Eisvögel sind laut Naturschutzbund in Esslingen vom Aussterben bedroht – entgegen dem bundesweiten Trend. Die Frage ist: wieso? Und wo kann man sie noch beobachten?
In Esslingen stuft sie der Naturschutzbund (Nabu) als „vom Aussterben bedroht“ ein, in Baden-Württemberg stehen sie auf der Vorwarnliste zur Roten Liste gefährdeter Arten: Trotzdem sichten immer wieder Spaziergängerinnen und Spaziergänger in Esslingen Eisvögel. Auf der Internet-Plattform Reddit haben sich jüngst User über ihre Entdeckungen ausgetauscht – am Neckar am Wehr in Sirnau und Richtung Wendlingen seien die schönen Tiere gesichtet worden.
„Die Esslinger ‚Population' besteht vermutlich aus zwei Brutpaaren, von denen eines im Bereich des Naturschutzgebiets Alter Neckar und eines im Unterlauf der Körsch zu Hause ist“, weiß Ralf Hilzinger von der Nabu-Gruppe Esslingen. Eisvögel graben für ihre Nistplätze Röhren in der Nähe von Gewässern. „Speziell der Unterlauf der Körsch, der sehr naturnah ist mit Flachufern auf den Innen- und Steilwänden an den Außenkurven, ist hierfür sehr gut geeignet.“ Außerhalb der Brutzeit, die sich über mehrere Monate der Sommerzeit erstreckt, können sich laut Hilzinger außerdem einzelne Eisvögel aus anderen Regionen in Esslingen zeigen, „wenn die Nahrungsverfügbarkeit gut ist“.
Eisvögel in Esslingens Tierpark Nymphaea
An der Ostseite des riesigen Teichs im Esslinger Tierpark Nymphaea auf der Neckarinsel sollten bereits vor einigen Jahren zwei Bruthilfen für die Vögel entstehen. Die Vorrichtungen stünden zwar bereit, seien aber noch nicht installiert worden, sagt Sprecher Christoph Kässer. „Wir sind ehrenamtlich organisiert und das neue Aufzuchthaus bündelt all unsere Kräfte.“ Das Terrarien- und Aufzuchthaus ist das größte Bauprojekt in der Geschichte des Tierparks – seit etwa zwei Jahren wird gebaut. „Wir sehen die Eisvögel aber regelmäßig bei uns fischen“, sagt Kässer. Gefühlt seien es weder mehr noch weniger geworden.
Auch der Hobbyfotograf Sven Lang begegnet nach eigenen Angaben immer wieder Eisvögeln in Esslingen. Meistens seien sie rund um das kürzlich restaurierte Wasserhaus und entlang des Merkelparks anzutreffen. „Häufig sind sie auch im Gebüsch am Kanalufer unterhalb der Feuerwache Stadtmitte zu sehen.“ Bei einem Fotowettbewerb der Stadtwerke Esslingen in diesem Jahr hat Lang ein Bild eines Eisvogels eingereicht. Das markante Foto sei am Nachmittag des 24. Dezembers 2024 auf Höhe des Neckarbalkons bei einem Spaziergang entstanden.
„Die Eisvögel gehören zum Neckar, selbst wenn der heute ein extrem unnatürliches Gewässer ist“, sagt Ralf Hilzinger vom Nabu. „Zu meiner Schulzeit in den 1980er Jahren waren Eisvögel über den Kanälen um den Lohwasen herum keine Seltenheit.“ Dass Gewässer im Winter wegen des Klimawandels kaum noch zufrieren, helfe den Tieren. Früher habe es starke Bestandseinbrüche gegeben, weil die Eisvögel bei vereisten Seen und Flüssen verhungert seien. Auch wenn der Name es vermuten lässt, kommt der Eisvogel mit Eis und Frost nicht gut zurecht. Die Tiere ernähren sich hauptsächlich von kleinen Fischen. Von oben, etwa von überhängenden Zweigen aus oder in der Luft stehend, stoßen die Vögel bei der Jagd ins Wasser.
Warum ist der Eisvogel hier vom Aussterben bedroht?
Aber warum sind die Tiere in Esslingen noch immer vom Aussterben bedroht, wenn die Winter nicht mehr derart kalt sind? „Beim Eisvogel in Baden-Württemberg ist der kurzfristige Trend eine Zunahme, was den milden Wintern und Verbesserungen an manchen Gewässern zugerechnet werden kann. Der langfristige Trend ist aber negativ“, sagt Hilzinger. Flussbegradigungen und -verbauungen hätten den Bestand in der Vergangenheit drastisch einbrechen lassen.
Eine Renaturierung des Neckars in Esslingen sei unrealistisch. Zum einen ist es der massiv verbauter Fluss, zum anderen dürfen aus Stabilitätsgründen in die hiesigen Hochwasserschutzdämme keine künstlichen Brutröhren eingebaut werden: „Deshalb wird der Status der Art in Esslingen wohl kurzfristig nicht zu ändern sein.“ Bundesweit ist der Eisvogel laut Nabu derzeit nicht gefährdet.