Pfarrer Siegfried Häußler Foto: Karin Ait Atmane - Karin Ait Atmane

Acht Täuflinge sind am Sonntag mit Pfarrer Siegfried Häußler ins Nichtschwimmerbecken des Reichenbacher Freibads gestiegen und haben sich durch Untertauchen taufen lassen.

ReichenbachEintauchen, untertauchen, auftauchen: Das sind Begriffe mit tiefer symbolischer und theologischer Bedeutung. Acht Täuflinge sind am Sonntag mit Pfarrer Siegfried Häußler ins Nichtschwimmerbecken des Reichenbacher Freibads gestiegen und haben sich durch Untertauchen taufen lassen. Das gab’s in Reichenbach schon öfter, aber erst seit dem Jahresanfang ist die Immersionstaufe auch von der Landeskirche offiziell vorgesehen.

Das Freibad ist kein gewöhnlicher Ort für Gottesdienste, aber zumindest im Fall Reichenbach eigentlich wie geschaffen dafür. Am Sonntagmorgen treffen sich rund 200 Menschen zum „Tauffest“ am Nichtschwimmerbecken. Sie sitzen auf Stühlen und auf den Steinstufen ums Halbrund des Nichtschwimmerbeckens, mit Blick über die Wasserfläche zum Altar.

Die Stimmung ist entspannt und fröhlich, die Sonne schaut zwischen den Wolken vor und im Hintergrund ziehen einige Schwimmer ihre Bahnen. Der offizielle Badebetrieb hat schon begonnen – an diesem Tag sogar mit Live-Musik, denn die sechsköpfige Familie Binder begleitet als Band mit modernen und traditionelleren christlichen Liedern den Gottesdienst.

Die Täuflinge sind weiß gekleidet. Es sind fünf Jungen, die sich auf die Konfirmation vorbereiten, außerdem sollen zwei Kleinkinder und ein junger Erwachsener getauft werden. Und das heißt in diesem Fall: Mitsamt den Kleidern rein ins Nichtschwimmerbecken und sich dort vom ebenfalls pitschnassen Pfarrer untertauchen lassen. Ein kleines „Happening“ ist das schon, das weiß Siegfried Häußler. Aber es könne eben auch ein weitaus intensiveres Erlebnis als die Taufe in der Kirche sein. Er und seine Kollegin Eva Reich-Schmidt haben die Aufgabe, die Balance zwischen beidem zu finden.

Das gelingt ihnen, nie hat man den Eindruck, dass es ums Spektakel geht. Der Pfarrer hält die Jungs am Kopf und den Händen und taucht sie komplett ins Wasser ein. Einen nach dem anderen, in aller Ruhe und lang genug, um den Moment, abgeschnitten vom Atem, wahrzunehmen. Den beiden Kleinkindern, die zusammen mit ihren Familien ins Wasser steigen, gießt Häußler lediglich etwas vom Nass über den Kopf.

Auftauchen steht für Auferstehung

Theologisch gesehen bedeutet das Eintauchen, am Tod Jesu teilzuhaben, das Auftauchen steht für die Auferstehung und das neue Leben. Es ist die älteste Form der Taufe, eigentlich ein „Zurück zu den Wurzeln“. Eva Reich-Schmidt zitiert Johannes und Paulus, die diese Taufform beschreiben. In Reichenbach wurde sie auf Wunsch einer Frau schon vor Jahren erstmals praktiziert. Seitdem findet das Tauffest im Wasser einmal jährlich statt. Anfangs stieg man dafür in die Fils, erzählt Häußler. Allerdings führte die mal zu wenig, mal zu viel Wasser – deshalb ist die Gemeinde dankbar, dass sie jetzt das Freibad nutzen darf.

Nachgefragt war die Immersionstaufe durchgehend, allerdings musste die Kirchengemeinde sie in „intensiven Diskussionsprozessen mit dem Oberkirchenrat“, verteidigen, berichtet Häußler. Denn in der Taufagenda der Landeskirche war diese Form bisher nicht vorgesehen. Die Frühjahrssynode 2018 hat dann beschlossen. Trotzdem waren auch die bisherigen Immersionstaufen in Reichenbach natürlich anerkannt, betont Siegfried Häußler, man habe dafür immer eine Ausnahmegenehmigung eingeholt. „Jetzt sind wir ganz happy, dass wir nicht mehr die Exoten oder Rebellen sind“, sagt er. Umso schöner, wenn die Reichenbacher durch ihre Praxis zur Neuregelung beigetragen hätten. Über die Täuflinge hinaus dürfen an diesem Sonntag auch bereits getaufte Gemeindemitglieder ins Wasser steigen, zur „Taufvergegenwärtigung“, die keine erneute Taufe, sondern eine Bestätigung der Kindstaufe ist. Zwei Erwachsene und zwei Kinder tun das, viele andere bleiben lieber trocken, lassen sich aber zum gleichen Zweck mit Wasser ein Kreuz auf die Stirn zeichnen.

Die Täuflinge haben sich mittlerweile umgezogen, auch die Kleinkinder. Cara, die beim Begießen ihres Kopfs laut protestierte, tanzt mit ihrer Schwester im frischen Kleidchen am Beckenrand. Die Taufe im Freibad sei „schöner und offener“, sagt ihr Vater Claudius Schmidts, „das gefällt uns“. Er findet es positiv, dass auch die Schwimmbadbesucher das Ganze mitbekommen.

Die wieder trockenen Konfi-Kinder machen einen glücklichen Eindruck. „Ich fand den Moment irgendwie cool“, sagt Bennet über das Eintauchen ins Wasser. Er war aus rein terminlichen Gründen nicht als Kind getauft worden und ist jetzt sichtlich zufrieden, es auf diese Weise nachgeholt zu haben. Luis geht es ebenso – „aus reinem Bauchgefühl heraus“ habe er sich dafür entschieden, sagt er.

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