Trotz vieler Untersuchungen finden Ärzte bei einer sogenannten Herzneurose keine körperlichen Ursachen. Foto: Klaus Eppele /Fotolia

Atemnot, ein Engegefühl in der Brust und manchmal sogar Todesangst: Bei einer sogenannten Herzneurose haben Betroffene zwar reale Beschwerden. Was hilft aber, wenn Ärzte keine körperlichen Ursachen finden?

Die Beschwerden sind real: Betroffene einer Herzneurose leiden immer wieder unter bedrohlichen Symptomen wie Herzschmerzen, Engegefühl in der Brust, Schwindel oder Atemnot, oft stehen sie Todesängste aus. Doch trotz vieler Untersuchungen können Ärzte dafür keine körperlichen Ursachen feststellen. In solchen Fällen kann Psychotherapie helfen – doch der Weg zu Diagnose und Behandlung ist oft lang und beschwerlich. Der Begriff Herzneurose wird in Fachkreisen indes kritisch gesehen. Man spreche eher von einer „somatoformen autonomen Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems“, sagt Björn Nolting, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Esslingen.

Kommen Patientinnen und Patienten mit Herzbeschwerden zum Hausarzt oder Kardiologen, wird zunächst eine umfassende körperliche Diagnostik eingeleitet. „Herzerkrankungen können potenziell lebensbedrohlich sein“, sagt Martin Arnold, Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie am Klinikum Esslingen. Abzuklären seien etwa Vorerkrankungen und Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes. Zudem werden ein EKG und Belastungstests gemacht. Je nach „Verdachtsmomenten“ erfolgen weitere Untersuchungen wie ein Herzultraschall, eine Herzkatheteruntersuchung oder auch ein CT.

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„Ärztehopping“ hilft nicht weiter

Ergeben sich keine Hinweise auf organische Ursachen, wäre eine psychosomatische Untersuchung der nächste Schritt. Doch viele Patientinnen und Patienten erleben ihre Symptome als rein körperlich und beharren auf weiteren Untersuchungen des Herzens; oder sie wechseln im Zweifelsfall den Arzt. Eine Zweitmeinung einzuholen sei legitim, erklärt Martin Arnold. Zuweilen entwickle sich allerdings ein „Ärztehopping“, das dem Patienten nicht weiterhelfe. Schaden anrichten könnten auch unnötige oder mehrfache Untersuchungen: „Eine Herzkatheteruntersuchung birgt immer auch Risiken für den Patienten“.

Eine Gefahr sieht der Kardiologe auch darin, dass Patienten nicht ernst genommen werden. Verharmlosen dürfe man solche Beschwerden keinesfalls. Anders als beim Krankheitsbild der Hypochondrie sind die Symptome bei der Herzneurose tatsächlich vorhanden. In vielen Fällen werden sie als so heftig empfunden, dass es den Betroffenen schwer fällt zu akzeptieren, dass die Ursache ihrer Beschwerden im psychosomatischen Bereich liegen könnte. Wer mit dem Gefühl, kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen zum Kardiologen oder in die Notaufnahme komme, sei zwar zunächst erleichtert, wenn keine körperliche Ursache vorliege, so Arnold. Doch dies hält meist nicht lange an – und der Kreislauf von Symptomen und Ängsten kommt erneut in Gang.

Betroffene nicht in die „Psycho-Ecke“ abschieben

Betroffene dürften nicht das Gefühl bekommen, „in die Psycho-Ecke abgeschoben zu werden“, betont Björn Nolting. „Die Patienten sagen, ich hab’s am Herz, nicht am Kopf“, beschreibt er eine häufige Abwehrhaltung. Wichtig sei es, das Leid der Patienten anzuerkennen. Eine somatoforme Störung entwickelt sich meist in einem Zusammenspiel von körperlichen, seelischen und sozialen Umständen; Experten sprechen von einem „biopsychosozialen Modell“. Oft gibt es einen individuellen Auslöser wie etwa die Trennung vom Partner oder der Partnerin, den Tod einer nahe stehenden Person, Jobverlust oder auch Beziehungskonflikte.

Dazu kommen weitere Faktoren wie Stress-Situationen und Überlastung bei der Arbeit oder genetische Faktoren, wenn etwa ein Elternteil einen Herzinfarkt erlitten hat. Auch belastende oder traumatische Erfahrungen in der Kindheit können bei der Entstehung eine Rolle spielen. Betroffene der Herzneurose weisen häufig eine hypersensible Körperwahrnehmung auf: „Sie fokussieren sich extrem auf die Symptome, sind schnell verunsichert und bekommen Angst“ weiß Björn Nolting. Dadurch können sich die Symptome verstärken. Wenig ausgeprägt ist dagegen bei vielen Patienten die Fähigkeit, unterschiedliche Gefühle wahrzunehmen.

Krankheit kann chronisch werden

Je schneller eine somatoforme Störung behandelt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Manchmal helfe den Patienten bereits eine ausführliche Aufklärung über die Hintergründe der Krankheit, verbunden mit dem Erlernen von Entspannungsverfahren und Achtsamkeitstraining, macht Nolting deutlich. Dies könne im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung auch ein Hausarzt leisten. Da eine Diagnose in vielen Fällen jedoch erst nach Jahren erfolgloser Untersuchungen und Behandlungsversuche erfolgt, ist der Krankheitsverlauf oft chronisch.

In der Regel werden die Beschwerden begleitet von Ängsten bis hin zu Panikattacken oder Depression; aufgrund der vermuteten Herzerkrankung entwickeln die Betroffenen überdies ein Vermeidungsverhalten: „Viele treiben keinen Sport mehr, gehen nicht mehr raus oder verzichten auf Sex – vor lauter Angst, es könne dabei etwas passieren“, macht Nolting deutlich. Dadurch verschlechtert sich die körperliche Verfassung weiter. Je nach Schwere des Krankheitsbildes kann die Behandlung ambulant, in einer Tagesklinik oder stationär erfolgen.

Psychosomatische Erkrankungen

Körper und Seele
 Dass seelische Belastungen krank machen können, sei mittlerweile gesellschaftlich eher akzeptiert, sagt der Chefarzt der Klinik für Psychosomatik Björn Nolting. In der Medizin setze sich zunehmend das Modell einer Einheit von Körper und Seele durch. Dennoch sei weiterhin Entstigmatisierung vonnöten.

Psychotherapie
Bei einer Herzneurose leiden die Betroffenen unter „unerklärlichen“ Herzbeschwerden, für die keine körperliche Ursache festzustellen ist. Die Erkrankung entwickelt sich im Zusammenwirken von seelischen, körperlichen und sozialen Faktoren. Zur Behandlung hat sich die Psychotherapie bewährt.