Christian Dörmann. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Wenn die Tante, die ihre Reisen eigentlich immer ankündigt, urplötzlich angeblich in der Ukraine ist, ist Vorsicht geboten.

EsslingenDie Tante aus dem Norden unserer Republik ist offenkundig verreist. Es sei ihr gegönnt, wenngleich besagte Tante ihre Reisen normalerweise rechtzeitig anzukündigen pflegt. Vielleicht hat sie im Reisebüro ein Schnäppchen erwischt und musste sich schnell entscheiden. Aber für die Ukraine? Normalerweise zieht es die sprachbegabte Frau nach Spanien, Italien, Portugal oder Frankreich, wo sie mit den Einheimischen reden kann, als wäre sie zu Hause. Sieben Spachen spricht sie fließend – ukrainisch gehört nicht dazu, russisch auch nicht.

Aber sie ist nun mal in der Ukraine, wie die Tante soeben per E-Mail mitteilt. Und obwohl die politischen Verhältnisse in diesem Land nicht gerade vertrauenserweckend sind, befindet sie sich an einem sicheren Ort: in polizeilichem Gewahrsam. Weil ihr nämlich Geld, Pass und Flugkarten gestohlen worden sind, vermochte sie sich gegenüber der Polizei nicht auszuweisen und landete vermutlich als potenzielle Gefährderin mit der Erfahrung von mehr als 70 Jahren im Knast.

Aber es gibt Hoffnung. Gegen Überweisung von 5000 Euro auf das in der Mail vermerkte Konto könne man sie sozusagen auslösen, teilt die Tante dem Neffen mit und bittet um diesen Liebesdienst. Das Geld werde sie selbstverständlich umgehend nach ihrer Rückkehr zurückerstatten, verspricht sie. Immerhin weiß der Empfänger der E-Mail: Auf die Frau ist Verlass.

Gleichwohl wird der Neffe längst von einem gewissen Misstrauen umgetrieben, weshalb er mal eben versucht, die Tante in der Ukraine auf dem Handy zu erreichen. Das klappt sogar. Offenbar sind die ukrainischen Sicherheitskräfte so freundlich und lassen ihren Gefangenen das Mobiltelefon. Die Tante freut sich erst über den Anruf und macht dann einen etwas irritierten Eindruck ob der Frage, wo sie sich denn gerade aufhalte. „Zu Hause“, kommt es zurück. Und das ist definitiv nicht die Ukraine, sondern der Versuch eines Trickbetrügers, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Irgendwie ist er an die Kontakte auf Tantchens Handy gekommen und versucht nun mit einer rührseligen Geschichte die Herzen und Geldbörsen von Menschen zu öffnen, die augenscheinlich in einem engeren Verhältnis zur Inhaberin des Smartphones stehen.

Die Tante verfügt mittlerweile über eine neue Erfahrung, Mobilfunknummer und Mail-Adresse, während sich der Neffe Sorgen macht, ob man eventuell auch sein Handy gehackt hat. Einige Wochen gab es nun keine besonderen Vorkommnisse. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass Tante und Neffe stets einen großen Bogen um die Ukraine machen werden.

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