Der Führerscheinerwerb hat bei vielen jungen Leuten nicht mehr oberste Priorität. Foto: dpa Quelle: Unbekannt

Stuttgart - Pünktlich zum 18. Geburtstag den Führerschein zu machen und sich so schnell wie möglich einen fahrbahren, preisgünstigen Untersatz zu besorgen - das scheint Vergangenheit zu sein. Stattdessen ist zu beobachten, dass immer mehr junge Menschen im Alter zwischen 17 und 21 Jahren auf einen „Lappen“ verzichten. Besonders in Stuttgart ist dieser Trend stark ausgeprägt.

Von Andrea Eisenmann

Es gibt einen Beinamen, mit dem sich die Landeshauptstadt gern schmückt: die Rede ist von der Wiege des Automobils. Dessen Anziehungskraft hat auf junge Menschen in den vergangenen Jahren jedoch stark nachgelassen. Besaßen im Jahr 2000 noch 12 600 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ein eigenes Auto, waren es fast 15 Jahre später nur noch 5000 - trotz eines zahlenmäßigen Anstiegs in der Altersgruppe. Und auch der Erwerb eines Führerscheins hat deutlich an Reiz verloren. Das hat zumindest der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) in einer Studie festgestellt, für die er Daten des Kraftfahrtbundesamtes sowie des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg ausgewertet hat. Das Ergebnis: Der Anteil der 17- bis 21-jährigen Stuttgarter, die im Jahr 2001 eine Prüfung abgelegt hatten, betrug 22,2 Prozent. 2015 seien es hingegen nur noch 10,6 Prozent gewesen - das entspricht einer Abnahme um mehr als die Hälfte. „Damit weist die Landeshauptstadt den stärksten Rückgang bei der Entwicklung der Pkw-Führerscheine auf“, folgert der Politiker aus den Zahlen und verweist auf das dichte Netz im öffentlichen Nahverkehr in Stuttgart. Auch im Land ging die Zahl der Prüflinge deutlich zurück - von 23,1 auf 15,8 Prozent.

Die Gründe für die steigende Zahl junger Führerschein-Muffel sind vielfältig. Ein genereller Wertewandel wird von Mobilitätsforschern angeführt. Das Auto als Statussymbol, als Zeichen der Freiheit und Unabhängigkeit - das war einmal. Das Geld wird lieber in ein neues Smartphone, einen Kurztrip ins Ausland oder in ein teures Mountainbike gesteckt - schließlich erreicht man auch mit Bus, Bahn und Fahrrad sein Ziel. „Die emotionale Bedeutung des Autos sinkt“, betont auch Gastel. Mit der jungen Generation setze ein gesellschaftliches Umdenken ein, in dem das Fahrzeug an Stellenwert verliert. „Das Auto wird rationaler als früher betrachtet - als ein, aber nicht mehr zwangsläufig als das Verkehrsmittel.“ Auch die steigenden Kosten dürften dabei eine Rolle spielen. Hier gibt es in der Studie ein interessantes Stadt-Land-Gefälle zu verzeichnen: 35 Fahrstunden benötigt ein junger Mensch außerhalb einer City, um die Fahrprüfung zu bestehen - in der Stadt liegt die Zahl im Durchschnitt bei 50. Das bedeutet zusätzliche Kosten, die auf die jungen Menschen zukommen.

Allerdings bedeutet das Zahlenwerk mitnichten, dass die Mehrzahl der jungen Leute aus ökologischen Gründen das ganze Leben auf einen Führerschein oder die Anschaffung eines Fahrzeugs verzichtet. Stattdessen geht der Trend zum etwas älteren Fahranfänger. Und auch am Ruf der „Autostadt“ dürfte sich so schnell nichts ändern: Mit einer Fahrzeugdichte von 559 Kraftfahrzeugen je 1000 Einwohner (Stand: 2014) lag der Motorisierungsgrad Stuttgarts im Vergleich der bundesdeutschen Großstädte weit oben. Nur in Hannover, München und Düsseldorf ist der Wert noch höher ausgefallen.

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