Materialknappheit und Preissteigerungen verzögern zurzeit oftmals den Baufortschritt. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Die Baubranche in Baden-Württemberg erlebt stürmische Zeiten trotz voller Auftragsbücher. Schuld daran sind unter anderem massive Preissteigerungen.

Stuttgart - Die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg fordert eine Rückbesinnung auf heimische Baustoffe. „Wir haben in den letzten Monaten sehr schmerzlich mitbekommen, was es heißt, abhängig zu sein vom Weltmarkt“, sagte der Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Thomas Möller anlässlich der Pressekonferenz zum ersten Halbjahr. „Das fing mit dem Drama um Masken und Tests an und führt bis hin zur Knappheit bei fast allen Materialsorten am Bau.“ Dabei liege „das Gute oftmals so nah vor der Haustür“. Es sei in den vergangenen Jahren aber versäumt worden, dafür zu sorgen, dass heimische Materialien auch verfügbar seien.

Möller forderte dabei auch die Unterstützung der Politik ein. So müsse es beispielsweise „feste Quoten“ heimischen Holzes für das hiesige Gewerbe geben. Auf Nachfrage wollte Möller die Quoten nicht näher beziffern, der Bau wolle ja keine Planwirtschaft, aber es müsse möglich sein, dass der heimische Bedarf gedeckt werden könne. In den vergangenen Monaten hatte nicht zuletzt eine hohe Nachfrage aus den USA dazu geführt, dass Holz vielfach exportiert wurde. Das, so Möller, habe die Preise in die Höhe getrieben. Auslöser waren Einfuhrzölle der USA für Holz aus Kanada. Mittlerweile liefert Kanada wieder, was die Lage etwas entspannt hat.

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Die Reaktivierung heimischer Vorräte scheitere aber nicht zuletzt auch oft am Widerstand der Menschen vor Ort, die neuen Steinbrüchen beispielsweise oft ablehnend gegenüberstünden. Die Landesregierung müsse deshalb mehr um Verständnis der Bürger werben und entsprechende Flächen im Landesentwicklungsplan ausweisen, forderte Möller. Das sei nicht zuletzt auch unter Klima- und Umweltschutzgründen wichtig. Hierzulande verfügbare Materialien sollten nicht über lange Strecken transportiert und auch möglichst wenig exportiert werden.

28 Prozent der CO2-Emissionen stammen aus Gebäuden

Auch die Branche selbst spiele eine große Rolle für den Klimaschutz, sagte Rainer König, Vizepräsident der Landesvereinigung. Schließlich stammten 28 Prozent der Kohlenstoffdioxid-Emissionen aus dem Gebäudesektor. Gleichzeitig liege die Sanierungsrate des Gebäudebestandes aber bei gerade mal einem Prozent jährlich und damit viel zu niedrig. Nach jahrelangem Kampf seien die Fördermöglichkeiten deutlich verbessert worden, lobte König. Dafür dauerte aber die Genehmigung der Maßnahmen und die dazugehörige Förderung durch das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) viel zu lange. „Früher hat man vier bis fünf Wochen gewartet. Heute dauert es acht bis zehn Wochen.“Mit den langen Wartezeiten auf Materialien wie Dämmstoffe seien viele Sanierungsmaßnahmen derzeit kaum mehr planbar, ergänzte er.

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Trotz hoher Auftragsbestände haben der Baubranche im ersten Halbjahr 2021 mehrere Faktoren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zu Jahresbeginn haben der harte Wintereinbruch sowie das Auflaufen des reduzierten Mehrwertsteuersatzes und die Beschränkungen durch die Pandemie der Branche das Geschäft getrübt, so der Präsident der Landesvereinigung, Bernhard Sänger. Hinzu kamen die bereits erwähnten massiven Materialpreissteigerungen und weltweit unterbrochene Lieferketten. Für das gesamte Jahr rechnet der Verband dennoch mit einem Umsatzwachstum von etwa zwei Prozent. Im Halbjahr lagen die Erlöse bei 6,25 Milliarden Euro und damit 1,1 Prozent niedriger als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs.

Vielen Betrieben sei es im ersten Halbjahr nicht gelungen, Preissteigerungen an Kunden weiterzugeben. Eine deswegen befürchtete Insolvenzwelle ist bislang aber ausgeblieben. Mit 59 Betrieben, die in den ersten sechs Monaten des Jahres 2021 die Zahlungsunfähigkeit anmelden mussten, liegt die Quote unter dem Vorjahreshalbjahr, in dem 69 Betriebe Insolvenz anmeldeten. Mittlerweile gebe die Mehrheit der Bauunternehmen die Preiserhöhungen an die Kunden weiter, hieß es vom Verband.

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