Eine HIV-positive Mutter aus Afrika fühlt sich nach der Geburt in der Frauenklinik ausgegrenzt. Ihr Arzt spricht von Diskriminierung. Wie das Klinikum Stuttgart darauf reagiert.
Fünf Jahre lang schwieg sie. Zu groß seien Scham und Verunsicherung gewesen, zu tief habe der Schock gesessen. Erst jetzt, nach langem inneren Ringen, hat sich eine Frau aus Zentralafrika ihrem behandelnden Arzt anvertraut. Was sie von ihrer Entbindung im Frühjahr 2021 in der Städtischen Frauenklinik des Klinikums Stuttgart berichtet, beschreibt dieser als „massive Diskriminierung“.
Dr. Patrick Beck, Schwerpunktarzt in Stuttgart für HIV und Aids, hat sich nun an die Antidiskriminierungsstelle der Deutschen Aidshilfe gewandt. In seinem Schreiben schildert er die Ereignisse rund um den stationären Aufenthalt seiner langjährigen Patientin mit schwarzer Hautfarbe. Die Frau lebt seit 2013 mit einer HIV-Diagnose. Sie steht seit Jahren unter antiretroviraler Therapie, ihre Viruslast ist nach Angaben des Arztes durchgehend unter der Nachweisgrenze. Medizinisch gilt sie damit als nicht infektiös.
Im Frühjahr 2021 brachte sie per Kaiserschnitt einen gesunden Sohn zur Welt. Die Operation erfolgte in der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart. Nach Becks Darstellung wurde die Patientin entgegen ihrer Anmeldung nicht in einem Zweibettzimmer untergebracht, sondern in ein Einzelzimmer verlegt. Begründet worden sei dies mit einer angeblichen Infektiosität aufgrund ihrer HIV-Infektion.
„Infektiös“-Schild sorgt für Ausgrenzung und Scham
Besonders belastend sei für die Frau gewesen, dass an ihrer Zimmertür ein Schild mit dem Hinweis „Infektiös – Schutzmaßnahmen“ angebracht worden sei. Zudem habe eine Pflegekraft in dem ursprünglich vorgesehenen Zweibettzimmer die dort untergebrachte Patientin gefragt, ob sie mit einer HIV-positiven Frau das Zimmer teilen wolle. Diese habe abgelehnt. Nach Darstellung des Arztes wurde damit gegenüber Dritten offenbart, dass es sich um eine HIV-positive Patientin handelte.
Die Betroffene habe sich „wie eine Aussätzige“ gefühlt, berichtet der Arzt. Sie habe aus Angst und Scham das Zimmer kaum noch verlassen. Selbst eine vom Ehepaar bestellte Babyfotografin habe sich aufgrund des Warnhinweises geweigert, das Zimmer zu betreten. Der seelische Druck sei so groß gewesen, dass die Mutter sich entgegen ärztlicher Empfehlung entschied, frühzeitig abzustillen.
Psychische Belastung verzögert Offenlegung der Vorwürfe
Dass der Fall erst jetzt öffentlich wird, erklärt Beck mit der psychischen Belastung der Betroffenen. Sie habe lange gebraucht, um über die Ereignisse sprechen zu können. Erst kürzlich habe sie sich ihm anvertraut und erlaubt, die Vorwürfe weiterzugeben.
Das Klinikum Stuttgart weist Diskriminierung entschieden zurück. „Diskriminierung hat im Klinikum Stuttgart keinen Platz“, erklärt Sprecher Stefan Möbius. Weder Herkunft noch Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung oder gesundheitliche Faktoren dürften Anlass für Benachteiligung sein. Man bedauere sehr, falls eine Situation als Ausgrenzung erlebt worden sei.
Corona-Pandemie: Einzelzimmer als Schutzmaßnahme üblich
Zugleich verweist das Klinikum darauf, dass sich der Vorfall in der Hochphase der Corona-Pandemie ereignet habe. Schutzmaßnahmen, Unterbringung in Einzelzimmern sowie Hinweise an Zimmertüren seien damals häufige Praxis gewesen. Infektiöse Patienten seien „eher die Regel als die Ausnahme“ gewesen.
Das Haus verweist auf seine langjährige Erfahrung in der Versorgung von Menschen mit HIV. Jährlich würden fünf bis zehn Kinder von HIV-positiven Müttern geboren. Beschwerden wegen Diskriminierung habe es bisher nicht gegeben. Das Klinikum hat die Charta der Vielfalt unterzeichnet und ist Unterzeichner der Initiative „#positivarbeiten“ der Deutschen Aidshilfe gegen Diskriminierung im Arbeitsleben. Regelmäßige Schulungen durch die Krankenhaushygiene und die enge Zusammenarbeit mit HIV-Schwerpunktpraxen und der Aidshilfe Stuttgart gehörten zum Standard.
Klinikum Stuttgart lädt zu klärenden Gesprächen ein
Zum konkreten Einzelfall, der mehrere Jahre zurückliegt, äußert sich das Klinikum nicht detailliert. Man lade jedoch zu Gesprächen ein, um die geltenden Leitlinien und Abläufe transparent darzustellen.
Ob es sich um medizinisch begründete Vorsichtsmaßnahmen oder um unangemessene Stigmatisierung handelte, lässt sich für Außenstehende im Nachhinein schwer klären. Klar ist jedoch: Für die betroffene Frau waren die Tage nach der Geburt ihres Kindes nicht von Freude, sondern von Scham und Ausgrenzungsgefühlen geprägt. Und die Klinik spricht sich eindeutig gegen Diskriminierung aus, will alles dafür tun, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.
Der Fall zeigt, wie sensibel der Umgang mit HIV auch mehr als 40 Jahre nach Beginn der Epidemie bleibt. Medizinisch hat sich vieles verändert – gesellschaftlich offenbar nicht überall im gleichen Tempo.