Reka Schatz aus Kornwestheim arbeitet seit einigen Wochen in einer Korntal-Münchinger Sportkita. Für die 23-Jährige ist es ein Traumjob. Wie kann Inklusion gelingen?
Ihr Glück kann Reka Schatz kaum fassen. „Ich könnte immer noch die ganze Welt umarmen. Das ist echt super, eine Traumarbeit, eine Paradiesarbeit“, schwärmt die 23-Jährige mit Superlativen über ihren neuen Job. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Seit Juli ist die junge Frau in der Sportkita Sportnest im Korntal-Münchinger Stadtteil Münchingen als pädagogische Assistenz angestellt. Unbefristet.
Zurzeit ist Reka Schatz bei den Vorschulkindern, im September wechselt sie in die Krippe. „Mit Kindern zu arbeiten, macht mir sehr viel Spaß“, sagt die Kornwestheimerin. Zuvor hat sie im Sportnest hospitiert. „Wir waren alle angetan“, sagen ihre Vorgesetzten. Das Jobangebot war die logische Konsequenz. Eine solche Wertschätzung und Akzeptanz ist für Reka Schatz nicht selbstverständlich. Im Sportnest formuliert man es so: Sie sei bei früheren Arbeitsstellen viel rumgeschubst worden.
Nicht alles ist Sonnenschein
Die junge Frau hat das Downsyndrom, auch Trisomie 21 genannt. Das ist eine Genveränderung, bei der das Chromosom 21 in jeder Zelle drei- statt zweifach vorhanden ist. Laut Statistik ist bei 700 Geburten ein Kind mit Downsyndrom dabei, jährlich kommen bundesweit rund 1200 Kinder damit zur Welt. Die Ausprägung einer damit verbundenen geistigen Behinderung und körperlicher Fehlbildungen ist ganz verschieden.
Nötig sind sich täglich wiederholende Prozesse
Reka Schatz ist ein gutes Beispiel für gelungene Inklusion, die Teilhabe aller Menschen – wenngleich natürlich nicht immer alles eitel Sonnenschein ist. Inklusion ist kein Selbstläufer, sie ist harte Arbeit. „Inklusion muss vorgelebt werden“, sagt Bettina Weinmann vom Leitungsteam im Sportnest. „Vertrauen, loslaufen, tun: Das ist definitiv die größte Hürde.“
Morgens um 8 Uhr beginnt Reka Schatz’ Arbeitstag. Sie fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Und braucht einen gut strukturierten Alltag. Es sind einfache Aufgaben, die sie übernimmt. „Ich passe auf die Kinder auf und spiele mit ihnen, was sie aussuchen, Brettspiele zum Beispiel“, erzählt Reka Schatz. Sie räumt auf, richtet den Vesperwagen, schaut beim Essen, „dass die Kinder nicht so laut sind und keinen Quatsch machen“. Nötig seien sich täglich wiederholende Prozesse, sagt Bettina Weinmann, zuständig für die Vorschule. „Man muss Reka geduldig daran erinnern, weil sie manches vergisst, wenn es ihr zu viel wird.“
Herauszufinden, was sie gut erledigen kann, ist für das Kitateam noch ein Lernprozess. Manche Aufgaben überfordern sie, langweilen sollte sie sich aber auch nicht. Denn dann finde sie sich zu oft an der Kaffeemaschine ein oder müsse zur Toilette, sagt Bettina Weinmann. „Man muss einen guten Blick auf sie behalten und stetig an ihrem Alltagsprofil arbeiten.“
Fröhlich, offen, zielstrebig, selbstbewusst
Reka Schatz hat über das Projekt „Inklusion leben“ beim Stuttgarter Kitaträger Eva Kinderbetreuung eine sechsmonatige Qualifizierung zur Kita-Assistenz gemacht. Sie ist im Sportnest eine Zusatzkraft, zählt aber nicht zum Personalschlüssel. In der Kita bringt sie alle zum Lachen. Sie ist fröhlich und offen, zielstrebig und selbstbewusst. „Ich rede zu viel und bin im Sport voll gut“, sagt sie selbst. Sie macht Ballett und Leichtathletik, sie schwimmt und fährt Ski. Im Verein 46plus Down-Syndrom Stuttgart, der mit dem Sportverein SV Salamander Kornwestheim kooperiert, ist Reka Schatz die Sprecherin der Leichtathleten.
Große Erfolge als Sportlerin
Als Sportlerin feiert sie unter anderem bei den Special Olympics große Erfolge. Ihre Gold- und Silbermedaillen hat sie beim Vorstellungsgespräch stolz gezeigt. Die Special Olympics sind die weltweit größte Bewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung. Geige spielen kann Reka Schatz auch, und sie singt gern. „Ich bin sehr textsicher.“ Ihre Stärken und Talente benennt die junge Frau ungeniert. „Ich kann über Downsyndrom reden – oder über Fähigkeiten. Das klingt besser“, findet sie. Ob sie eigentlich auch Schwächen hat? Reka Schatz lacht. „Ich kann nicht gut rechnen, und in Englisch bin ich auch nicht so gut.“
Dass Inklusion noch zu oft bloß ein Lippenbekenntnis ist, beschäftigt Reka Schatz. „Überall reden sie, wir machen Inklusion, aber sie machen es nicht“, kritisiert die 23-Jährige. Sie fordert, „man muss auch uns hören, etwa die Politik“.
„Man muss Menschen mit Behinderung mehr zutrauen“
Aus Erfahrung weiß Reka Schatz, wie schwierig es für Menschen mit Handicap ist, einen Job zu bekommen. Für sie muss es ihrer Ansicht nach nicht nur mehr Arbeitsstellen und mehr Angebote geben, sondern „man muss ihnen mehr zutrauen. Wir können genau so sein wie andere Menschen“. Eine Person im Rollstuhl könne auch in einem Restaurant bedienen – indem sie die Tabletts auf den Schoß lege. Stattdessen gebe es für Menschen mit Handicap eher Praktika oder Tätigkeiten in Behindertenwerkstätten. Für sie persönlich sei das nichts, meint Reka Schatz. „Das ist monoton und langweilig. Ich bin viel zu gut für diese Aufgaben.“
Und noch was wünscht sich Reka Schatz. „Dass die Leute mutiger sind und mich ansprechen. Sie sollen keine Angst haben.“
Die junge Frau hat viele Pläne
Berührungsängste blieben immer – und Barrieren seien nach wie vor da, stellt Bettina Weinmann fest. Aber auch, dass man profitiert, Menschen wie Reka Schatz um sich zu haben. „Alle erlernen wir den selbstverständlichen Umgang mit behinderten Menschen, die Kinder wie auch wir Erwachsene.“ Manchmal strenge es beide Parteien an, denn Reka verschaffe sich Gehör, auch wenn man mal nicht zuhören könne oder möchte. „Wir Erwachsenen leben Wertschätzung auch in diesen Situationen vor. Unsere Vorschulkinder erwischen wir manchmal hilflos oder überfordert, sie versuchen, Reka zu ignorieren, wenn sie etwas von ihnen möchte. Dann müssen wir eingreifen und ihnen zeigen, wie man damit umgeht.“
Damit Inklusion klappt, so Weinmann, sei es das Wichtigste, die Selbstverständlichkeit zu leben, „dass Menschen mit Einschränkungen bei uns sind. Wir gehen zu jeder Zeit damit um, ohne uns Gedanken zu machen, ob wir das leisten können.“ Weder frage man nach finanziellen oder zeitlichen Ressourcen noch überlege man, wann im Tagesablauf das zu viel sein könnte.
Reka Schatz lebt bei ihren Eltern. Noch. Sie will mit einer Freundin eine Wohngemeinschaft gründen. Der Wohnort sei noch unklar. Etwas Panik vor dem Auszug habe sie schon, gesteht die 23-Jährige. „Aber eine eigene Wohnung ist wichtig für mich.“
Kita lebt Inklusion
Einzigartig
Korntal-Münchingen hat sich auf die Fahne geschrieben, allen Kindern mit erhöhtem Förderbedarf Zugang zu einer Kita in der Stadt zu ermöglichen – und ein Pilotprojekt gestartet, das in der Form im Kreis Ludwigsburg einzigartig ist: Im Sportnest ist die „Kommunale Begleitstelle für Inklusion“ angesiedelt. Die Kita ist seitdem die erste Anlaufstelle für betroffene Familien. Der Bedarf soll ermittelt werden, eine Willkommenskultur in allen Einrichtungen entstehen – und ein Netzwerk, das Eltern besser unterstützt, sagt die Leiterin Bettina Weinmann. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie steinig der Weg ist: Ihr verstorbener Bruder war schwerbehindert. Auch deshalb fand Inklusion in der Kita schon vor der Einrichtung der Anlaufstelle statt.
Unterfinanziert
Derzeit betreut die Kita mit Krippe vier Kinder mit Behinderung; Inklusionskinder, die offiziell diese Diagnose haben. Dann fließt Geld vom Landkreis, damit sie eine Kita besuchen können. Bezahlt werden 1100 Euro pro Kind und Monat. Dafür gibt es eine Betreuung von sechs Stunden pro Woche durch eine Inklusionskraft. Im Sportnest werden die Kinder bei Bedarf trotzdem jeden Tag betreut, weil man sich dort als Gruppe um sie kümmert. Darüber hinaus besuchen drei Kinder mit erhöhtem Förderbedarf die Einrichtung. Weitere Kinder sollen aufgenommen werden.