Der Sinkflug des Modellbauunternehmens Graupner ist beendet: Die Kirchheimer Traditionsfirma steht vor dem endgültigen Aus. Foto: Jean-Luc Jacques - Jean-Luc Jacques

2013 konnte das Aus für den Kirchheimer Modellbau-Hersteller Graupner durch den Einstieg eines südkoreanischen Investors abgewendet werden, jetzt gibt es keine Rettung mehr.

KirchheimWas sich Ende November 2019 bereits angedeutet hatte, ist nun tatsächlich eingetreten: Die Kirchheimer Firma Graupner/SJ GmbH ist zahlungsunfähig. Wie jetzt bekannt wurde, eröffnete das Amtsgericht Esslingen bereits zum 1. Februar ein Insolvenzverfahren. Voraussichtlich Ende dieses Monats werde das Traditionsunternehmen seinen Betrieb einstellen, teilt der zum Insolvenzverwalter bestellte Rechtsanwalt Holger Blümle mit. Damit ist nicht nur das Ende einer langen Modellbau-Ära besiegelt. Auch die verbliebenen 35 Mitarbeiter stehen vor dem Aus. Laut Blümle werden sie eine Kündigung erhalten.

Kurz vor der Adventszeit traf die Hiobsbotschaft bei der damals noch knapp 45 Mitarbeiter zählenden Belegschaft ein: Die Graupner/SJ GmbH habe wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag gestellt. Dieser Schritt war notwendig geworden, da die südkoreanische Muttergesellschaft der Firma angekündigt hatte, den Geschäftsbetrieb in Kirchheim einzustellen. „Das heißt, wir sind nicht insolvent. Rechnungen, Löhne und Gehälter wurden und werden bezahlt“, betonte Geschäftsführer Hannes Runknagel damals noch. „Allerdings ist es absehbar aufgrund der Entscheidungen unserer Gesellschafter, dass sich dies in Zukunft ändern könnte, also absehbar eine drohende Zahlungsunfähigkeit eintreten kann.“ Genauso ist es nun geschehen.

Geschlossen wird auch der Fertigungsbetrieb der Graupner-Produkte in China. Das Unternehmen begründet den Schritt unter anderem mit einer extrem angespannten Marktsituation sowie der Insolvenz vieler Kunden. Steigende Löhne, Steuern und Kosten einer Fertigung in China sowie Nachahmerprodukte und Direktimporte erschwerten zudem die Situation. Weitergeführt werden sollen in der Zentrale in Seoul Ladetechnik, Servos und weitere RC-Elektronik. Im Rahmen der Verlagerung und Neuausrichtung werde es neue Vertriebswege geben, sodass Graupner in Kirchheim nicht mehr Teil der Vertriebskette ist. Der Geschäftsbetrieb sei mit seiner Lagerkapazität, dem Personal und der Kostenstruktur nicht mehr wettbewerbsfähig, hatte schon Ende 2019 geheißen. Ohne die Lieferung von Waren und Unterstützung habe Graupner in Kirchheim keine Zukunft.

Nachdem die koreanische Muttergesellschaft bereits seit November die Lieferung der wichtigsten Komponenten und Waren eingestellt und von Mai 2020 an die Nutzung der für das Geschäft essenziellen Marke Graupner untersagt habe, sei dem Unternehmen die Geschäftsgrundlage entzogen, begründet der Insolvenzverwalter das Aus.

Der Stuttgarter Rechtsanwalt hatte zunächst als vorläufiger Verwalter seit Ende November den Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten und insbesondere mit dem Abverkauf des umfangreichen Sortiments aus dem Lager des Modellbauunternehmens begonnen. Dabei sei es gelungen, den Lagerbestand deutlich zu bereinigen, erklärt Blümle. Die Suche nach möglichen Investoren sei allerdings gescheitert. „Es gab mehrere, teils internationale Interessenten. Letztendlich sah sich jedoch keiner davon in der Lage, die Graupner/SJ GmbH vor dem Hintergrund der nicht mehr zur Verfügung stehenden Marke Graupner und der nicht ad hoc ersetzbaren Weiterbelieferung für wesentliche Komponenten als Ganzes zu übernehmen und damit zu erhalten“, teilt der Insolvenzverwalter mit. „Auch der allgemein schrumpfende Modellbau-Markt hat das Risiko für potenzielle Übernehmer zu hoch erscheinen lassen.“

Den restlichen 35 Mitarbeitern steht Ende Februar die Kündigung ins Haus. Derzeit verhandele er mit dem Graupner-Betriebsrat über einen Sozialplan und einen Interessensausgleichs, so der Insolvenzverwalter. „Ich bin zuversichtlich, dass wir eine bestmögliche Einigung erzielen können, um die Auswirkungen der Insolvenz für die Mitarbeiter, so weit es uns die Insolvenzordnung erlaubt, abfedern zu können“, sagt Blümle. Eine Transfergesellschaft sei eher unwahrscheinlich, denn die müsse vorfinanziert werden. Dass ein so starkes Traditionsunternehmen nach Jahrzehnten vom Markt verschwinde, sei sehr bedauerlich.

Mit Holzspielzeug fing alles an – Geschichte der Firma Graupner

Die Anfänge: Die Geschichte der Traditionsfirma Graupner reicht zurück bis ins Jahr 1930. Damals gründete Johannes Graupner in Stuttgart-Wangen ein Unternehmen für Laubsägearbeiten und Spielzeug aus Holz. Bereits wenige Jahre später zog Graupner nach Kirchheim unter Teck. Die Produktpalette wuchs zügig. Schon der erste Bausatz für ein Segelflugmodell erfreute sich großer Beliebtheit. Das schon legendäre „Graubele 1“ legte bei vielen Modellbauern den Grundstein für ein lebenslanges Hobby.

Neue Märkte erschlossen: Über Jahrzehnte vertrieb Graupner Pläne und Baumaterialien für Schiffsmodelle und Modellflugzeuge und fertigte Zubehör für Modelleisenbahnen. Mit dem Modell-Dieselmotor „Taifun“ eröffnete man sich neue Märkte. In den 50er-Jahren brachte die Firma mit der Bellaphon eine der ersten in Großauflage produzierten Fernsteuerungen auf den deutschen Markt.

Die enge Abstimmung mit Top-Entwicklern, Piloten und Fahrern hatte bei Graupner stets einen hohen Stellenwert. Die Erfahrungen aus dem Einsatzalltag flossen konsequent in die Weiterentwicklungen und Neuheiten ein. Graupner stand über Jahrzehnte für Innovation im Modellbau, hochwertige Verarbeitung und technische Höchstleistung.

2013 erster Insolvenzantrag: Weil das Geschäft immer schlechter lief, musste das Unternehmen bereits 2013 erstmals Insolvenz anmelden. Ein südkoreanisches Unternehmen übernahm die Firma.

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