Die Gäste machten sich ein Bild von den nachhaltigen Baumaterialien, die Folke Köbberling in der Schau präsentiert. Foto: Horst Rudel

Das sogenannte Oud-Haus der Künstlerin Folke Köbberling ist fertig. Jetzt kann man es im Projektraum des Neuhausener Kunstvereins erkunden.

Wie nachhaltiges Bauen gelingen kann, das hat Andreas Hofer, der Intendant der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 in der Region Stuttgart, beim Richtfest des Oud-Hauses beim Kunstverein Neuhausen (KVN) erlebt. Mit Schafwolle, Lehm und Balken eines alten Fachwerkhauses hat die Künstlerin Folke Köbberling im Projektraum in der ehemaligen Kapelle in der Rupert-Mayer-Straße ein Gebäude errichtet, das aus natürlichen Materialien besteht.

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„Das Haus bleibt auch nach dem Ende der Ausstellung stehen“, versichert die Künstlerin und Professorin. Bis 17. Juli ist die Ausstellung zu sehen. Das nachhaltige Projekt ist Teil des IBA-Programms. Es ist nach dem niederländischen Architekten J.J.P. Oud benannt, der in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung in den 1920er Jahren Reihenhäuser für Arbeiter gebaut hat. Den Projektraum des Kunstvereins auf den Fildern mit dem Modell eines solchen Gebäudes neu zu gestalten, hat Köbberling gereizt. Ressourcen zu schonen, ist ihr Ziel. Das vertritt sie auch im IBA-Kuratorium, dem sie seit 2018 angehört. Nachhaltigkeitsthemen sieht sie als die ganz große Herausforderung der Bauausstellung.

Kritische künstlerische Praxis

„Folke Köbberling vertritt eine kritische künstlerische Praxis, innerhalb der sie sich mit dem Verbrauch von Ressourcen, mit Gentrifizierungsprozessen in Stadtquartieren, verfehlter Verkehrspolitik und anderen Auswirkungen des neoliberalen Systems auseinandersetzt“, fasste Susanne Jakob das ästhetische Konzept zusammen. Die Leiterin des Kunstvereins will das Projekt als „Forschungsstation“ verstanden wissen. Die Raumtemperatur wird regelmäßig gemessen. Bei der Auswertung der Daten baut die Professorin, die an der Technischen Hochschule in Braunschweig am Institut für Architekturbezogene Kunst lehrt, auf die Expertise ihrer Kolleginnen. Isolieren mit Lehm und Schafwolle, das sieht die 53-Jährige als Chance. Die Räume des KVN sind nicht beheizt. Nun wird es auch im Winter warm.

Zur Eröffnung sprach der Neuhausener Bürgermeister Ingo Hacker. Als Mitglied des Gemeindetags gehört er auch dem baden-württembergischen Beirat Baukultur an, der wiederum an das Ministerium für Wohnen und Landesentwicklung angebunden ist. „Die letzte Sitzung haben wir nach Neuhausen verlegt“, erzählte der Verwaltungschef. Denn er wollte seinen Kolleginnen und Kollegen den Modellversuch für nachhaltiges Bauen zeigen. Die Künstlerin führte die kommunalen Bauexperten durch den Projektraum, machte sie mit umweltschonenden Ressourcen vertraut. Hacker ist stolz, dass der KVN mit dem innovativen Ansatz über die Region hinaus Interesse weckt.

Viele halfen beim Aufbau mit

„Viele Menschen sind zum Aufbau gekommen und haben mitgeholfen“, schwärmte Susanne Jakob von dem Interesse an dem Projekt. Dass es gar nicht so einfach ist, aus Lehm und Schafwolle wertvolle Bausubstanz herzustellen, hat sie mit jungen Architektinnen und Architekten des Teams selbst erlebt. Mit ihrer ansteckenden Leidenschaft machte Köbberling alle mit dieser ungewöhnlichen Form des Bauens vertraut.

In der Schau präsentiert sie nicht nur die unterschiedlichen Baumaterialien, die sie verwendet hat. Vielmehr war es der Kuratorin Susanne Jakob auch wichtig, das künstlerische Schaffen der Professorin zu zeigen. Im oberen Stockwerk ist deshalb die filmische Dokumentation ihres Projekts „Cars into Bicycles“ (Deutsch: Autos zu Fahrrädern) zu sehen. Drei Monate lang arbeitete Köbberling mit dem Architekten Martin Kaltwasser am kalifornischen Strand in Santa Monica. Auf dem Gelände des Bergamot Art Centers baute das Team einen Saab Turbo 900 zu zwei Fahrrädern um. Diese umweltfreundliche Transformation hat die Künstlerin den Besuchern spielerisch vermittelt. Sie durften die Gefährte sogar probefahren.

Ausstellung „Tribute to Oud – Unterschätzte Ressourcen“ ist bis 17. Juli im Projektraum des Neuhausener Kunstvereins in der Rupert-Mayer-Straße 68 B zu sehen. Öffnungszeiten sind samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung (E-Mail: kv.neuhausen@gmail.com). Am Sonntag, 8. Mai, führt Susanne Jakob um 16 Uhr durch die Schau.

Der Namensgeber

Biografie
 Jacobus Johannes Pieter Oud (1890 bis 1963), auch bekannt als J. J. P. Oud, war ein niederländischer Architekt und Autor. Er war von 1917 bis 1921 Mitglied der Künstlergruppe De Stijl und gilt als einer der Hauptvertreter des Funktionalismus. Sein Bruder, Pieter Oud, war Bürgermeister von Rotterdam.

Die Reihenhäuser
 Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung entstand 1927 im Rahmen der Bauausstellung „Die Wohnung“, organisiert vom Deutschen Werkbund und finanziert von der Stadt Stuttgart. Ouds in Gussbeton errichtete Reihenhausgruppe für Arbeiter ist sein einziges realisiertes Projekt außerhalb der Niederlande. Von beiden Längsseiten führen Eingänge in jedes Haus mit je nur 73 Quadratmetern Wohnfläche.