Klimaanlagen sind für zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich. Dabei sorgen die Geräte oft erst recht dafür, dass sich die Umgebung aufheizt. Experten erklären, wie man in Stuttgart nachhaltig kühlt.
Der Mediziner Hanns-Christian Gunga hat einen speziellen Vorschlag zum Schutz vor der Hitze gemacht: eine Siesta abhalten. Nicht um Stress abzubauen oder versäumten Schlaf der vorangegangenen Nacht nachzuholen – sondern um bei der Arbeit den Körper vor der Überhitzung zu schützen. Tatsächlich werden hohe Temperaturen, wie sie am Dienstag auch in Stuttgart herrschten, zunehmend zu einem Gesundheitsproblem: 4500 Menschen sind laut einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts im vergangenen Sommer in Deutschland an den Folgen der Hitze gestorben, europaweit waren es laut einer in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlichten Studie mehr als 61 000 Menschen.
In jeder Sekunde werden zehn Klimaanlagen verkauft
Hohe Temperaturen werden also zunehmend zu einem Gesundheitsproblem, Kühlen ist manchmal unumgänglich. Gleichzeitig lassen Klimaanlagen den Energieverbrauch immer weiter ansteigen. Etwa die Hälfte der Büro- und Verwaltungsgebäude in Deutschland wird von einer Klimaanlage gekühlt, bei den Wohngebäuden sind es ein bis zwei Prozent, ergibt eine Schätzung des Umweltbundesamts von 2020. Und weltweit gesehen sind Klimaanlagen laut einem Report der International Energieagentur (IEA) für zehn Prozent des Stromverbrauchs verantwortlich.
In anderen Ländern sind die kühlenden Geräte zwar weiter verbreitet als hierzulande, aber eines ist überall gleich: Klimaanlagen verbreiten sich immer mehr. Die IEA prognostiziert, dass bis 2050 jede Sekunde zehn neue Klimaanlagen verkauft werden, zwei Drittel der Haushalte sollen dann mit einem Gerät ausgestattet und der Kältesektor der zweitgrößte Stromverbraucher weltweit sein.
Warum die meisten Kühlmittel ein Problem haben
Zudem nutzen laut Umweltbundesamt 95 Prozent der Anlagen klimaschädliche Kältemittel. Das Treibhausgaspotenzial dieser fluorierten Gase ist laut einem Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung im Bundestag (TAB) 100 bis 24 000 Mal größer als das von CO2. Und bis zu sieben Prozent der Gase entweichen durch Lecks der vielen Leitungen in die Umwelt.
Dazu kommt: Klimaanlagen produzieren, sozusagen als Abfallprodukt, Wärme. „Die Abwärme der Klimaanlagen hat die Erwärmung der Umgebung zur Folge“, sagt der Stuttgarter Stadtklimatologe Rainer Kapp. Eine einzelne Anlage hätte kaum Auswirkungen, in der Summe aber durchaus. Gerade in Innenstädten, wo warme Luft schwerer abziehen kann. „Wir haben viele Prozesse, die für uns normal sind, die aber in Summe eine enorme Abwärme verursachen“, sagt Kapp. Dazu zählten etwa auch von der Sonne aufgeheizte Autos, deren Abgase und heiße Motoren oder Abwärme beim Heizen von Warmwasser. Da stellt sich die Frage: Wie kann das Kühlen nachhaltiger werden?
1. Die Kühlenergie sollte in den Räumen effizient genutzt werden Große Klimageräte sind in der Regel effizienter als kleine. Mobile Geräte aus dem Baumarkt, deren warme Abluft über einen Schlauch durchs Fenster nach draußen befördert wird (womit warme Luft wieder in den Innenraum gelangen kann), gelten als besonders ineffizient. Sie sollten deswegen „verboten und nicht genutzt werden“, so Gerrit Füldner von Fraunhofer-ISE-Institut in Freiburg in einem Statement des Science Media Centers (SMC). Zentrale Kälteanlagen, ähnlich einer Zentralheizung, gelten als verhältnismäßig effektiv, die sogenannten Splitgeräte (jene mit dem großen Kompressor außen, die man etwa aus Südeuropa kennt) liegen dazwischen.
Für Bestandsgebäude meint André Kremonke vom Institut für Energietechnik der TU Dresden, „dass der Ansatz, bestehende Heizungsanlagen um die Möglichkeit eines Kühlbetriebes zu erweitern, erfolgversprechend ist und zu einer deutlichen Reduzierung von CO2-Emissionen führen kann“.
2. Die Energie sollte aus erneuerbaren Energien stammen Konsumenten können dafür zwar auf Ökostrom umstellen, aber in erster Linie bräuchte es dafür mehr Solaranlagen und Windräder. Aber auch weniger schädliche Kühlmittel gibt es bereits, etwa Ammoniak oder Propan.
3. Verhindern, dass sich die Gebäude aufheizen In bestehenden Gebäuden sollte man möglichst nachts und frühmorgens lüften sowie tagsüber verschatten, sagt Gerrit Füldner. Für geplante Neubauten empfiehlt Jens Hasse vom Deutschen Institut für Urbanistik in Köln, ebenfalls gegenüber dem SMC, begrünte Fassaden und Dächer sowie eine bessere Isolierung. Außerdem brauche es mehr Bäume in Städten und eine Stadtplanung, die für eine gute Durchlüftung sorge, sagt Jens Hasse.
Im Westen ist es besonders warm
In dieser Hinsicht stehe Stuttgart teils gar nicht so schlecht da, sagt Stadtklimatologe Kapp: „Fast ein Viertel der Stadtfläche ist Wald, das ist ein echter Schatz.“ Dazu würden die Kaltluftschneisen dafür sorgen, dass sich die Luft über Nacht im Kessel einmal komplett austausche. Aber außerhalb des grünen U – der zusammenhängenden Grünflächen von Schlossgarten bis Killesberg – gebe es relativ wenige größere begrünte Plätze. Zu den Orten mit wenig Grün zählt auch der Bereich vom Stuttgarter Westen bis Mitte entlang der Ausläufer der Karlshöhe. Dort sei es durchschnittlich am wärmsten, sagt Kapp – in Ost-West-Straßenzügen, die über mehrere Stunden Sonneneinstrahlung hätten, halte sich die Wärme besonders lang, sagt Rainer Kapp.