Eine private Initiative fördert nun in Stuttgart Stoffwindeln. Auch immer mehr Kommunen tun das, um Müll zu vermeiden. Zieht Stuttgart nach?
Stoffwindeln haben gerade ein schweres Leben auf dem freien Markt. Mehr als 90 Prozent der Eltern in Deutschland setzen nach Zahlen des Statistikportals Statista lieber auf Einwegwindeln. Gleichzeitig machen sie laut verschiedenen Erhebungen etwa 10 Prozent des Hausmülls aus.
6000 bis 7000 Windeln fallen pro Kind durchschnittlich an, bis es nach etwa drei Jahren trocken ist. Das ergibt eine Tonne Windelmüll durch jedes Neugeborene, davon gibt es jährlich in Stuttgart rund 6000. Die Windeln landen in der Regel im Restmüll und werden verbrannt.
Zuschuss soll Stoffwindeln bekannter machen
Gegen dieses Müllproblem will nun die private Initiative „Mein Windelzuschuss“ angehen, die seit April auch in Stuttgart verfügbar ist. Für 80 Euro – statt einem Marktpreis von etwa 200 Euro – kann man sich ein kleines Windelpaket kaufen, mit dem man nach Worten der Initiatorin Andrea Bettinger zwei Tage lang wickeln kann. Finanzieren würden das Hersteller wie auch sie selbst – sie hat einen Stoffwindelvertrieb –, indem sie auf Gewinne verzichten. Aus dem Antrieb, Müll zu vermeiden und Stoffwindeln bekannter zu machen, wie Bettinger sagt.
Stoffwindeln sind auf Dauer zwar meist günstiger als Einwegwindeln, neue Sets schlagen aber oft mit mehreren Hundert Euro zu Buche. „Diese erste Hürde wollen wir den Menschen nehmen“, sagt Andrea Bettinger. In 30 Städten gibt es ihren Stoffwindelzuschuss Bettinger zufolge mittlerweile. Etwa 250 Mal sei er in Summe in Anspruch genommen worden, sagt sie. Das sei mehr, als sie erwartet habe.
Was Eltern von Stoffwindeln abhält, ist die Sorge, sie seien unpraktisch. Moderne Stoffwindeln ähneln in ihrem System aber oft den Einwegwindeln und sind ähnlich anzulegen. Nach etwas Übung brauche man dafür etwa Minute länger als mit Einwegwindeln, schätzt Bettinger.
Immer mehr Gemeinden und Städte setzen auf eine Förderung für Stoffwindeln, um die Müllmenge zu reduzieren. In der Region macht das etwa der Rems-Murr-Kreis. Und sonst etwa: Göppingen, Heilbronn, Mannheim, Freiburg und auch München. Je nach Kommune sind die Förderungen meist auf 50 oder 100 Euro begrenzt.
Viele Kommunen fördert Stoffwindeln – Stuttgart nicht
Und Stuttgart? Derzeit gebe es keinen entsprechenden Zuschuss, heißt es von der Pressestelle der Stadt. Ob entsprechende Ideen in der Stadtverwaltung schon diskutiert wurden, konnte bis Redaktionsschluss nicht beantwortet werden. Andrea Bettinger sagt, sie möchte nach ein paar Monaten mit „Mein Windelzuschuss“ in Stuttgart wegen einer Förderung auch auf die Stadt zugehen.
Ein Viertel geringerer CO2-Fußabdruck mit Stoffwindeln
Während Stoffwindeln eindeutig weniger Müll bedeuten, war die Frage nach dem CO2-Abdruck lange strittig. Eine Auswertung der britischen Defra, vergleichbar mit dem Umweltbundesamt hierzulande, kam 2008 zu dem Ergebnis, dass die Umweltauswirkungen von Stoff- und Einwegwindeln in etwa gleich sind.
Begründet wurde das vor allem mit dem hohen Energieverbrauch beim Waschen und Trocknen der Stoffwindeln.
In der neuen Version dieser Studie von 2023 schneiden Stoffwindeln aber deutlich besser ab. Das aktuelle Ergebnis: Wegwerfwindeln kommen auf einen Fußabdruck von knapp 460 Kilogramm CO2-Äquivalenten, Stoffwindeln auf etwas mehr als 340 Kilo, also ungefähr ein Viertel weniger. Berücksichtigt wurde nicht nur der CO2-Ausstoß von Herstellung und Waschgängen, sondern etwa auch Wasserverbrauch und Umweltauswirkungen.