstoffzufuhr unendlich weiter drehen konnte. Und es gibt Vakuumpumpen und Druckmessgeräte, die einfach falsche Werte liefern.

Das sind alles typische Beispiele: Original und Plagiat sind eben nur auf den ersten Blick täuschend ähnlich. Verbraucher dürfen sich nicht blauäugig der Illusion hingeben, dass gleiches Aussehen automatisch auch die gleiche Qualität, Funktionalität, Präzision und Sicherheit bedeutet.

Was können Kunden tun?

Lacroix: Verbraucher sollten darauf achten, wo sie einkaufen. Am sichersten ist es im Fachgeschäft. Viele Markenhersteller stellen zum Beispiel auf ihrer Website eine Übersicht autorisierter Händler zur Verfügung. Ist der Preis unrealistisch günstig, dann sollten die Alarmglocken schrillen. Leider bieten manche Fälscher ihre Produkte genau deswegen ähnlich teuer wie das Originalprodukt an, was es noch schlimmer macht. Grundsätzlich, aber insbesondere im Internet ist es wichtig, genau hinzusehen und auf seinen gesunden Menschenverstand zu hören. Leichtgläubige Schnäppchenjäger klicken oft allzu schnell und kritiklos auf „Kaufen“, ohne Impressum, Zahlungsbedingungen, Widerrufmöglichkeiten und die allgemeine Seriosität des Anbieters sorgfältig zu prüfen. Die Verbraucherzentralen warnen bei auffallend fehlerhaften Texten und insbesondere bei „Vorkasse“ als einziger Zahlungsmöglichkeit vor dem Kaufabschluss. Teils wird gefälschte Ware, zu wenig oder gar nichts geliefert. Und die Erfahrung geprellter Käufer zeigt, dass eine Rückabwicklung des Geschäfts nicht möglich ist. Es gilt aber auch: Wer bewusst Plagiate und Fälschungen kauft, schwächt nicht nur gezielt die jeweiligen Markenhersteller, er unterstützt unter anderem auch Kinderarbeit und kriminelle Machenschaften.

Was können Hersteller tun?

Lacroix: Auf jeden Fall gewerbliche Schutzrechte anmelden, sodass sie juristischen Anspruch auf Unterlassung und Schadensersatz haben. Neben einer eingetragenen Marke gehören auch Design- und Patentschutz dazu – und die Anmeldung sollte in allen relevanten Produktions- und Absatzländern erfolgen. Wer eingetragene Schutzrechte hat, kann auch beim Zoll einen Antrag auf Grenzbeschlagnahme stellen und somit rechtswidrige Produkte direkt aus dem Verkehr ziehen lassen. Und wer unberechtigte Produkthaftungsklagen abwehren möchte, der sollte zur eindeutigen Identifizierung Sicherheitsmerkmale wie Farb-Codes etc. einsetzen. Darüber hinaus können technische Maßnahmen ergriffen werden, die zum Beispiel das sogenannte Reverse Engineering oder ungewünschte „Überproduktionen“ verhindern. Außerdem sollten Unternehmen offen mit dem Thema umgehen und die Verbraucher informieren, wenn Fälschungen im Umlauf sind und woran man sie erkennt. Leider ist es oft so, dass je bekannter der Markenname, desto zurückhaltender sind die Firmen mit der Kommunikation.

Diese Maßnahmen klingen teuer.

Lacroix: Natürlich entstehen Kosten für die Prävention und Abwehr von Plagiaten. Aber ohne diese Maßnahmen hat man oft keine Chance die Nachahmer zur Rechenschaft zu ziehen. Und die finanziellen Schäden durch nicht realisierte Umsätze und Reputationsschäden sind enorm und teils sogar existenzbedrohend.

Wer eingetragene Schutzrechte hat, kann auch auf Online-Verkaufsportalen rechtswidrige Angebote melden und Antrag auf Löschung stellen. Ebay Europa ist da zum Beispiel vorbildlich. Amazon USA und einige Betreiber der chinesischen Alibaba Group hingegen zeigen wenig ernsthafte Anstrengungen, um Markenhersteller im Kampf gegen illegale Angebote zu unterstützen. Schließlich verdienen sie mit der Verkaufsprovision auch an den Plagiaten und Fälschungen mit.

In welchen Branchen kommen Plagiate vor?

Lacroix: Der Zoll beschlagnahmt oft Markenfälschungen aus den Bereichen Bekleidung, Sportartikel, Zigaretten, Medikamente und Kosmetika sowie Elektronik. Zum Plagiarius-Wettbewerb wurden u.a. eingereicht: Schneid- und Haushaltwaren, Sanitärprodukte, Werkzeuge, Möbel, Schreibwaren, Kinderspielzeug, Parfums, Schmuck, aber auch technische Produkte und Geräte, wie zum Beispiel Traversen, pneumatische Zylinder, Trennschleifer, Hochdruckreiniger und viele mehr.

Sie haben im Februar wieder den Negativpreis Plagiarius verliehen, mit dem Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen ausgezeichnet werden. Nach welchen Kriterien werden die Preisträger bestimmt?

Lacroix: Die jährlich wechselnde Jury (Experten aus Design, Technik, Wirtschaft, Justiz etc.) berücksichtigt bei ihrer Entscheidung sowohl die im Anmeldeformular abgefragten Informationen - wie Preis- und Qualitätsunterschiede, nachweisbare Sicherheitsrisiken beim Plagiat, eingetragene gewerbliche Schutzrechte - als auch die Reaktion des vermeintlichen Plagiators auf unseren schriftlichen Vorwurf des Plagiats. Manche Nachahmer reagieren gar nicht, andere bestreiten vehement das Plagiat, aber manche suchen aus Angst vor öffentlicher Blamage eine Einigung, das heißt sie nehmen Restbestände vom Markt, unterschreiben Unterlassungserklärungen oder nennen uns ihre Lieferanten. Darüber hinaus gehen natürlich berufliche und persönliche Erfahrungen sowie der individuelle „Grad der Empörung“ mit in die Entscheidung ein. Vergeben werden 3 Hauptpreise, mehrere gleichrangige Auszeichnungen und nach Bedarf Sonderpreise.

Was ist für Sie das dreisteste Plagiat, was Ihnen bisher untergekommen ist?

Lacroix: Eigentlich sind es alle, die nicht nur wirtschaftlichen Schaden verursachen, sondern auch dem Verbraucher ernsthaft schaden können. Wie die Felgen oder das Beatmungsgerät.

Aktion Plagiarius ist seit 1986 ein eingetragener Verein. Der Negativpreis Plagiarius wird aber schon seit 1977 verliehen, nun also zum 41. Mal. Die Trophäe ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – „als Symbol für die immensen Profite die Produktpiraten sprichwörtlich auf Kosten kreativer Designer und innovativer Markenhersteller erwirtschaften“, so der Verein. Eingereicht werden jedes Jahr zwischen 25 und 55 Plagiate. Gestartet ist die Aktion als Ein-Mann-Bürgerinitiative. Im Museum Plagiarius in Solingen werden mehr als 350 Originale und deren dreiste Plagiate zur praxisnahen Sensibilisierung der Öffentlichkeit gezeigt.

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