Dark Romance ist keine Romantik im Dunkeln. Foto: astrosyste

Egal, ob man versucht, online einen Arzttermin zu vereinbaren oder im Landratsamt ein Auto anzumelden – der Puls schnellt schnell in ungeahnte Höhen. Da braucht es blutrünstige Romane, um ihn wieder zu senken. Ein Beitrag aus unserer Humorkolumne.

Kennen Sie diese Triggerwarnungen? In schlechten Dark-Romance-Romanen werden diese Warnungen dem Vorwort vorangestellt und lauten etwa so: „In diesem Roman werden Sie alle Abgründe menschlicher Verworfenheit, seelischer Folter und sadistischer Gewalt erleben“, was ja nun eine absolut blödsinnige Warnung ist, denn genau deswegen habe ich den Roman ja aus dem Bücherregal meiner kleinen Tochter geklaut.

Diese Sätze erinnern mich an die überschaubaren Jahrmärkte meiner Jugend mit ihren Kettenkarussellen und niedlichen Zuckerwatteständen, wie etwa den Cannstatter Wasen: Beim Cinerama Duoplex Kino, oder wie das hieß, konnte man für viel Geld eine kurze Kamerafahrt vom ersten Wagen einer amerikanischen Achterbahn erleben oder einen Flug durch den Grand Canyon. Damals wurden immer Herzkranke und Epileptiker gebeten, das Kinozelt zu verlassen, weil die Vorstellung so nervenzerfetzend sei, dass der Veranstalter nicht für Schäden haften könne. Tatsächlich gab es immer mal jemand, der das Zelt verließ und sich in die Sicherheit des nächsten Bierzeltes verkrümelte, um dort diese handlichen Ein-Liter-Beruhigungspillen zu schlucken.

Online: „Schnell und bequem“

Die neueste Triggerwarnung droht aus einer Ecke, in der man sie zunächst nicht erwarten würde, und heißt: „Das können Sie auch schnell und bequem online erledigen“. Dagegen sind die Cinerama Duoplexe meiner Jugend und die Dark-Romance-Bücher meiner Tochter geradezu Zen-Buddhimus. Denn telefonisch geht heute kaum mehr was, das lernte ich schnell, als ich einen Krebsvorsorge-Termin brauchte. Hautarzt eins meinte, er nehme keine neuen Patienten mehr auf. Hautarzt zwei meinte, er könnte mir im Mai einen Termin geben, er wisse nur noch nicht ob im Jahr 2045 oder im Jahr 2046. Hausarzt drei verwies auf Doctolib, das schnelle und bequeme Onlineportal für Arzttermine. Nachdem ich Geburtsdatum, Hutgröße und die Haarfarbe der Katze eingegeben hatte, schmiss mich das System nach zehn vergeblichen Versuchen raus. Also ging ich in die Praxis, um den Termin selbst zu vereinbaren, worauf mir die Sprechstundenhilfe sagte, das gehe aber nur online und ich hätte natürlich auf „keinen Termin“ klicken müssen, weil ich ja in die offene Sprechstunde gehe und nicht zum Termin. Na ja, bis 2047 ist ja auch noch etwas hin.

Welche Haarfarbe hat die Katze?

In den Verwaltungen läuft das besser, zum Beispiel, wenn man ein Auto anmeldet. Früher musste man ja zum Landratsamt und wartete eine halbe Stunde, bis man dran kam. Heute füllt man am Rechner ein Menü aus, stolpert zweimal über die Eingabemaske, gibt Geburtsdatum, Hutgröße, Haarfarbe der Katze ein – wenn vorhanden, also die Katze, nicht die Haarfarbe – und hat nach etwa viermal Anfragen einen Termin, geht aufs Landratsamt und wartet dann eine halbe Stunde, bis man dran kommt. Das macht aber nichts. Denn ich setze mich dann hin und lese den Dark-Romance-Roman meiner Tochter. Zur Beruhigung.