Die Burg in Esslingen und der dortige Seilergang mit bestem Blick auf die Stadt sind beliebte Treffpunkte. Unliebsamer Nebeneffekt: Es entsteht Müll. Nicht immer wird er ordentlich entsorgt.
Die Burg in Esslingen gehört zu den besonderen Treffpunkten in Esslingen – am Tag und in der Nacht. Auch an diesem Abend hört man Wortfetzen und Lachen. Das Rot brennender Zigaretten leuchtet auf. Eine Frau mit Warnweste, einer großen Tüte und einem Müllpicker läuft an einer dieser Gruppen vorbei. Jemand kichert. Die Frau schlägt den Weg zur Burgsteige ein, die hinunter zur Altstadt führt. Unterhalb der Burgmauer macht sie Halt. Hier haben die Pächter des Teamwerks Esslingen einen Wengert. Weil immer wieder Zigarettenkippen, Flaschenscherben, Vipes und vieles mehr vom Seilergang, dem Weg über die Burgmauer, hinab in den Wengert fliegen, hat sich ein wilder Müllplatz gebildet. Über die Monate und Jahre ist viel zusammengekommen. Die Frau mit dem Müllpicker stochert ein wenig rum, dann klammert sie eine Glasscherbe fest und bugsiert sie in die Abfalltüte.
Die Frau ist nicht allein. Etwa ein Dutzend Frauen und Männer sind unterwegs und versuchen, möglichst viel weg zu bekommen. Sie alle haben Mülltüten, Handschuhe und Picker dabei, einige tragen eine Stirnlampe. Denn die Müllsammler treffen sich abends, weil sie tagsüber ihrem Beruf oder ihren Geschäften nachgehen. Die Gruppe, die hier unterwegs ist, läuft unter den Flaggen von Zuzule und Transition Town. Zuzule steht für Zusammen Zukunft leben. Dahinter steckt ein engagiertes Paar aus dem Schurwald, Sven Teufel und Conny Mangold, das sich für Umweltschutz, Tier- und Menschenrechte engagiert. Transition Town ist eine Organisation, die nach Lösungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Ressourcenverknappung sucht.
Nicht jeder Abfall landet in der Mülltonne
Wenn in der Schule danach gefragt wird, was die Kinder denn mal werden wollen, steht ein Beruf niemals auf der Liste weit oben: Müllmann. Der hauptsächlich männliche Beruf hat kein gutes Image, obwohl er das ist, was der Zeitgeist als systemrelevant bezeichnet. Anders ausgedrückt: „Wenn keiner den Müll wegräumen würde, müssten wir in ihm ersticken“, sagt Christiane Klei von Transition Town Esslingen. Es fällt viel an: mehr als 400 Millionen Tonnen pro Jahr allein in Deutschland. Das meiste davon wird von der öffentlichen Müllentsorgung weggeräumt. Aber nicht alles landet in einer Tonne vor dem Haus oder in einem Wertstoffhof, sondern auch an Plätzen wie jenem Wengert am Fuße der Burgmauer.
Im Landkreis Esslingen gibt es eine ganze Reihe solcher Aktionen, wo Menschen aus dem Ort sich auf den Weg machen, um sauber zu machen. Das immer wieder gern bemühte Klischee vom schwäbischen Putz- und Besendrang passt hier nicht so recht rein. Es ist vielmehr die Sorge um die Umwelt. Oft werden die Aktionen unterstützt von der jeweiligen Stadt oder Gemeinde. Seit drei Jahren trifft sich diese Gruppe ein Mal im Monat, immer donnerstags um 18 Uhr, auch an kalten Wintertagen. In den vergangenen zwölf Monaten sammelten sie allein 80 000 Zigarettenstummel ein. Jeder einzelne steht für die Verunreinigung von 40 Litern Trinkwasser. Die Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen, jeden Tag anderthalb Liter pro Tag zu trinken. Die 80 000 Kippen entsprechen damit dem Tagesbedarf von mehr als zwei Millionen Menschen.
Immer häufiger werden Plastikzigaretten achtlos weggeworfen
An diesem Abend an der Burgmauer kommen weitere Zigarettenstummel dazu. Und vieles mehr. „Hier war schon lange keiner mehr“, seufzt Sven Teufel von Zuzule. Haufenweise Scherben, Kronkorken ohne Ende, Einweg-E-Zigaretten, die auch Vapes genannt werden. Vapes sind Sondermüll: Jede dieser E-Zigaretten hat neben den Plastikanteilen auch eine kleine Batterie. Der Bundesrat hat sich bereits für ein Verbot der Plastikzigaretten ausgesprochen. Aber noch sind sie erlaubt und werden fleißig verkauft.
Einige aus der Gruppe sind in der Vergangenheit auch schon alleine losgezogen, um Müll einzusammeln. Sie berichten von merkwürdigen Gefühlen, Blicken, die auf ihnen hafteten, seltsamen Ansprachen. „Musst wohl Sozialstunden ableisten?“, ist nur eine davon. Manche möchten diese Erfahrung nicht noch mal machen und schätzen es, mit Gleichgesinnten loszulaufen. Dass sie den Dreck anderer wegmachen, stört sie dabei nicht. „Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr wird. Dem möchte ich was entgegensetzen. Das sehe ich als eine Bürgerpflicht“, erläutert Christiane Klei ihre Motive.
Müll illegal zu entsorgen ist nicht straffrei. Der Bußgeldkatalog der Stadt Esslingen verspricht: 55 Euro für eine Kippe. Das Problem: Die Täterinnen und Täter werden selten erwischt. Eine permanente Kontrolle von Orten wie der Burg ist nicht möglich – und vermutlich auch nicht im Sinne der Bürger. Deshalb hoffen die Müllsammler auf die Einsicht jedes Einzelnen. Sven Teufel ist optimistisch: „Wenn jeder etwas macht, kann man viel erreichen.“ Ein Stehsatz, gewiss. Aber motivierend genug für die Gruppe, sich auch im kommenden Monat an einem Donnerstagabend auf den Weg zu machen.
Weitere Aktionen gegen wilden Müll
ESputzt
Am Samstag, dem 25. März, startet die jährlich wiederkehrende Aktion „ES putzt“. Zur alljährlichen Abfall-Sammelaktion treffen sich Esslinger Vereine und Verbände, Umweltschutzgruppen, Nachbarschaften, Familien, aber auch Einzelpersonen, um das Stadtgebiet für den Frühling fit zu machen und auf Hochglanz zu bringen. Weitere Hinweise und Treffpunkte finden sich auf der Homepage der Stadt Esslingen.
Mängelmelder
Mit einem Mängelmelder – zu finden auf der Homepage der Stadt – versucht Esslingen Schäden und Störungen aufzudecken, die der Stadt noch nicht bekannt sind. Hier können Bürgerinnen und Bürger der Stadt Schlaglöcher, defekte Straßenbeleuchtungen, wilden Müll oder Ähnliches melden. Der Mängelmelder erlaubt neben der manuellen Eingabe des Standortes auch die automatische Übermittlung der GPS-Daten. Zur Beschreibung des Schadens können Fotos angehängt werden.