Quelle: Unbekannt

Die Weinlese in Esslingen wird schon Ende August beginnen – viel früher als erwartet. Doch die Hitze birgt nicht nur Vorteile: Die Trauben müssen nach der Lese sofort gekühlt werden, damit die Maische nicht zu früh gärt.

EsslingenWährend sich die einen über die Hitze beschweren, freuen sich die Esslinger Wengerter darüber. Denn ihre Weintrauben wachsen reichlich und liefern voraussichtlich beste Qualität. Einen guten bis sehr guten Jahrgang erwarten die Weingärtner. Die Lese wird voraussichtlich Ende August, Anfang September beginnen – sehr viel früher als die vergangenen Jahre. Selbstvermarkter Hans Kusterer vom gleichnamigen Weingut erklärt, warum: „Warten wir mit der Lese zu lange, dann steigen die Oechslegrade und somit steigt auch der Alkoholgehalt zu stark an. Den Wein können wir dann nicht oder nur sehr schlecht verkaufen.“ So wie die Oechsle steigen, so fällt der Säuregehalt. „Der darf nicht zu sehr sinken, sonst schmeckt der Wein fad – wir sagen immer: wie eingeschlafene Füße’“, erläutert er.

Etwas Vergleichbares habe es zuletzt im Jahr 2003 gegeben, als eine extreme Hitzewelle Europa im Griff hatte. „Die Lese kommt immer früher“, beschreibt Kusterer den allgemeinen Trend. Die Trauben seien dieses Jahr wahnsinnig gewachsen, das sei „erschreckend“, im positiven wie im negativen Sinne: „Es ist negativ, denn Ende August kann es auch noch 30 Grad haben, dann sind die Trauben so warm, dass die Maische zu schnell gärt.“

Das kann Adolf Bayer, der sein Weingut in Esslingen-Rüdern betreibt, bestätigen. Bei warmem Wetter sind Bayers Trauben schon mal an die 40 Grad heiß, hat der Wengerter gemessen. Aber auch die Trauben können während der Lese im Bottich anfangen zu gären, warnt er. Deshalb heißt es: Trauben, Maische und Saft sofort kühlen, sonst droht eine unkontrollierte Gärung – und der Wein kann im schlimmsten Fall ungenießbar werden. Damit das nicht passiert, haben die Esslinger Wengerter vermehrt in Kühlungsmaschinen investiert. Kusterer hat dieses Jahr dem eigenen Bekunden nach insgesamt 20 000 Euro für das Kühlungssystem aufbringen müssen.

Die Hitze hat weitere Nebenwirkungen. So tragen die Rebstöcke zu viele Trauben. Bayer: „Wir mussten ein Drittel rausschneiden. Das ist so ähnlich wie mit den Apfelbäumen, die Reben brechen sonst unter ihrer Last zusammen.“ Bei zu vielen Trauben könnten sich die Aromen zudem schlechter verteilen, und das schade der Qualität.

Besonders dem Riesling, erklärt Bayer, tut die permanente Hitze keinesfalls gut. „Er braucht kühle Nächte und warme Tage. Genau dieser Temperaturunterschied macht’s.“ Laut einem Forschungsergebnis der Weinbauschule Weinsberg, so Bayer, könnte es den Riesling in den nächsten 50 Jahren möglicherweise nicht mehr in Württemberg geben, wenn die heißen Sommer in dieser Dimension kein Ende nehmen. Da sich auch der Regen in diesem Sommer eher selten gezeigt hat, mussten die Reben dementsprechend gewässert werden. Albrecht Sohn, der Vorsitzende der genossenschaftlich organisierten Weingärtner Esslingen, erzählt: „Junge Reben mussten im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr bewässert werden.“ Ältere Reben, die mindestens sechs Jahre alt sind, überstehen die Hitze besser, weil sie tiefe Wurzeln haben, erklärt er.

Noch ist die Ernte nicht eingebracht. Regen sei gut, aber Starkregen und Hagel könnten den zurzeit „super Bestand“ auch schnell zunichtemachen, gibt Wengerter Bayer zu Bedenken. Die Trauben könnten dann aufplatzen und im schlimmsten Fall faulen. Wespen, Essigfliegen und Pilze hätten freien Zugang zur Frucht, die normalerweise durch die starke Beerenhaut geschützt ist.

Doch die Hitze beeinträchtigt nicht nur die Reben. „Für die Erntehelfer wird die Lese immer anstrengender“, weiß Albrecht Sohn. Damit auch diese nicht in der prallen Augustsonne „eingehen“, planen die Wengerter, die Lese in die frühen Morgen- oder in die späten Abendstunden zu verlegen. Sohn steht der Weinlese trotz der Schwierigkeiten positiv entgegen. Die Klimavoraussetzungen für den Wein seien zumindest historisch, der Fruchtansatz sei deshalb gut. „Ich denke positiv, es sind perfekte Voraussetzungen für die Lese. Wie sie aber tatsächlich ausfällt, das wird sich dann zeigen.“ Für die Sorte Acolon stehen die Wengerter jedenfalls schon in den Startlöchern.

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