In den ersten Wochen von Primark in Stuttgart gab es draußen Proteste und drinnen großen Andrang. Foto: dpa, Lg/Willikonsky - dpa, Lg/Willikonsky

Der Hype um Primark schwindet. Auch Stuttgarts Citymanager Sven Hahn sieht Probleme bei der Billig-Textil-Kette.

StuttgartEine Meldung aus der Textilwirtschaft: Statt neuer Rekorde der Billig-Textil-Kette Primark ein herber Dämpfer. Die 30 Deutschland-Geschäfte des irischen Unternehmens verderben die gesamte Umsatzentwicklung (8,54 Milliarden Euro) in Europa. Zu lesen war dies im Geschäftsbericht der britischen Primark-Mutter ABF für das Jahr 2018/2019. Manche Filialen in Deutschland sollen verkleinert nun werden, um die Flächenproduktivität wieder zu erhöhen.

Trifft das auch Stuttgart? Gehen auch die Filialen auf der Königstraße und im Milaneo schlecht? Der Eindruck in den Läden gibt ein unterschiedliches Bild ab. An Wochentagen scheint die Frequenz durchwachsen, an Samstagen erinnert die Szenerie an die Goldgräberstimmung, die im Milaneo kurz nach der Eröffnung herrschte: lange Staus vor dem Eingang, Blockabfertigung, Security-Personal verhindert die völlige Überfüllung. Auch weil es inzwischen zwei Filialen in der Stadt gibt, hat sich diese überhitzte Nachfrage im Milaneo deutlich abgekühlt.

Auch im Stadtbild scheint der schwindende Hype um Primark sichtbar zu sein. Marschierte früher eine Armada junger Kunden mit Primark-Tüten über den Europaplatz oder die Königstraße, sind es heute deutlich weniger. Im offiziellen Statement der Primark-Pressestelle heißt es jedoch: „Wir sind mit der Entwicklung unserer Stuttgarter Stores in der Königstraße und im Milaneo sehr zufrieden. Wir haben hier zwei großartige Standorte“

Kundige Beobachter sehen das kritisch. Auch Citymanager Sven Hahn würde es nicht wundern, wenn die Deutschland-Lage des Textilkonzerns auch Stuttgart erreicht hätte. Dafür gebe es aus seiner Sicht gute Gründe: „Tatsächlich ist es heute sehr schwer geworden, Textilhandel über mehrere Etagen zu betreiben. Der Trend geht ja eher dazu, sich auf das Erdgeschoss zu beschränken.“ Zudem sei der totale Verzicht, auch im Internet Waren anzubieten und zu verkaufen, eine denkbare Erklärung für das vermeintlich schlechtere Ergebnis. Nicht zuletzt glaubt Hahn auch, dass sich der Wind bei der Nachfrage von Discounter-Textilien gedreht habe. „Gut möglich, dass ein stärkeres Bewusstsein für Ökologie und fairen Handel nun den Discountern Probleme macht.“

Die Stichprobe vor der Primark-Filiale auf der Königstraße eröffnet Einblicke in die Konsumentenseele. Drei Teenager tragen ihre gut gefüllten Papiertüten heraus. Warum sie bei Primark einkaufen? Sie schauen sie sich bedröppelt an, grinsen, schweigen. Erst auf Nachfragen und Verweis auf die vielstimmigen Primart-Kritiker bricht eine Jugendliche das Schweigen: „Ja, wir sind uns den Hintergründen zur Produktion und zum Handel bewusst.“ Warum sie dennoch beim Textil-Discounter einkaufen? „Weil es billig ist.“

Andere scheinen mittlerweile umgedacht zu haben. Davon berichtet Kinga Gyökössy-Rudersdorf. Sie betreibt seit 25 Jahren für die Stuttgarter Regionalgruppe „Kampagne für Saubere Kleidung“ Aufklärungsarbeit in Schulen, Kirchen, Kongressen und Vereinen. Es geht um Nachhaltigkeit, um Fairen Handel. An manchen Tagen, wenn sie eine Woche lang in einer Schule zu Gast war, war sie am Ende niedergeschlagen: „Da hatte ich alles erklärt, und sie haben alles verstanden. Aber am nächsten Montag sind die Schüler wieder zu Primark.“ Schnell war ihr klar: Das ist mehr als Konsum. „Für die jungen Leute ist das eine Freizeitbeschäftigung.“

Mittlerweile ist Gyökössy-Rudersdorf davon überzeugt, dass die schlechten Deutschlandwerte von Primart mit einem Sinneswandel verbunden sind. „Ich glaube, dass sich hier immer stärker ein Bewusstseinswandel vollzieht“, sagt sie. In Stuttgart, so hofft sie, löse ein neuer Trend bei der Freizeitgestaltung den alten ab: „Heute ist es einfach angesagt, bei Fridays for Future mitzumachen.“

Wachstum durch Neueröffnungen

Primark wurde 1969 gegründet und hat inzwischen in Europa mehr als 350 Filialen mit über 70 000 Mitarbeitern. Primark ist seit der Gründung ein Tochterunternehmen des britischen Lebensmittelkonzerns Associated British Foods (ABF). Von 2008 bis 2014 hat sich der Gesamtumsatz von Primark mehr als verdoppelt, während der Gewinn auf das Einhalbfache gestiegen ist. 2017 soll der Umsatz bei 7 Milliarden Euro gelegen haben. Im Jahr 2018 liegt die Marke bei 8,5 Milliarden Euro. Nun wird europaweit mit einem Wachstum von vier Prozent gerechnet. Allerdings gehe diese Steigerung alleine auf die Neueröffnung von Filialen zurück. Die Verkaufsfläche ist vergangenes Geschäftsjahr um rund 90 000 auf 1,45 Millionen Quadratmeter angewachsen. In diesem und im kommenden Jahr sollen weitere 19 Filialen dazukommen.

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