Immer mehr Geimpfte stecken sich mit dem Coronavirus an – wie ist es um die Wirksamkeit der Impfstoffe wirklich bestellt?
Berlin - Bundesweit melden Krankenhäuser, dass mehr Geimpfte an Corona erkranken und eingewiesen werden. Die Zahlen bestätigt der jüngste Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI). Bei den erfassten Daten lohnt sich ein genauer Blick – wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Wie viele Impfdurchbrüche gab es bisher in Deutschland?
Das RKI hat die Zahl der sogenannten Impfdurchbrüche seit dem Februar 2021 erfasst: Rund 145 000 Menschen haben sich demnach in Deutschland trotz vollständigen Impfschutzes angesteckt. Besonders aussagekräftig sind die Zahlen bei den über 60-Jährigen – einer Altersgruppe, bei der die Risiken einer schwerwiegenden Erkrankung am größten sind: 60 Prozent aller Neuinfektionen mit Corona gehen auf Geimpfte zurück. Doch in jener Altersgruppe sind bereits 92 Prozent aller Deutschen geimpft. Die acht Prozent Ungeimpften sorgen also für 40 Prozent aller Neuinfektionen.
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Wie schwer erkranken Geimpfte, wenn sie sich dennoch anstecken?
Wichtig ist ein Blick auf die Durchschnittswerte – nicht auf Einzelfälle. Die aktuellsten Zahlen des RKI zeigen in der Gruppe der über 60-Jährigen dieses Bild: Obwohl die übergroße Mehrheit geimpft ist, gehen nur 12,5 Prozent der Krankenhauseinweisungen auf vollständig Geimpfte zurück. Auf den Intensivstationen landen lediglich 10,3 Prozent der Geimpften, die sich dennoch angesteckt haben. Bei den jüngeren Altersgruppen liegen die Zahlen sogar noch niedriger. Das RKI zieht folgenden Schluss aus seinen Daten: Die Anzahl der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche in Deutschland „bestätige die hohe Wirksamkeit der eingesetzten Impfstoffe aus klinischen Studien“.
Wie haben die Impfungen die Lage in den Pflegeheimen im Vergleich zum vergangenen Herbst verändert?
„Die Impfung wirkt, wir haben weniger Fälle als voriges Jahr. Sie erspart vielen Alten den vorzeitigen Tod“, sagte der Amtsarzt von Berlin-Reinickendorf, Patrick Larscheid. In fast jedem Hauptstadtbezirk gebe es zwar derzeit Ausbrüche in der Pflege, aber im Unterschied zum Herbst und Winter 2020 erkrankten viele positiv Getestete gar nicht. Trotz der Todesfälle bei Ausbrüchen müsse einem klar sein, dass die Zahlen ohne Impfung noch höher wären und dass der Impfstatus der Toten nicht immer bekannt sei.
Warum steigt die Zahl der Impfdurchbrüche nun deutlicher an?
Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, äußert sich vorsichtig: Man könne nicht bei jedem zweifach Geimpften sicher wissen, ob er wirklich geschützt sei. Die Impfung wirke nicht bei jedem gleich. Nachlassende Immunität nach zwei Impfungen ist für die Fachärztin für Virologie, Jana Schroeder, der Hauptgrund für die Zunahme der Ausbruchszahlen. „Es zeichnet sich ab, dass ein vollständiges Impfschema insbesondere bei Älteren aus drei Dosen besteht.“ Auf diesem Weg ließen sich hohe Spiegel an Antikörpern erreichen.
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Gibt es Erkenntnisse darüber, wann genau der Impfschutz nachlässt?
Nach Angaben des Bonner Virologen Hendrik Streeck ist der Schutz vor einer Infektion ein halbes Jahr nach der Impfung nicht mehr so gut gegeben. Das bestätigt eine Studie aus Israel. Dort stellten Forschende in einer Kohorte von fast 34 000 vollständig geimpften Personen mit dem Vakzin Comirnaty von Biontech/Pfizer fest, dass Durchbruchinfektionen deutlich häufiger stattfanden, wenn die letzte Impfung mindestens rund fünf Monate zurücklag. Diese Erkenntnis unterstützt auch eine Studie aus den USA: Dort ergab eine Auswertung von knapp 3,5 Millionen elektronischen Krankenakten, von denen mehr als eine Million Menschen vollständig geimpft waren, dass der Schutz durch Comirnaty innerhalb von fünf Monaten von 93 auf 53 Prozent zurückgeht. Der Schutz gegen einen Covid-19-bedingten Krankenhausaufenthalt blieb dagegenweiter hoch bei 97 Prozent.
Gibt es bestimmte Personengruppen, bei denen eine Infektion trotz einer Impfung besonders häufig ist?
In der Studie aus Israel sind Impfdurchbrüche vor allem bei älteren Menschen verzeichnet. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der Ärzte hierzulande: Die allermeisten geimpften Intensivpatienten, die wegen Covid-19 behandelt werden, sind älter als 60 Jahre, viele sogar über 80 Jahre alt. Bei älteren Menschen ist das Immunsystem nicht mehr so aktiv wie bei jüngeren. Der Impfschutz kann sich nicht vollständig entwickeln, was sie für Folgeinfektionen anfälliger macht. Ähnlich ergeht es Menschen, die aufgrund einer Krankheit oder einer Organtransplantation ein geschwächtes Immunsystem haben. Zugleich sind gerade diese Personengruppen frühzeitig geimpft worden. Das hat den Impfschutz zusätzlich sinken lassen.
Schützt eine Booster-Impfung?
Eine dritte Impfung erhöht die Immunantwort gegen Sars-CoV-2, verringert die Infektionsraten und die Viruslast bei Durchbruchinfektion in den ersten Wochen nach der dritten Impfung sowie das Risiko für eine Krankenhauseinweisung. Damit senken Booster-Impfungen im Schnitt auch die Weitergabe des Virus. Das haben Studien aus Israel bestätigt: Dort analysierten Forscher Ende Oktober die Daten von 728 321 dreifach Geimpften und der gleichen Anzahl von Personen, die die dritte Impfung noch nicht erhalten hatten. Demnach ging die Zahl der Covid-19-bedingten Krankenhauseinweisungen bei den Erwachsenen über alle Altersgruppen um 93 Prozent zurück.
Wer sollte eine Booster-Impfung erhalten?
Experten sind sich einig: Eine dritte Impfung ist für ältere Personen sinnvoll, weil das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs und eines damit verbundenen Krankenhausaufenthalts verringert werden kann. Aber auch für alle anderen Altersgruppen kann eine Booster-Impfung sinnvoll sein: Denn auch hier zeigt sich, dass die Weitergabe der Infektion verhindert wird.
Könnte eine Booster-Impfung die aktuelle Lage in Deutschland verändern?
Die Zahl der täglich durchgeführten Auffrischimpfungen hat zuletzt deutlich zugenommen – damit wurde das Impftempo beschleunigt. Insgesamt haben bisher jedoch nur 3,3 Prozent aller Deutschen eine Booster-Impfung erhalten. Weitere Auffrischungsimpfungen können laut Ansicht der meisten Experten zwar mittelfristig die Lage verändern, um die Lage kurzfristig zu verbessern, kommen sie jedoch zu spät.