Quelle: Unbekannt

Die Weisheit trifft die Hoffnung in der Stückentwicklung von Tri-Bühne-Intendantin Edith Koerber. Ziemlich viel Stoff hat sie allerdings hineingepackt in ihr einstündiges Weltrettungsdrama.

StuttgartDie Weisheit trifft auf die Hoffnung. Sophia (Silvia Passera), also die „Weisheit“, sagt sehr viele kluge Sätze zur titelgebenden Esperanza, der Hoffnung, und zum Publikum des Theaters Tri-Bühne. Zum Beispiel, dass die katholische Kirche den Begriff Freitod nicht mag, sondern die Toten als Mörder ihrer selbst sieht. Wobei die Kirche doch so viel Liebe zu geben hat, besonders kleine Kinder würde sie doch sehr lieben. Und dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs immer nur Bahnhof verstanden hätten, weil sie eben genug vom Töten und Getötetwerden hatten und nur noch Hause fahren wollten.

Sophia gehört in „Esperanza“ zu den anonymen Andersdenkenden. Das sind keine Verrückten, sondern Verrücker, welche die wahrhaft Verrückten, also die Männer an der Spitze der Weltherrschaft, an ihre Plätze verweisen wollen. Nach unten verrücken sozusagen. Silvia Passera trägt ihre Spitzen gegen diejenigen, welche die Erde so „kaputtalistisch“ zugerichtet haben, mit leiser Ironie vor.

Kämpfende Kreatur

Ihre Gegenspielerin, die sich mit Poesie gegen die Schlechtigkeit der Welt zur Wehr setzen möchte, spielt die aus Kolumbien stammende Magda Cecilia Agudelo Moreno. Mit ihren hüftlangen Haaren, im Kimono und mit einer Maske vor dem Gesicht wird Esperanza von der rätselhaften zur leidenden, aber auch kämpfenden Kreatur. Es braucht mehrere Anläufe, bis Esperanza auf Deutsch wie auf Spanisch die Geschichte ihres Kimonos erzählt hat. Sie hat zu tun mit den Studenten in Mexiko, deren Proteste niedergeschossen wurden und verschwunden sind. Es geht dabei auch um den Tod, der ein Meister aus Oberndorf ist und mit seinen Waffen in Mexiko „die Erde arm macht“; es geht um Sadako Sasaki, die Überlebende des Atombombenabwurfs, die trotz 1000 gefalteter Papierkraniche an Leukämie gestorben ist; es geht um Hybridmais, der die Vielfalt verdrängt, um das Wettrüsten, die MAD-Doktrin und darum, dass jedes Schulkind weiß, dass dieser Planet stirbt.

Dazu macht Sebastian Huber Musik, und es werden immer wieder andere Bilder unter die Videokamera geschoben, die simultan auf der Bühne zu sehen sind: von der aufgebahrten Sadako, vom schönen Schwarzwald, von den vermissten Studenten, der indigenen Großmutter, den Klimademos. Ziemlich viel Stoff für eine Stunde, die dieses Stück – oder besser diese Stückentwicklung – dauert. Edith Koerber und die Schauspieler haben viel gelesen: von Schopenhauer, dem Frauenverächter, und von Jürgen Grässlin, dem Ankläger von Heckler und Koch, und daraus eine Geschichte gewoben. Doch die Textur hält nicht. Die Themen sind mal miteinander verwoben, mal nur assoziativ aneinandergereiht, und vor allem schrammen die Anklagen viel zu oft nicht nur am Kitsch vorbei, sondern sind mittendrin. Das Pathos tropft nicht, es kleistert.

Forderungen im Versmaß

Zum Schluss kommen noch drei Aktivisten von „Fridays for Future“ mit ihren Plakaten auf die Bühne und tragen – teils frei, teils abgelesen – ihre Forderungen im Vermaß vor: „Euer Egoismus kann sein / unser aller Verderben“. So werden Charlotte von Bonin & Co. zu Pappkameraden ihrer selbst, die vor den Authentifizierungskarren gespannt werden. Wer nicht wüsste, welch eine integre und durch und durch der Kunst verpflichtete Person Edith Koerber ist, der könnte ihr unterstellen, sie instrumentalisiere eine erfolgreiche Jugendbewegung für den unter ihrer Regie ästhetisch eher auf Sparflamme zubereiteten Appell, die Welt zu verbessern.

Weitere Vorstellungen am 10., 12., 13. und 20. Juli.

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