Für die LesART wurde die Villa Merkel ausnahmsweise zu einem Haus der Literatur: Björn Kuhligk, Anna Breitenbach, Luciano Biondini, Safiye Can und Paul-Henri Campbell (von links) bescherten dem Publikum einen stimmungsvollen Abend. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Mit ihrem „Klangraum Lyrik“ bieten die Esslinger Literaturtage der Poesie stets ein attraktives Forum. Diesmal beleuchteten die Autoren Björn Kuhligk, Anna Breitenbach, Safiye Can und Paul-Henri Campbell zusammen mit dem Akkordeonisten Luciano Biondini unterschiedliche Facetten der Dichtkunst.

EsslingenEs gab Zeiten, da hatte die Poesie einen schweren Stand. Nun sprechen Kenner von einer neuen „Blütezeit der Lyrik“. Weil die Esslinger Literaturtage der Dichtkunst ein attraktives Forum bieten wollen, wurde der „Klangraum Lyrik“ kreiert, der die Villa Merkel für einen Abend in einen Ort der Literatur verwandelt. LesART-Planerin Renate Luxemburger stellt stets ein interessantes Programm zusammen, das erlebbar macht, wie reizvoll und facettenreich zeitgenössische Lyrik sein kann. Jeder Autor bekommt in der Villa ein eigenes Kabinett – das Publikum wandert von Raum zu Raum und taucht jedes Mal in eine neue poetische Welt ein.

Carolin Callies hat sich als Lyrikerin einen Namen gemacht. Diesmal war sie die kundige Wegweiserin durch den Abend. Angesichts vieler respektabler Neuerscheinungen fand sie es gar nicht so einfach, ein überzeugendes Programm zusammenzustellen – Luxemburgers Auswahl sei vorzüglich. Unterschiedliche lyrische Klangfarben vereinten sich zu einem stimmigen Ganzen. Und zwischendurch setzte der Akkordeonist Luciano Biondini musikalische Akzente, die in vielen Zuhörern lange nachklangen. Biondini ist ein Virtuose auf seinem Instrument, verbindet Kammerjazz und Improvisation und lässt Raum für mediterrane Einflüsse. Und wer ihm zuhört, kann gar nicht anders, als sich dem Zauber seiner Klänge hinzugeben.

Dass Lyrik und Musik viel gemeinsam haben, ließ Safiye Can spüren. Die junge Autorin rezitiert die Gedichte aus ihrem Band „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ (Wallstein Verlag, 18 Euro) nicht nur – sie geht ganz und gar in ihnen auf. „Ich verliere gerne die Zeit, wenn es um Poesie geht“, verriet sie. Safiye Can liebt das Leben und die Menschen, ihre Texte sind lebensklug, berührend und gefühlvoll. Sie freut sich am Lächeln anderer, um festzustellen, dass es ihr eigenes Lächeln war, das andere angesteckt hat. Und sie zeigt, dass in jedem ein Poet steckt, man muss ihm nur die Freiheit lassen: „Das Gedicht – das sind Sie.“

Björn Kuhligk bewies mit seinem Langgedicht „Die Sprache von Gibraltar“ (Hanser Berlin, 16 Euro), dass Poesie eine sehr politische Wirkung entfalten kann. Weil ihn die Bilder der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer nicht losließen, reiste er an den berüchtigten Grenzzaun von Melilla, um zu erleben, wie sich die Grenze zwischen Europa und Afrika anfühlt. Dafür findet Kuhligk eine unprätentiöse und doch bewegende Sprache, die in ihrem erhellenden Ton vermittelt, was es heißt, auf der Flucht zu sein – und wie privilegiert man hierzulande leben darf.“

Paul-Henri Campbell schöpft mit dem Gedichtband „nach den narkosen“ (Verlag Das Wunderhorn, 18.80 Euro) tief im Fundus sehr persönlicher Erfahrungen. Ein schwerer Herzfehler ließ ihn immer wieder existenzielle Grenzsituationen durchleben. Was es heißt, sich einer Klinik-Maschinerie anzuvertrauen, lässt er in ungeheuer intensiver Sprache deutlich werden. Dass es ihm trotz allem Leiden, das er im Hospital erlebt und erlitten hat, immer noch gelingt, dem Leben auch mit ironischer Distanz zu begegnen, macht seine sprachlich und stilistisch gelungenen Gedichte so beeindruckend.

Vierte im literarischen Bunde war die Esslinger Autorin Anna Breitenbach, deren Texte oft eine prickelnd-erotische Note haben. Begehrende Blicke, rote Lippen und pralle Brüste sind für sie keine Tabus – dass jedem Autor im „Klangraum Lyrik“ nur zehn Minuten für jede der vier Zuhörergruppen blieben, kommentierte Breitenbach mit dem ihr eigenen Augenzwinkern: „Da werde ich nicht weiter als bis zum Bauchnabel nach unten kommen.“ Doch auch auf dieser vergleichsweise kurzen Strecke hat sie – mal hart und mal zart – so viel lebenspralle Sinnlichkeit entdeckt, dass man ihr genau wie ihren Kollegen gerne noch viel länger zugehört hätte.

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