Mit online abrufbaren Starkregen-Gefahrenkarten kann rund um Schorndorf jetzt jeder Bürger eine Risikobewertung für sein Grundstück einsehen. Angenommen werden drei verschiedene Szenarien für einen Wolkenbruch – bis zum Extremwert von 128 Millimeter pro Stunde.
Wie schnell es gehen kann bei einem Hochwasser, haben die Menschen im Wieslauftal (Rems-Murr-Kreis) in diesem Jahr schmerzlich erlebt. Beim Starkregen-Ereignis im Juni dauerte es nur ein paar Minuten, bis die über dem Bereich niedergehenden Wassermassen auch die entlang des Bachlaufs liegenden Ortschaften fluteten – und alles mitrissen, was nicht niet- und nagelfest war.
Die Folgen des unverhofften Wolkenbruchs waren verheerend. Mit zerstörten Brücken und vollgelaufenen Keller, weggespülten Straßen und abgesoffenen Sportplätzen entstand in Rudersberg und Schorndorf ein weit zweistelliger Millionenschaden. Schlimmer noch als die materiellen Werte, die in der Flutnacht den Bach runtergingen, waren die zwei Todesopfer – vom Wasser überrascht, hatten sie in ihrem Keller keine Chance.
Mit ein paar Mausklicks können sich Bürger ein Bild von der Bedrohung machen
„Ein Starkregen ist deshalb problematisch, weil sich eine Überschwemmung im Gegensatz zu einem Fluss-Hochwasser nicht schon Stunden vorher abzeichnet, sondern sehr schnell und unvorbereitet sehr viel Wasser kommen kann“, sagt Matthias Stork vom Planungsbüro Geomer. Die auf die Analyse von Geodaten spezialisierte Beratungsfirma aus Heidelberg hat sich in den vergangenen Monaten die Lage in der Daimlerstadt unter die Lupe genommen – und die Ergebnisse ihrer Untersuchung in online abrufbaren Starkregen-Gefahrenkarten aufbereitet.
Wer wissen will, wie hoch das Überflutungsrisiko für seine eigenen vier Wände ausfällt, kann sich mit ein paar Mausklicks ein Bild von der Bedrohung machen. Zu finden ist das vom Wasserverband Rems in Auftrag gegebene Material über die Website www.starkregengefahr.de im Internet. Neben ersten Karten für den Rems-Murr-Kreis sind auch andere Kommunen aus der Region abrufbar – vor allem aus dem Strohgäu, wo es im Glemstal ähnlich gelagerte Problemzonen gibt, aber auch für die Landeshauptstadt Stuttgart.
Farblich unterlegt sind auf den Starkregen-Gefahrenkarten die Bereiche, die bei einer Überschwemmung besonders stark betroffen sein könnten. Eingearbeitet sind drei verschiedene Risiko-Szenarien, wie weit der Himmel seine Schleusen öffnet. Bei einem selten starken Gewitter wird mit 42 Millimeter Niederschlag pro Stunde und Quadratmeter gerechnet, ein außergewöhnlich starker Wolkenbruch kann 53 Millimeter Wasser auf den Boden bringen.
Dass der Extremfall, bei dem 128 Millimeter pro Stunde auf einen Quadratmeter fallen, in Zeiten des Klimawandels nicht nur in der Fantasie eintreten kann, hat vor wenigen Jahren die von annähernd so hohen Niederschlagsmengen ausgelöste Hochwasserkatastrophe in Braunsbach gezeigt. Als sich im Mai 2016 eine Sturzflut durch den Ort im Landkreis Schwäbisch Hall wälzte, entstand ein Schaden von etwa 100 Millionen Euro – deutlich mehr als die im Frühsommer im Wieslauftal aufgelaufene Summe.
Die Bürgerinnen und Bürger in Schorndorf sollen bei einem Informationsabend nach dem Jahreswechsel über die Starkregen-Gefahrenkarten aufgeklärt werden. Termin für die Veranstaltung wird der 16. Januar sein, als Ort ist die Barbara-Künkelin-Halle gebucht. Schließlich geht es bei der Abwehr einer Überschwemmungskatastrophe auch um die Frage, was die Bevölkerung selbst tun kann – vom fest im Heizungskeller verankerten Ölfass bis zur eingebauten Rückstausicherung vor dem Kanalnetz.
2000 Stellen im Stadtgebiet wurden mit Bauhof und Feuerwehr besichtigt
Die Schäden durch einen Starkregen komplett zu verhindern, ist aus Sicht des Gutachters allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. „Man wird nie alles schützen können“, sagt er. 23 Risikobereiche hat Matthias Stork mit seinem Team allein für Schorndorf definiert, mit Bauhof und Feuerwehr wurden über Monate hinweg annähernd 2000 Örtlichkeiten im Stadtgebiet konkret besichtigt.
Denn in weiteren Schritten geht es bei der Starkregen-Abwehr auch um eine Risikoanalyse und ein Handlungskonzept. Wie oft Kanalschächte gereinigt werden und der Fangrechen in der Kläranlage von Treibholz gesäubert wird kann bei der Vermeidung von Schäden an der Infrastruktur durchaus eine Rolle spielen. „Es ist höchste Zeit, dass wir wissen, wo man handeln muss“, sagt der Schorndorfer Oberbürgermeister Bernd Hornikel über die Gefahrenkarten.
Um das Thema gekümmert hatte sich der Wasserverband Rems übrigens nicht erst unter dem Eindruck der verheerenden Schäden im Juni. Der Auftrag für die 630 000 Euro teure Untersuchung wurde bereits mehr als ein Jahr zuvor erteilt. Weil Wasser nicht an Markungsgrenzen stoppt, sind neben Schorndorf auch Böbingen, Essingen, Lorch, Mögglingen, Plüderhausen, Remseck, Remshalden, Urbach, Waiblingen und Winterbach an der Untersuchung beteiligt. Die Stadt Heubach als zwölfte Kommune, die ebenfalls im Einzugsgebiet der Rems liegt, hat ein eigenes Starkregenprojekt gestartet, das sie in enger Zusammenarbeit mit dem Wasserverband umsetzen will.