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Die aus der Nähe von Schweinfurt in Unterfranken stammende Juristin ist Ende 2006 nach Stuttgart gekommen, zunächst als Richterin ans Sozialgericht.

StuttgartDer Treffpunkt liegt günstig: Alexandra Sußmann wird gleich eine Veranstaltung halten an der Dualen Hochschule, mit dem Rad ist sie schnell vom Weltcafé am Charlottenplatz an der Paulinenstraße. Die 43-Jährige hat an der DHBW Stuttgart im Studiengang Gesundheitswissenschaft einen Lehrauftrag zum Sozialversicherungsrecht. Die Studierenden, die später in Krankenhäusern arbeiten werden, sollen „einen guten Überblick“ über das vielfältige Gebiet bekommen, sagt sie, und zum Beispiel das Sozialstaatsprinzip kennenlernen.

Prägende Zeit bei Gericht

Schon ist man mitten im Thema. Die aus der Nähe von Schweinfurt in Unterfranken stammende Juristin ist Ende 2006 nach Stuttgart gekommen, als Richterin ans Sozialgericht. „Das hat mich sehr geprägt“, sagt sie über diese Jahre. Sie war konfrontiert mit Armut, Krankheit, mit Krisen und Not, mit Menschen, die hilflos sind und sich alleingelassen fühlen. „Mir wurde klar, wie brüchig das Leben sein kann, dass man aus allem rausfallen kann, was einem Halt gibt“, erzählt sie. „Das macht einen demütig.“ Als Richterin hatte Alexandra Sußmann die Aufgabe, Kompromisse zu finden, etwa wenn über die Kosten der Unterkunft eines Hartz-IV-Empfängers gestritten wurde, der in einer zu großen Wohnung lebte. Dazu braucht es Verständnis für die schwierige Lebenslage der Betroffenen, aber auch für den gesetzlichen Rahmen, in dem man sich bei solchen Fragen stets bewegt. „Da war viel Vermittlung zwischen Verwaltung und Kläger nötig“, erinnert sie sich.

Eine weiteres Gebiet, das für die künftige Sozialbürgermeisterin eine wichtige Rolle spielen wird, betrat Alexandra Sußmann bei ihrem Wechsel 2012 ans Verwaltungsgericht. Zu ihren Schwerpunkten dort gehörten das Asyl- und das Ausländerrecht. Die 43-Jährige war zuständig für Syrien, Afghanistan und Indien. Die aktuellen Lageberichte des Auswärtigen Amtes zur Entwicklung in diesen Herkunftsländern gehörten zu ihrem Arbeitsalltag. Die Entscheidungen seien „oft schwierig“ gewesen, sagt die Juristin im Rückblick. Schließlich ging es um das Bleiberecht und den Aufenthaltsstatus der Menschen. „Am Ende gibt es oft keine hundertprozentige Einzelfallgerechtigkeit“, räumt Sußmann ein.

Als 2014 die Flüchtlingszahlen stiegen, suchte man beim Land einen Richter oder eine Richterin mit Erfahrungen im Asyl- und Ausländerrecht. Alexandra Sußmann wechselte ins Staatsministerium. „Eine spannende Aufgabe auf einer ganz neuen Stelle“, sagt sie. „Gefühlt vom ersten Tag an habe ich im Krisenmodus gearbeitet.“ Die Erfahrungen der zurückliegenden Jahre haben sie, trotz bestehender Herausforderungen, bestärkt in ihrem Vertrauen in die Stabilität und die Leistungsfähigkeit von Staat und Gesellschaft. „Auch solche Situationen lassen sich bewältigen, wenn alle miteinander anpacken“, in der Verwaltung wie in der Bürgerschaft. Sußmann muss ihren Job gut gemacht haben, schließlich wurde sie danach stellvertretende Regierungspräsidentin und zuletzt Büroleiterin im grünen Staatsministerium. Dabei hat die 43-Jährige kein grünes Parteibuch. Auch wenn dazu die Tatsache, dass sie mit einer Arbeit im Umweltrecht zum Doktor der Rechtswissenschaft promoviert wurde, passen würde. Aber ihre „Grundhaltung der Unparteilichkeit“, die für sie als Richterin selbstverständlich war, habe sie beibehalten. Was die soziale Ausrichtung der Politik in der Landeshauptstadt angeht, sieht Alexandra Sußmann ohnehin mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den Parteien im Rat. „Es gibt hier ein fraktionsübergreifendes Bekenntnis, dass Stuttgart eine soziale Stadt sein soll“, ist der Eindruck, den sie bei den Gesprächen vor ihrer Wahl gewonnen hat. Dies gelte nicht nur für die Politik. „Auch in der Bürgerschaft ist soziales Engagement traditionell verankert.“ Darin sei Stuttgart „vorbildlich“. Und noch bevor die neue Bürgermeisterin ihr Amt antritt, lobt sie die Verwaltung, als Sozialrichterin hatte sie bereits mit dem Jobcenter und dem Sozialamt zu tun, beim Verwaltungsgericht mit der Ausländerbehörde. „Die Mitarbeiter sind sehr bemüht, für die Menschen gute Lösungen zu finden“, ist ihr Eindruck.

Herausforderungen gibt es genug

Als Nachfolgerin von Werner Wölfle, der in der Folge des Klinikskandals noch immer krankgeschrieben ist, will sich die neue Sozialbürgermeisterin der Frage widmen, wie die noch immer hohe Zahl von langzeitarbeitslosen Menschen integriert werden kann, ob es dafür einen „sozialen Arbeitsmarkt“ bräuchte. Als „herausforderndste Aufgabe“ betrachtet Alexandra Sußmann die Integration von Geflüchteten. Dies sei „ein langwieriger Prozess“, sagt sie in ihrer nüchternen, rationalen Art. Anders als die „schnelle Sichtbarkeit“ bei der gelungenen Unterbringung der Geflüchteten erwartet die 43-Jährige nun bei deren Integration „keine schnellen Erfolge – da müssen wir einige Jahre dranbleiben“. Zuallererst aber will sie sich ein Bild davon machen, wie es um die Personalausstattung in den Ämtern ihres Referats bestellt ist. „Eine auskömmliche Personaldecke und engagierte Mitarbeiter sind das A und O “, sagt die angehende Sozialreferentin. Es wird also genug Gesprächsstoff geben, wenn die Haushaltsberatungen im Herbst in die entscheidende Phase gehen – mit Alexandra Sußmann als neuer Sozialbürgermeisterin.

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