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Der Stuttgarter Opernintendant Viktor Schoner stellte die wichtigsten Produktionen der kommenden Saison 2019/20 vor. Im Zentrum stehe die europäische Perspektive.

StuttgartFremdeln scheint nicht seine Sache zu sein. Viktor Schoner, seit Beginn der laufenden Saison im Amt als Opernintendant, wirkt längst angekommen in der Stuttgarter Wirklichkeit. Nur birgt die Stuttgarter Opernwirklichkeit mittlerweile ein gehöriges Stück Unwirklichkeit – die unendliche Geschichte um Opernhaussanierung oder -neubau, um Interimsquartiere und um Zeithorizonte, die schneller in die Zukunft wachsen als die S-21-Tunnel ins Erdreich, nimmt zusehends surreale Dimensionen an. Auch wenn der Gelassenheit signalisierende Schoner den Zusammenhang nicht ausdrücklich herstellt: Zu alldem passt, dass die Oper ein neues Frühjahrsfestival mit dem Titel „wirklich wirklich“ ausrichtet. Es geht um die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist (oder unsere Wahrnehmung von ihr), beginnend mit Henzes träumerischem Prinzen von Homburg, der am vergangenen Sonntag Premiere hatte (Bericht folgt). Und endend nach der am 7. April stattfindenden Premiere von John Adams’ „Nixon in China“, einer Oper über die Inszenierung und Medialisierung des Politischen. Etliche Spezialformate stehen rund um diese Eckpfeiler im Programm. Zum Beispiel ein Filmkonzert mit Chaplins „Modern Times“ (24. März, 11 Uhr, Opernhaus) oder ein „Wirklichkeitskongress“ mit dem Tübinger Me­dienwissenschaftler Bernhard Pörksen und anderen (13. April, 13 Uhr, Nord).

In gewisser Weise knüpft der Spielplan der kommenden Saison 2019/20 daran an. Einen ersten Einblick gab Schoner am Sonntag vor der Henze-Premiere. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, die erhellende Kontrastschärfe von Historie und Vergegenwärtigung bilde zusammen mit einer entschieden europäischen Perspektive den zentralen Erzählstrang. Deshalb wird etwa Mussorgskis „Boris Godunow“-Urfassung kombiniert mit der dazwischen geschalteten Uraufführung von Sergej Newksis „Secondhand-Zeit“ nach PostsozialismusTexten von Swetlana Alexijewitsch, in denen die sogenannten kleinen Leute der Jelzin-Zeit zu Wort kommen. Regie führt Paul-Georg Dittrich, es dirigiert Generalmusikdirektor Cornelius Meister (Premiere: 2. Februar 2020). Ebenso folgt Mascagnis Verismo-Klassiker „Cavalleria Rusticana“ nicht der gewohnte „Bajazzo“ Leoncavallos, sondern eine zeitgenössische Eifersuchtstragödie, freilich auf ein historisches Sujet: Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ von 1998 (Regie: Barbara Frey, Dirigent: Cornelius Meister, Premiere: 28. Juni 2020).

Erste Neuproduktion der Saison ist Verdis „Don Carlos“ in der französischen Urfassung mit Meister und der Regisseurin Lotte de Beer (27. Oktober). Am 1. Dezember folgt Mozarts „Hochzeit des Figaro“, dirigiert von Roland Kluttig und inszeniert von Christiane Pohle. Mit Schuberts „Winterreise“ in der „komponierten Interpretation“ von Hans Zender aus dem Jahr 1993 hat am 1. März 2020 ein Vergegenwärtigungsexperiment im Wortsinn Premiere. Matthias Klink singt den Tenorpart, Stefan Schreiber dirigiert, Regie und Raumkonzept übernimmt der Videokünstler Aernout Mik, der laut Schoner die „Einsamkeit inmitten der Gesellschaft“ fokussieren will.

Vivaldis Oratorium „Juditha Trium­phans“ wird von der italienischen Regisseurin und Bühnenbildnerin Silvia Costa szenisch realisiert. Stefano Montanari dirigiert die Produktion, die in den Solo- und Chorpartien ausschließlich weiblich besetzt ist – ganz so, wie es bei der Uraufführung in Vivaldis venezianischem Mädchenwaisenheim der Fall war (Premiere: 22. März 2020).

Die Pflege des Repertoires ist Schoner ein hohes Anliegen – auch weil die Regiegrößen der Zehelein- und Wieler-Ära bei den Neuinszenierungen zum Zweck neuer Akzentsetzung ausgespart werden. Im Repertoire aber bleiben sie präsent, etwa mit Jossi Wielers und Sergio Morabitos „Tristan“-Inszenierung (ab 30. April 2020), mit Peter Konwitschnys „Zauberflöte“ (ab 12. Mai 2020) und „Elektra“ (ab 12. Juli 2020). mit Christoph Marthalers Interpretation von Offenbachs „Contes d’Hoffmann“ (ab 19. April 2020), Frank Castorfs Deutung des „Faust“ von Gounod (ab 7. Juni 2020) und Sebastian Nüblings umstrittener „Carmen“ (ab 29. September). Gleich zum Saisonbeginn am 20. September gibt es eine der „Stuttgarter Kult-Inszenierungen“, wie Schoner sagt: Verdis „La Traviata“ in der Regie von Ruth Berghaus aus dem Jahr 1993 – jetzt mit dem Belcanto-Spezialisten Friedrich Haider am Pult und Elena Tasallagova in der Titelrolle.

www.staatsoper-stuttgart.de

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