Die Demokraten rühren in ihrem Büro in Sheboygan kräftig die Werbetrommel. Foto: Gary C. Klein, USA Today Network-Wisconsin

Von Dagmar Weinberg

Seitdem er wählen darf, hat Jon Keckonen sein Kreuzchen immer bei den Republikanern gemacht. „Am kommenden Dienstag werde ich zum ersten Mal nicht für die Republikaner stimmen“, sagt der 74-Jährige, der sich in Esslingens amerikanischer Schwestergemeinde Sheboygan in der Partnerschaftsorganisation „People to People“ engagiert. „Und ich bin froh, wenn endlich der 9. November und somit alles vorbei ist. Denn das war dieses Mal wirklich ein schrecklicher Wahlkampf.“ Auf den Straßen von Sheboygan war davon allerdings wenig zu sehen. „Ich habe in der Stadt kein einziges Plakat mit einem Foto von Trump oder Clinton gesehen. Der größte Teil der Kampagne ist wohl über das Fernsehen und die sozialen Medien gelaufen“, berichtet Jon Keckonen.

„Wir haben hier kaum einen Kandidaten zu Gesicht bekommen“, bestätigt auch Gary C. Klein, der die Wahlen für das USA Today Network-Wisconsin fotografisch begleitet. Im Vorwahlkampf hatten im County Sheboygan die republikanische Präsidentschaftskandidatin Carly Fiorina und Heidi Cruz, Ehefrau des Bewerbers Ted Cruz, Station gemacht. Auch Hillary Clintons parteininterner Gegenspieler Bernie Sanders hatte während der Vorwahlen einen Auftritt in der Partnerstadt. „Aber die meisten Kandidaten sind lieber in die größeren Städte wie Milwaukee oder Green Bay gegangen“, erzählt der Fotograf.

Die Stadt wählt demokratisch

„Bei dieser Präsidentschaftswahl scheint es keine große Begeisterung zu geben. Die Leute sind eher zurückhaltend und es gibt deutlich weniger Plakate als sonst“, berichtet Sherill Smith, bei der Sheboyganer Stadtverwaltung für die Organisation des Wahlgangs zuständig. Exakt 25 228 der 48 653 Einwohnerinnen und Einwohner haben sich für die Abstimmung am 8. November registrieren lassen. Rund 4000 haben bereits per Briefwahl votiert. „So erwarten wir also am Wahltag in unseren Wahllokalen einen großen Andrang“, sagt Sherill Smith. Bei der Wahl vor acht Jahren waren rund 80 Prozent der Stimmberechtigten an die Urnen gegangen.

Politisch verläuft ein Graben zwischen der City und dem ländlich geprägten County Sheboygan. Während man in der Stadt traditionell für die Demokraten stimmt, sammeln die Republikaner auf dem Land mehr Stimmen. So hatte Barack Obama 2008 in Sheboygan dann auch ganz klar die Nase vorn. Im Landkreis zog der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain damals aber an Obama vorbei – wenn auch nur knapp mit 404 Stimmen.

Seine Kreuzchen kann man in den acht Wahllokalen, die die Sheboyganer Stadtverwaltung dieses Mal eingerichtet hat, entweder auf einem Wahlzettel machen, der anschließend maschinell gelesen wird. Oder man gibt die Stimme an einem Bildschirm in eine Maschine ein, die anschließend einen Papierbeleg ausspuckt. Ihre Wahl bereits getroffen hat Elizabeth Hejl. Sie ist in Sheboygan geboren und aufgewachsen, lebt seit vier Jahren in der Nähe von Horb und hat von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ihre Stimme übers Internet abzugeben. Auch wenn sie inzwischen weit entfernt von ihrer Heimat lebt, „interessiere ich mich natürlich dafür, was dort passiert“. Hat sie sich in den vergangenen Wochen mit Freunden in Sheboygan per E-Mail sowie über Facebook ausgetauscht oder mit ihren Eltern Ann und Jon Keckonen telefoniert, „habe ich gemerkt, dass die meisten die Nase vom Wahlkampf absolut voll haben und gar nicht mehr über Politik reden wollen“ – was sie allerdings nicht wundert.

„Ein abscheulicher Egoist“

Denn seit vielen Wochen würden ihre Landsleute nicht nur im Fernsehen im 15-Minten-Takt mit Wahl-Werbespots bombardiert. Immer wieder klingle das Telefon und eine maschinell gesteuerte Stimme am anderen Ende der Leitung posaune einem Wahlkampfparolen ins Ohr. Dass es in der politischen Auseinandersetzung mal „ein bisschen schmutzig“ zugeht, gehöre zum Geschäft. „Aber dieses Mal ist es wirklich schlimm, und das Land ist durch diesen Wahlkampf völlig gespalten“, hat Elizabeth Hejl festgestellt. Egal, ob ihre Freunde eher zu Hillary Clinton oder zu Donald Trump tendieren: „Ich kenne niemanden, der mit seiner Wahlentscheidung richtig glücklich ist.“ Die demokratische Präsidentschaftskandidatin würden viele hassen, weil sie distanziert und kalt sei. „Aber so muss eine Frau sein, die in der amerikanischen Männerwelt bestehen will“, sagt Hejl. „Doch Donald Trump ist verrückt.“

Eine Einschätzung, der ihr Vater Jon Keckonen nicht widerspricht. Zwar stimme er vielen politischen Thesen der republikanischen Partei eher zu als denen von Hillary Clinton und den Demokraten. „Aber ich möchte mir gar nicht vorstellen, was alles passieren könnte, wenn Donald Trump unser Präsident wäre“, sagt der 74-Jährige. „Ich halte ihn für einen abscheulichen Egoisten, der von seinen Beratern keinen Rat annehmen würde und für unser Land sehr peinlich wäre. Und das würde uns mit einer Präsidentin Clinton nicht passieren.“

Partnerstadt am Michigan-See

Reizvolle Lage: Mit gut 48 000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Sheboygan eine typische amerikanische Kleinstadt. Die landschaftlich reizvoll gelegene Stadt an der Westküste des Michigan-Sees liegt im US-Bundesstaat Wisconsin und ist etwa 18 Kilometer von Milwaukee und 275 Kilometer von Chicago entfernt. Esslingen und Sheboygan sind seit 1967 partnerschaftlich miteinander verbandelt – im kommenden Jahr wird also der 50. Geburtstag der Städtepartnerschaft gefeiert.

Farmer und Handwerker: In der von vielen Seen und Flüssen durchzogenen Landschaft standen einst nur die Zelte der Indianer. Historiker vermuten, dass der Franzose Jean Nicolet im Jahr 1635 als erster weißer Mann die Küste von Sheboygan betreten hat. Mit William Farnsworth kam 1822 dann einer der ersten Pelzhändler nach Sheboygan. Da er großen Anteil an der Entwicklung der Stadt hatte, wird er als „Vater von Sheboygan“ gesehen. In der Stadt und der Region Sheboygan ließen sich Deutsche, Holländer, Iren sowie Engländer und Franzosen als Farmer und Handwerker nieder. Am 7. Dezember 1836 wurde die Stadt offiziell gegründet. Die Zahl der Einwohner wuchs rapide. 1856 wurde die „Sheboygan Mississippi Railroad Co.” eingeweiht.

Windmühlen und Möbel: Die Wasserkraft, mit der Fabriken, Sägewerke und Getreidemühlen angetrieben wurden, machte Sheboygan schon zu Gründerzeiten zum wohlhabenden Industriezentrum. Die riesigen Wälder lieferten den Rohstoff für Holzbetriebe, die Windmühlen, Fensterrahmen und Möbel herstellten. 1873 gründete der aus dem Bregenzerwald stammende Einwanderer John Michael Kohler die Eisen- und Stahlwerke Kohler-Company. 1912 ließ der damalige Firmenchef Walter Jodok Kohler, der von 1929 bis 1931 zudem 26. Gouverneur von Wisconsin war, in der Nähe der Firma eine industrielle Modellsiedlung für die Mitarbeiter bauen. Die an der östlich Stadtgrenze Sheboygans gelegene Gemeinde Kohler zählt heute mehr als 2000 Einwohner. Kohler ist der größte Arbeitgeber in der Region und weltweit bekannt für die Herstellung von Sanitäreinrichtungen. Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweige in Esslingens Partnerstadt ist die Produktion von Autoteilen und Kunststoffen.

Bratwursttag: Durch die Lage am Michigan-See ist Sheboygan bei Touristen beliebt. Vor allem zieht die Stadt natürlich Wassersportler an. Bekannt ist die Gemeinde aber auch bei Anhängern des Golfsports. Der American Club zählt zu den schönsten Golfplätzen der Welt. Im August wird in der Esslinger Schwestergemeinde Jahr für Jahr eine Woche lang ein großes Stadtfest mit Musik, Feuerwerk und einem historischen Umzug gefeiert. Das Fest beginnt am ersten Samstag im August traditionell mit dem „Brat-Day“, also dem Bratwursttag. Der ist eine Hommage an die deutsche Bratwurst. Das Rezept der „Bratwurst made in Sheboygan“ soll von deutschen Siedlern stammen.