Aus dem Weg: Die Esslingen Raccoons (rote Helme) sorgen dafür, dass Runningback Eric Jentzsch (mit Ball) Foto: Kehle - Kehle

Die erste Saison des Vereins steht unter dem Motto Lernen.

EsslingenEs ist kurz vor 15 Uhr am Sonntagnachmittag. Die Sonne knallt. Im Esslinger Georgii-Waldstadion am Jägerhaus herrschen fast 30 Grad Celsius. Und dennoch haben an die 500 Zuschauer den Weg auf die Esslinger Höhe gefunden. Der Grund: In wenigen Minuten wird auf dem satten Grün American Football gespielt. Die Esslingen Raccoons (deutsch: Waschbären), wie sich die Football-Abteilung der Turnerschaft Esslingen nennt, empfangen im vierten Spiel ihrer Vereinshistorie die Rettigheim Rhinos.

Auf einmal ertönt bassunterlegte Musik, aus Pyrofackeln steigt roter Rauch auf, auf der Tribüne wird kräftig applaudiert: Die Raccoons – deutlich erkennbar an den schwarzen Trikots, den roten Stutzen sowie den roten Helmen mit Waschbär-Aufdruck – rennen im Rudel auf den Rasen. Dabei ist lautes Gebrüll zu hören, die 50 Männer peitschen sich gegenseitig an.

Die Schiedsrichter, die mit ihren schwarz-weiß gestreiften Outfits an Streifenhörnchen erinnern, nehmen die Platzwahl vor, dann geht es los. In der ersten Reihe stehen sich die schweren Jungs gegenüber: Es wird geschoben und geklammert, Helme knallen aufeinander, es scheppert. Dahinter versuchen die Quarterbacks, den eiförmigen Ball ihren Runningbacks zuzustecken oder per Wurf einen der Receiver zu erreichen. Hauptziel ist es jeweils, den Ball in die gegnerische Endzone zu befördern. Was für manch Außenstehenden chaotisch wirken mag, hat durchaus System. Und dennoch, das lässt sich zweifelsohne sagen, steckt das Projekt American Football in Esslingen noch in den Kinderschuhen.

„Seit Tag eins war es unser Traum, irgendwann einmal ein American-Football-Team zu gründen“, sagt Luca Weise, Mitgründer und Vorstandsmitglied der Footballabteilung der Turnerschaft. Was ursprünglich mit einer Clique footballbegeisterter Freunde und sogenanntem Flagfootball (verletzungsärmere Variante des Sports) begann, ist auf dem besten Weg, in Esslingen das nächste große Ding zu werden. „Allein zu unserem ersten Heimspiel sind 800 Zuschauer gekommen“, blickt Weise eineinhalb Monate zurück. „Das war schon Wahnsinn und hat unsere Erwartungen weit übertroffen.“ Genauso wie gut ein Jahr zuvor: Damals hatten die Esslinger zu einem Probetraining eingeladen und mehr als 70 Interessierte aus der ganzen Region folgten dem Ruf.

Die Sportart American Football erfährt in Deutschland seit einigen Jahren einen Boom. Das ist auch den Raccoons nicht entgangen, die dank einer Marktanalyse in Esslingen einen weißen Football-Fleck ausgemacht hatten. „Es gibt hier im Großraum schon ein paar Teams, aber wenn man in Esslingen wohnt, müsste man für das Training immer 20 bis 30 Minuten fahren.“ Dies sollte sich schleunigst ändern. Die Gründerväter hatten sich in den Kopf gesetzt, dass auch ihre Stadt eine Football-Mannschaft braucht.

Zweieinhalb Jahre hat die Abteilung den Schritt daher geplant und strategisch darauf hingearbeitet. Für Weise, der nebenher Sportmanagement studierte, wurden die Raccoons quasi zum Versuchsobjekt: „So konnte ich das Gelernte direkt in der Praxis anwenden.“ Auch die Teams der German Football League (GFL) sowie der US-amerikanischen Profiliga NFL dienten den Esslingern als Vorbild. „Unser Ziel ist es, den Sport bestmöglich nach Esslingen zu transportieren“, sagt der 29-jährige Weise, dem durchaus bewusst ist, das dies nicht eins-zu-eins möglich sein wird.

Fan-Artikel und Raccoons-Wurst

Dafür seien die deutsche und amerikanische Sportkultur zu verschieden. „In den USA hat das alles mehr einen Eventcharakter, da ist der Sport Teil des Unterhaltungsprogramms“, sagt Weise. Letztlich würde dort versucht, das Programm für ein möglichst breites Publikum attraktiv zu gestalten: Sei dies durch den Sport, das kulinarische Angebot oder eben ein vielfältiges Rahmenprogramm. „Nur die allerwenigsten verfolgen ein Football-Spiel ja tatsächlich drei Stunden am Stück.“

Dass den Raccoons das bewusst ist, wird deutlich, wenn man sich im Stadion umblickt. Anders als bei einem Kreisliga-Spiel in den Fußballklassen der Region – wo eine Rote Wurst vom Grill samt kühlem Bier schon das Höchste der Gefühle bedeutet – fährt die Footballabteilung der TS ordentlich auf. Direkt neben dem Eingang, wo die Zuschauer zu humanen Preisen Tickets erwerben können („Wir sind nicht auf den großen Reibach aus“), befindet sich ein Pavillon für Fan-Artikel. Es folgen Getränkeausschank und Grillwagen. Bei letzterem gibt es würzige Raccoons-Wurst, Pulled-Pork-Brötchen oder Salt-Beef-Burger. „Außerdem gibt es ein Kindermenü und Pommes“, sagt Weise. Auch an die Hüpfburg für die kleinen Zuschauer wurde gedacht, selbst auf Stadionsprecher und Half-Time-Show mit Sachpreisen muss nicht verzichtet werden.

Man kann sich also vorstellen, wie viel Arbeit bei jedem der vier Heimspiele anfällt. „Das Helferteam, das sich aus Freundinnen und Müttern der Spieler zusammensetzt, hat schon ordentlich was zu tun“, gibt Weise zu. Selbst die Spieler beteiligen sich am Aufbau der Sportanlage. „Die streuen dann das Feld, was auch zwei bis drei Stunden dauern kann.“

All den Aufwand, das betont Weise, würden die Raccoons aber nicht betreiben, wenn sie nicht das Ziel verfolgen würden, irgendwann höher zu spielen: „Auf den ersten Blick mag es lächerlich wirken, wenn man bedenkt, dass wir in der Kreisliga spielen. Aber wir sind fest davon überzeugt, dass man von Anfang an professionell planen muss, wenn man irgendwann weiter oben spielen will.“ Die sportlichen Ambitionen sind also da.

Daran wird auch die 13:24-Niederlage gegen Rettigheim nichts ändern. „Auch wenn wir gerne gewonnen hätten, ist uns bewusst, dass die erste Saison zum Lernen da ist “, sagt Coach Frank Bechinger.

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