In der Landessportschule in Ruit duellieren sich 24 Menschen mit Behinderung – egal ob jung oder alt – aus ganz Deutschland. Foto: Kerstin Dannath

Sechs Turniere, darunter die deutschen Meisterschaften der Schachspieler mit Behinderung, laufen derzeit in Ruit. Sichtbarkeit soll damit geschaffen werden.

„Wenn es einen inklusiven Sport gibt, dann ist es Schach“, sagt Gert Schulz. Denn beim Schach entscheidet lediglich die Elo-Zahl über die Bewertung des Spielers – egal welches Geschlecht, Alter oder auch welche Beeinträchtigungen vorhanden sind. „Alle haben für ihre Elo-Zahl dieselben Bedingungen“, erklärt Schulz. Seine eigene Elo-Zahl liegt zum Beispiel knapp unter 2000 – ab einer Elo-Zahl von 2000 gilt man als Meisteranwärter, ab 2500 darf man sich Großmeister nennen. Gerd Schulz ist also gar nicht so weit weg, dass er weniger als ein Prozent Sehvermögen hat und damit gesetzlich als blind gilt, spielt indes bei dieser Sportart keine Rolle.

Altersspanne reicht von 10 bis 85 Jahren

Gerd Schulz ist gleichzeitig Referent des Deutschen Schachbundes (DSB) für Inklusion. In dieser Funktion ist er Turnierleiter der offenen deutschen Einzelmeisterschaften der Schachspieler mit Behinderung (ODBEM), die zurzeit in der Landessportschule in Ostfildern-Ruit ausgetragen wird. Insgesamt nehmen 24 Menschen mit Behinderung aus ganz Deutschland teil, die Altersspanne reicht von 10 bis 85 Jahren. Eingebettet ist die ODBEM in das Inklusionsfestival „Württembergischer Schachsommer“, insgesamt werden sechs Einzelveranstaltungen mit rund 100 Teilnehmern ausgetragen. Die ODBEM ist dabei aber die einzige Veranstaltung, an der ausschließlich Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung teilnehmen dürfen. Ausgetragen werden die Turniere alle parallel in einer der Hallen der Landessportschule.

Dabei geht es auch darum, Sichtbarkeit zu schaffen, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Und zwar auf beiden Seiten. „Viele Menschen mit Behinderungen nehmen zum Beispiel nicht an Turnieren teil, weil sie oft mit Unverständnis konfrontiert werden“, erklärt Schulz. Etwa, weil Rollstuhlfahrer oder Menschen, die an Krücken gehen müssen, mehr Zeit beim Toilettengang benötigen und deswegen beim Schachspiel schnell in Zeitnot geraten. Die Lösung sei simpel, meint Schulz: „Die Uhr wird einfach kurz angehalten. Das ist eines der Dinge, die hier in Ruit umgesetzt werden.“ So könne die ODBEM für andere Turnierleiter als Vorbild dienen, wie auf unterschiedliche Belange eingegangen werden kann: „Die Uhr anzuhalten, ist eine ganz einfach umsetzbare Maßnahme für alle offenen Turniere.“ Ein weiteres großes Thema ist die Barrierefreiheit: Die Bedingungen in der Landessportschule sind laut Schulz dafür ideal: „Das muss aber auch unser Anspruch sein, um wirklich Inklusion zu leben.“

Die ODBEM in Ruit soll aber nicht nur ein sportlicher Wettkampf sein, sondern auch eine Plattform bieten, um ein Netzwerk zwischen Schachspielern mit Behinderung aufzubauen. Schulz schätzt, dass von den rund 100 000 Mitgliedern im Deutschen Schachbund rund fünf Prozent eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben. Genaue Zahlen gibt es nicht: In der Mitgliederdatei sei das nicht zu erkennen, erklärt er, denn dort wird neben den personenbezogenen Daten lediglich die ELO-Zahl aufgeführt. Auch das ist etwas, was Schulz bald ändern will – es fehlt nur die Zeit: „Das DSB-Referat für Inklusion ist mit mir als Referenten derzeit nur eine One-Man-Show.“

Schachturnier als Kontaktbörse

Schulz ist überzeugt, dass nur durch regelmäßigen Austausch und Vernetzung die Bedürfnisse aller behinderten Schachspieler – egal ob im Rollstuhl, blind oder mit geistiger Behinderung – besser berücksichtigt werden und langfristig Verbesserungen erreicht werden können. Das Turnier in Ruit soll daher auch als Kontaktbörse dienen, um gemeinsam an der Vision von Schulz zu arbeiten: absolute Barrierefreiheit und eine vielfältige, inklusive Schachszene. Sein großes Ziel ist es, eine eigene Inklusionskommission im Schachbund zu gründen: „In der Kommission sollte dann jede Behinderungsform vertreten sein und für sich selbst sprechen. So könnten alle künftig besser unterstützt werden.“

„Viele Menschen wollen helfen“

Mit dem Inklusionsfestival in Ruit sei ein weiterer Schritt in die richtige Richtung gemacht. „Alle kommen zusammen und es ergeben sich ganz automatisch Kontakte zwischen den Gruppen. Es ist zudem wichtig zu zeigen, dass wir da sind und Ansprechpartner sein können“, betont Schulz und ergänzt: „Viele Menschen wollen helfen, sind aber oft einfach unbeholfen im Umgang mit Menschen mit Behinderung.“