Das Ende der Ära von Kanzlerin Merkel – hier mit Armin Laschet – steht in den Kommentaren der Weltpresse im Vordergrund. Foto: dpa/Peter Kneffel

Weltweit blickt die Presse auf die Bundestagswahl, die die Ära von Kanzlerin Merkel beendet hat. Einige Blätter befürchten eine chaotische Phase für Deutschland.

Stuttgart - Mindestens so wichtig wie der Wahlausgang vom Sonntag war vielen Zeitungen in der Welt ein gebührender Abschied von Angela Merkel als Kanzlerin in Deutschland.

„Neue Züricher Zeitung“: Schwacher Laschet

Zu möglichen Regierungskoalitionen nach dem Absturz von CDU/CSU meint die „Neue Zürcher Zeitung“ aus der Schweiz am Montag: „Annalena Baerbocks Traum vom Kanzleramt mag implodiert sein, aber das Ergebnis ihrer Partei ist laut den bisherigen Hochrechnungen so stark wie nie. Ihre Parteibasis wird entsprechende Erwartungen an sie und Robert Habeck haben, einen Koalitionsvertrag auszuhandeln, der so grün ist wie keiner zuvor. Und wenn einer in einer schwachen Verhandlungsposition ist, dann Armin Laschet, der seiner Partei voraussichtlich das schlechteste Wahlergebnis der Geschichte eingebrockt hat.“

„The Age“ in Australien: Königin Europas

Zum Ausgang der Bundestagswahl schreibt die australische Zeitung „The Age“ am Montag: „Deutschland steht vor wochenlangen, wenn nicht monatelangen Verhandlungen über die Nachfolge von Angela Merkel als Kanzlerin. Es war eine knappe Wahl, bei der die Wähler wenig Begeisterung für die Kandidaten gezeigt haben, die um die Führung der größten Volkswirtschaft Europas kämpfen. Merkel, die in ihrer 16-jährigen Amtszeit als Königin von Europa und mächtigste Frau der Welt bezeichnet wurde, wird bis zur Bildung einer neuen Koalition an der Macht bleiben. Ihre große Popularität hat sich nicht in einer Unterstützung für ihre Mitte-Rechts-Partei, die Christlich Demokratische Union (CDU), und deren Kanzlerkandidaten Armin Laschet niedergeschlagen. “

„Corriere della Sera“: Mutter der Nation

Zum Ende der Ära Merkel in Deutschland schreibt die Tageszeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand: „Die Deutschen verabschieden sich von der Mutter der Nation, die sie für fast zwei Jahrzehnte beschützt, Gefahren und Bedrohungen abgewendet, Wohlstand und Sicherheit garantiert hat. (...)Ihre wahre Größe war, Deutschland so lange und felsenfest in der Spur Europas gehalten zu haben - was in vielen Ländern überhaupt nicht selbstverständlich ist - und dass sie immer mögliche Lösungen gefunden hat, ohne aber zu viel Herzblut reinzustecken. Damit hat sie ein historisches Beispiel von öffentlicher und ethischer Moral geschaffen, das es zuvor selten gab und kaum nachzumachen ist.“

„New York Times“: Chaotische Phase steht bevor

Die „New York Times“ in den USA analysiert den Wahlausgang: „Nach 16 Jahren mit Angela Merkel als Kanzlerin haben die Deutschen ihre Wählerstimmen auf das gesamte politische Spektrum verteilt, um ihre Nachfolge zu bestimmen. Das deutet auf einen chaotischere Phase in Deutschland und eine Schwächung der Führungskraft des Landes in Europa hin. Die ersten Hochrechnungen sahen die Sozialdemokraten um 1,6 Prozent vorne, das ist eine sehr schmale Führung, aus der sich weder ablesen lässt, wer der nächste Kanzler sein wird, noch wie die nächste Bundesregierung aussehen wird. Die einzige Klarheit besteht darin, dass es noch Wochen oder Monate des Feilschens bedürfen wird, um eine Koalition zu bilden. In dieser Zeit wird Europas größte Demokratie in einer Art Schwebezustand hängen, ausgerechnet, wenn der Kontinent noch mit der wirtschaftlichen Erholung von der Pandemie zu kämpfen hat und Frankreich – Deutschlands Partner im Herzen Europas – vor polarisierenden Wahlen im nächsten Frühjahr bevorstehen.“

„DNA“ in Frankreich: Lindner als Schiedsrichter

Die Zeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ aus Straßburg schreibt: „Letztendlich sind die Grünen die großen Sieger, die trotz ihres durchwachsenen Ergebnisses die dritte Kraft des Landes darstellen, aber vor allem auch die FDP von Christian Lindner. Er wird den Schiedsrichter spielen und hat dabei die Art und Weise noch nicht verdaut, wie er vor vier Jahren von CSU und den Grünen behandelt wurde, als diese schon einmal versuchten, eine Mehrheit zu bilden. Auch wenn die Verhandlungen noch nicht angefangen haben, kündigen sie sich bereits als unlösbar an. Und versprechen Angela Merkel, die den Übergang gewährleisten muss, noch ein paar Monate an der Spitze des Landes zu bleiben.“

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„De Standaard“ in Belgien: Der Nächste muss besser sein

Die belgische Zeitung „De Standaard“ schreibt: „Der nächste Bundeskanzler muss (...) noch besser sein als Angela Merkel - aus dem einfachen Grund, dass an seinem ersten Arbeitstag jede Menge drängende und vernachlässigte Aufgaben auf dem Schreibtisch liegen werden. Dabei wird auch eine weniger schöne Seite Merkels sichtbar: Zwar hat „Mutti“ mit ihren großen Qualitäten viele Probleme gelöst, doch Fragen, die ihr zu knifflig erschienen, hat sie geräuschlos ihrem Nachfolger und künftigen Generationen zugeschoben.“

„Der Standard“ in Österreich: Starker Kanzler wichtig

Die Zeitung „Der Standard“ in Wien schreibt: „In der Theorie ist der nächste deutsche Kanzler so schwach wie kein anderer vor ihm, da seine Macht von nun gleich zwei Partnern abhängt. In der Praxis kommt es daher auf sein Geschick an, sich eine starke Position zu sichern. Gerade jetzt, da die USA alte Allianzen überdenken und die EU feststellt, dass die Amerikaner nicht mehr für Europas Interessen in die Bresche springen, braucht Europa einen starken deutschen Kanzler.“

„Sme“ in der Slowakei: Stabiles Deutschland

Die liberale slowakische Tageszeitung „Sme“ schreibt am Montag zum Ausgang der Bundestagswahl: „Was in anderen Staaten Unsicherheit bedeuten würde, nennt man in Deutschland eine Entwicklung. Egal ob ein Sozial- oder Christdemokrat nächster deutscher Kanzler wird: Deutschland wird weiterhin eine stabile Demokratie sein, in der der gesunde Menschenverstand die Hauptrolle in der Politik spielen wird und populistische Parteien am Rand bleiben und wo man pragmatische Lösungen suchen wird.“