Rund 140 Kliniken in Deutschland nehmen eine Hornhaut-Transplantation vor – darunter das Klainikum Stuttgart Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

Ist die Augenhornhaut beschädigt, ist die Sehkraft gefährdet. Dann kann eine Gewebespende helfen. Doch wie genau verläuft eine Transplantation und wie gut kann das Sehen wieder hergestellt werden? Ein Besuch in der Gewebebank des Klinikums Stuttgart.

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte Karin König kein Fahrrad, kein Auto mehr fahren. Die Bücher, die sie unbedingt lesen wollte, blieben unberührt auf ihrem Nachttisch. „Ich konnte die Buchstaben nicht mehr entziffern“, sagt die 78-Jährige. Ihr Augenlicht drohte ganz zu verschwinden. Die Ärzte diagnostizierten eine vererbbare Augenerkrankung, bei der wichtige Zellen der innersten Hornhautschicht vermehrt absterben, sodass diese sich eintrübt. Als die Ärzte zu einer Transplantation dieser Gewebeschicht rieten, sagte König sofort zu: „Ich wollte endlich wieder sehen.“

Krankheiten oder Unfälle trüben die Hornhaut ein

Rund 9000 solcher Transplantationen werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt. Der Bedarf steigt – hauptsächlich, weil die Gesellschaft immer älter wird. Damit wächst auch das Risiko, dass erbliche Erkrankungen die transparente Gewebeschicht im Auge schädigen. Aber auch Entzündungen, Operationen sowie Unfälle können dazu führen, dass sich die Hornhaut trübt und die Betroffenen drohen, zu erblinden.

Dass diesen Menschen mit der Gewebespende eines Toten geholfen werden kann, ist den wenigsten bewusst: Die Wartezeit auf eine Hornhaut beträgt in Deutschland bis zu ein Jahr, sagt Claus Cursiefen, Generalsekretär der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). „Noch immer müssen Transplantate aus dem Ausland bezogen werden.“ Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG), wäre das Spendenaufkommen sehr viel höher, wenn die Angehörigen den Willen des Verstorbenen kennen würden – aufgrund von Dokumenten, wie dem Organspendeausweis, oder von Gesprächen.

Ein Jahr müssen die Patienten auf eine Spende warten

Karin König hat ein knappes Jahr auf ihre Spende warten müssen. Zweimal erhielt sie einen Anruf, dass sie an der Reihe sei – um dann doch eine Absage zu erhalten. Winzige Fehler hatten das Gewebe für eine Transplantation unbrauchbar gemacht. „Beim dritten Anruf war ich daher nicht ganz so euphorisch“, so König. Doch es hat geklappt.

Gerade die Hornhautspende hat entscheidende Vorteile: Jede Spende verhilft einem Menschen zu neuer Sehfähigkeit, sagt Cursiefen. Unabhängig von hohem Alter und Vorerkrankungen wie Grauer Star, Hornhautverkrümmung, Weit- oder Kurzsichtigkeit. Während bei einem Organ wie dem Herzen der Kreislauf des Spenders in der Regel künstlich aufrechterhalten werden muss, ist eine Hornhautspende bis zu 72 Stunden nach dem Herzstillstand noch möglich.

Seit Mai gibt es in Stuttgart eine Gewebebank

Rund 140 Kliniken in Deutschland nehmen eine solche Transplantation vor. Karin König wurde im Klinikum Stuttgart operiert, wo 2022 rund 130 solcher Eingriffe vorgenommen worden sind. Der Ärztliche Direktor der Augenklinik, Florian Gekeler, setzt sich seit Jahren für die Transplantationen ein: Seit Anfang Mai gibt es dort auch eine Gewebebank, die zusammen mit DGFG betrieben wird. Mit dieser Einrichtung sollen künftig dreimal so viele Patienten am Klinikum Stuttgart versorgt werden. „Einen Großteil der hier aufbereiteten Spenden werden wir bald direkt für unsere Patienten einsetzen können“, so Gekeler.

Der Augenarzt Florian Gekeler hat den Aufbau dre Gewebebank in Stuttgart vorangetrieben. Foto: DGFG/DGFG

Täglich werden Listen durchgegangen, welche Patienten im Klinikum Stuttgart gestorben sind. Ist jemand als Spender geeignet, führen die Mitarbeiter der DGFG Gespräche mit Angehörigen. „Dabei können wir in Ruhe darlegen, was eine Gewebespende ist, wie sie entnommen wird und was damit passiert“, sagt Kevin Kowalewski, Gewebespendekoordinator der DGFG. Rund 42 Prozent der Angerufenen willigen dann in eine solche Spende ein. Im Fall einer Augenhornhaut wird das Gewebe direkt im Klinikum aufbereitet und gelagert.

Die Hornhaut wird im Klinikum Stuttgart aufbereitet und verschickt

Die Gewebebank ist ein Komplex aus zwei Reinräumen, die jeweils nur mittels Schleusen zu betreten sind. In den Schränken lagern aktuell drei Dutzend Hornhäute – temperiert auf Körpertemperatur: Sie schwimmen in kleinen Fläschchen mit roter Nährflüssigkeit, beschriftet mit Datum der Bearbeitung und einer Kennnummer. Zudem wird mit Hilfe eines besondere Mikroskops die Zahl der Endothelzellen der Augenhornhaut bestimmt. „Das sind die Zellen, die dafür sorgen, dass das Gewebe möglichst transparent ist“, sagt Kim Brandhuber, die im Klinikum Stuttgart in der Gewebebank die Spenden bearbeitet. Damit die Hornhaut für eine Transplantation geeignet ist, braucht es eine gewisse Mindestanzahl.

Die Augenhornhaut wird in einem Nährmedium aufbewahrt. Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

34 Tage kann das Gewebe eingelagert werden – „meist wird es aber früher transplantiert“, sagt Brandhuber. Teils werden die Transplantate in ganz Deutschland verschickt, teils wandern sie nur wenige hundert Meter weiter in die benachbarte Augenklinik.

Mit einem speziellen Mikroskop werden die Zellen der Hornhaut untersucht. Foto: DGFG/DGFG

Selbst Hochbetagt können operiert werden

Dort im Operationssaal bereitet sich die Oberärztin Karin Gekeler auf den nächsten Eingriff vor: Bei einer 87-Jährigen ist das linke Auge so stark eingetrübt, dass sie darauf nahezu blind ist. „Dabei ist gutes Sehen im Alter überlebenswichtig“, sagt die Ärztin. Denn wer schlecht sieht, stürzt eher – und kann zum Pflegefall werden. „Wir können inzwischen so schonend operieren, dass es bei diesen Eingriffen keine Altersgrenze gibt.“

Mit geübten Handgriffen baut die Augenärztin das Rundmesser zusammen, mit dem sie nur wenig später aus der Spenderhornhaut die gewünschte Größe ausschneiden wird. „Wichtig ist es, das beim Schneiden nur wenig Druck ausgeübt wird“, sagt Karin Gekeler. Werden die Ränder zu stark gequetscht, kann das Gewebe nicht sauber eingenäht werden, was später die Sehkraft des Patienten massiv einschränken könnte.

Die Nähte sind dünner als ein Haar

Ähnlich verfährt die Ärztin nun beim Auge der 87-Jährigen: Hier entnimmt sie mit demselben Instrument ein exakt gleich großes Scheibchen. Das Transplantat wird in die wenige Millimeter große Öffnung eingesetzt und dann mit Hilfe feinster Nähte sternförmig eingenäht. Die Fäden aus Nylon sind dünner als ein Haar.

Bei der Operation wird die Spenderhornhaut in das Auge des Empfängers eingenäht. Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

Bei Karin König war die Operation noch etwas komplexer, da nur einzelne Zellschichten der Hornhaut transplantiert worden sind. Um das Anwachsen des Transplantats zu unterstützen, wurde eine Luftblase in das Auge eingegeben. „Ich musste dann einige Tage in Rückenlage im Bett verbringen“, schildert die 78-Jährige. Ihre Sorge, der Körper könne das fremde Gewebe abstoßen, konnte ihr der Chefarzt Florian Gekeler nehmen: „Solche Reaktionen sind bei der Hornhaut eher die Ausnahme.“

So könnte die Zukunft der Hornhauttransplantation aussehen

Für die Zukunft werden die Eingriffe noch schonender und präziser, heißt es derweil seitens der DOG. So forscht unter anderem der Generalsekretär Cursiefen daran, erkrankte Areale auf der Hornhaut vor der Operation mikroskopisch so genau zu lokalisieren, dass das Gewebe noch passgenauer ausgetauscht werden kann. „So könnten wir womöglich mehr als zwei Transplantate aus einer Spenderhornhaut generieren“, sagt der Kölner Augenarzt.

Einen Schritt weiter geht eine Zelltherapie aus Japan. Hier wurden Endothelzellen aus Spendergewebe gezüchtet und Patienten implantiert. Die ersten elf Behandelten weisen auch nach fünf Jahren noch gute Resultate vor. „Sollte sich die Methode durchsetzen, könnten mit einer Spenderhornhaut 300 erkrankte Augen therapiert werden“, sagt Cursiefen. Das würde das Problem des Gewebemangels entschärfen.

Karin Königs Sehkraft liegt ein halbes Jahr nach der Transplantation bei 80 Prozent. Sie fährt Auto und liest Bücher. „Ich habe mein Leben zurück“, sagt sie. „Dafür bin ich dankbar – insbesondere dem Menschen, dessen Spende mir dies ermöglicht hat.“

Von der Spende zum Transplantat

Gewebebank
Derzeit arbeiten bundesweit 14 Gewebebanken mit der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantationen zusammen. Mit Hilfe der neuen Gewebebank am Klinikum Stuttgart sollen Transportwege kürzer und Zeitfenster besser eingehalten werden. Dies soll insbesondere den Patienten der Region Stuttgart zugute kommen.

Gewebespende
Zu diesen Spenden zählt nicht nur die Augenhornhaut (Kornea), sondern auch Herzklappen und Blutgefäße (kardiovaskuläres Gewebe) sowie Knochen, Knorpel, Sehnen, Bänder und Haut (muskuloskelettales Gewebe). Aber auch die Plazenta mit ihrer Amnionmembran und die Inselzellen aus der Bauchspeicheldrüse können als Gewebe gespendet werden. Weitere Infos zum Ablauf und der Verwertung gibt es im Netz: https://gewebenetzwerk.de