Die Razzia am Montag gegen die Szene der Schüsse-Gruppen im Großraum Stuttgart hatte einen besonderen Hintergrund. Es ging um Drogenlieferungen in die Justizvollzugsanstalt – per Post. Wie fiel das auf?
Nach der Berichterstattung unserer Zeitung über eine Drogenrazzia in der Szene der schusswütigen Gruppierungen im Großraum Stuttgart haben Landeskriminalamt (LKA) und Staatsanwaltschaft Stuttgart nähere Details zu den Hintergründen verraten. Demnach geht es um Drogenschmuggel in die JVA Stammheim – und das auf besondere Weise. So wurde Papier, das mit synthetischem Cannabinoid getränkt war, ins Gefängnis geschmuggelt – daher auch der Codename des Ermittlungsverfahrens: „Paper“.
Am Montagmorgen bekamen acht 22- bis 31-jährige Männer und zwei Frauen im Alter von 20 und 23 Jahren Besuch von der Polizei. Sie stehen im Verdacht, bandenmäßig mit Rauschgift in nicht geringer Menge gehandelt zu haben. Um das mit Betäubungsmittel versetzte Papier in die Vollzugsanstalt schmuggeln zu können, sollen die Täter dieses als Anwaltspost deklariert in die Haftanstalt verschickt haben. „Die Ermittlungen zu der genauen Begehungsweise dauern noch an“, sagt LKA-Sprecher Jürgen Glodek.
15 Objekte in der Region Stuttgart durchsucht
Bei den Durchsuchungen von 15 Wohnungen und Arbeitsplätzen in Zuffenhausen, Stammheim und Bad Cannstatt sowie in Göppingen, Eislingen, Rechberghausen (Kreis Göppingen) sowie Kirchheim unter Teck(Kreis Esslingen) durch Spezialeinsatzkommando und Kriminalpolizei wurden unter anderem das mutmaßlich verwendete Papier, Betäubungsmittel, Messer und ein Schlagstock sowie Mobiltelefone sichergestellt. Das LKA bestätigte am Mittwoch auch die Information unserer Zeitung, wonach in einer Wohnung eine scharfe Schusswaffe und Munition gefunden wurde.
Gegen sieben Personen waren bereits vor der Großrazzia Haftbefehle erwirkt worden. Sechs Haftbefehle wurden am Montag durch das Amtsgericht Stuttgart in Vollzug gesetzt. Eine der Verdächtigen befindet sich bereits in anderer Sache in Untersuchungshaft. Mindestens einer der Beteiligten soll der Zuffenhausen-Göppingen-Gruppierung angehören. Die Aktivitäten der schießwütigen Cliquen mit Rapper-Allüren beschäftigen die Polizei in der Region Stuttgart bereits seit zwei Jahren. Seither hat es 74 Verhaftungen gegeben. Bisher haben Gerichte hierzu Urteile mit bis zu zwölf Jahren Haft gefällt.
Hohe Gewinne mit präparierten Blättern
Synthetische Cannabinoide sind schon länger in der Drogenszene verbreitet. 2008 machten in Deutschland Kräutermischungen namens Spice Schlagzeilen – weil diese mit den hoch konzentrierten Wirkstoffen aus dem Labor versetzt waren. „Das Aufbringen auf Papier ist eine gängige Form“, sagt der LKA-Sprecher, „mittlerweile ist ein Aufbringen auf wirkstoffarme Marihuanablüten eine weitere Methode.“ In der Fachwelt wird dem künstlichen Cannabis eine höhere Gefahr einer Psychose zugeschrieben als der Droge pflanzlichen Ursprungs. Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz von 2016 ist eine Reaktion auf ständig wechselnde Stoffgruppen und umfasst vor allem die synthetischen Cannabinoide. Die Zahl der Substanzen wächst ständig und wird in einer Drogenscanner-Datenbank für alle Bundesländer zugänglich aktualisiert.
Dass der Drogenschmuggel auch vor Gefängnissen nicht Halt macht, ist für die Ermittlungsbehörden keine Überraschung. Aus der rheinland-pfälzischen Justizvollzugsanstalt Wittlich ist zu hören, dass synthetische Substanzen etwa 80 Prozent der Drogen im Gefängnis ausmachen dürften. Ein präpariertes Blatt Papier werde für bis zu 200 Euro gehandelt, eine bis zu zwanzigfache Gewinnmarge der Herstellungskosten.
Justiz schafft mehr Drogenscanner an
Wie die Drogenbriefe für das Stammheimer Gefängnis abgefangen wurden, darüber gibt das Landeskriminalamt keine Auskünfte. Gleichwohl ist bekannt, dass in Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg neuartige Drogenscanner im Einsatz sind, die verdächtige Substanzen erkennen können. 2022 hatten die Scanner in den Haftanstalten in Bruchsal und Heilbronn bereits 150 Treffer gelandet.
„Inzwischen sind landesweit vier Geräte im Einsatz“, sagt der Sprecher des baden-württembergischen Justizministeriums, Aniello Ambrosio. Zwei weitere Geräte sollen noch in diesem Jahr geliefert werden, „um die Kontrolldichte weiter zu erhöhen“. In welchen Vollzugsanstalten, das wird aus Sicherheitsgründen aber nicht verraten.