Die Stuttgarter Aids-Hilfe hat ihren Sitz in der Johannesstraße. Foto: Lichtgut/Max /Kovalenko

Auch ohne Geschäftsführer sieht man sich bei der Stuttgarter Aids-Hilfe gut gerüstet. Mitarbeitende und Mitglieder haben nun mehr Mitspracherecht. Eine aktuelle Herausforderung ist die Versorgung HIV-positiver Menschen aus der Ukraine.

Wie ist die Stimmung bei der Stuttgarter Aids-Hilfe nach der Krise im Sommer? „Wir blicken nach vorn“, sagen Bernd Skobowsky und Fatih Ceylan aus der Verwaltung des Vereins unisono. Nach dem Wirbel wegen der fristlosen Kündigung des langjährigen Geschäftsführers Ende Juli ist wieder Ruhe in den Verein eingekehrt. Es funktioniere alles ziemlich gut, sagt Ceylan – obwohl die Stelle des Geschäftsführers weiterhin unbesetzt ist.

Inzwischen hat sich die Aids-Hilfe von ihrer Arbeitsweise her neu aufgestellt. Die Basis wurde auf der – dem Vernehmen nach außergewöhnlich gut besuchten – Mitgliederversammlung am 10. September gelegt. Dort wurde der Vorstand gewählt, der nun wieder drei statt zwei Personen zählt: Zu Laura Halding-Hoppenheit und Tanja Hoyer ist Michael Deobald gestoßen, der die Stuttgart-Gruppe der schwulen Väter und Ehemänner leitet. Die Mitglieder haben zudem eine Satzungsänderung einstimmig beschlossen, die mehr Partizipation ermöglicht.

37 Wiedereintritte in den Verein in den vergangenen Wochen

Es stehe nun nicht mehr einer oben, der das Sagen habe, so Ceylan. Mitarbeitende könnten mehr selbst entscheiden, die Mitglieder würden mehr einbezogen, der Vorstand sei häufiger vor Ort. „Wir wollen ein offener Verein sein“, betont der Wirtschaftsfachwirt. Er geht auf den alten Geschäftsführer nicht näher ein, nennt aber eine Zahl. Man habe in den vergangenen Wochen 37 Wiedereintritte verzeichnet, so Ceylan. Das seien im Vergleich zu den vergangenen Jahren „sehr, sehr viele“.

Im Team kommt der neue Kurs offenbar gut an: „Natürlich motiviert einen das, wenn man als Mitarbeiter Mitspracherecht hat“, sagt zum Beispiel der Sozialarbeiter Mustafa Kapti, der viel Präventionsarbeit leistet. Diese soll nun breiter aufgestellt werden. Man wolle die „ganze queere Community“ erreichen, sagt Bernd Skobowsky. Die Materialien würden angepasst. Lange richtete sich die HIV-Prävention primär an Männer, die Sex mit Männern haben. Nachholbedarf sieht Skobowsky bei der Aufklärung Heterosexueller, ein großes Thema sei zudem die Pflege HIV-Positiver. „Gefragter denn je“ seien ihre HIV-Schnelltest-Aktionen, seit das Gesundheitsamt coronabedingt seine Angebote anpassen musste. 1500 Tests habe man allein 2021 vorgenommen, in diesem Jahr schon 1200.

Die Klienten aus der Ukraine seien oft heterosexuell

Neu hinzugekommen sei bei ihnen zudem die Unterstützung HIV-positiver Geflüchteter aus der Ukraine. Dadurch hätten sie innerhalb weniger Monate 50 Klienten on top bekommen, berichtet Kapti. Von diesen seien übrigens viele heterosexuell. Eine wichtige Aufgabe: diese bei Schwerpunktmedizinern unterzubringen, um die Versorgung mit den Medikamenten sicherzustellen. „Die kommen mit zwei, drei Tabletten hierher“, erklärt Bernd Skobowsky. Eine Mitarbeiterin von ihnen kümmere sich nun ausschließlich um die Ukrainerinnen und Ukrainer. Insgesamt lebten laut der Aids-Hilfe Stuttgart in der Region etwa 3000 HIV-positive Menschen, in Stuttgart seien es rund 1000 Personen.