VfB-Trainer Tim Walter schwärmt in den höchsten Tönen von Gonzalo Castro (hinten): der perfekte Linksverteidiger. Foto: dpa - dpa

Trainer Tim Walter schwärmt in höchsten Tönen: Castro interpretiere die Linksverteidiger-Position „perfekt“. Der will jedoch lieber im Mittelfeld spielen. Bis zum Sommer werde er gewiss nicht hinten links spielen.

StuttgartDie beiden Männer geben ihr Bestes, jeder auf seine Weise. Mit wehendem Pferdeschwanz rennt Emiliano Insua am Montagvormittag bei den Steigerungsläufen vorneweg und geht anschließend auch beim Kleinfeldspiel sehr engagiert zu Werke. Nur zur Übung des kleinen Fußball-Einmaleins reicht es bei Borna Sosa, der sich im separaten Einzeltraining vorsichtig wieder an schwerere Aufgaben herantastet. Aus Emiliano Insua (30) und Borna Sosa (21) besteht die etatmäßige Doppelbesetzung des VfB Stuttgart für die linke Abwehrseite. Doch hat sich der Routinier aus Argentinien mit seiner entsetzlich schwachen Leistung beim 2:6 in Hamburg aus der Mannschaft gespielt, während den Nachwuchsmann aus Kroatien noch immer die Folgen einer schweren Gehirnerschütterung plagen. Weiterhin ungewiss ist, wann er wieder spielen kann. Also ist inzwischen ein Mann in die Lücke gestoßen, der zwar als Außenverteidiger gar nicht spielen will, sich innerhalb von zwei Partien aber als vielleicht beste Besetzung erwiesen hat: Gonzalo Castro (32), erfahrener Ex-Nationalspieler mit 383 Bundesligaspielen.

Wie beim Pokalsieg in Hamburg bot Castro auch beim 3:1 am Sonntag gegen Dynamo Dresden eine starke Vorstellung. Seine Vorzüge: die Ruhe am Ball, das sichere Passspiel, die perfekte Technik, die große Erfahrung – „und interessanterweise auch sein Defensivverhalten“, wie Sven Mislintat hinterher staunte. Nur halb im Scherz meinte es der VfB-Sportdirektor, „dass wir Gonzo schon viel eher zum Linksverteidiger hätten umschulen sollen“.

Von Borussia Dortmund ist der Mittelfeldspieler im Sommer 2018 zum VfB gekommen – doch stellten damals beide Seiten rasch fest, dass sie sich die Zusammenarbeit anders vorgestellt hatten. Castro fand einen Club vor, der in schwere Turbulenzen geriet. Und die VfB-Verantwortlichen hofften vergeblich darauf, in dem Deutschspanier mit dem üppig dotierten Dreijahresvertrag einen Führungsspieler gefunden zu haben, der den Talenten in Stresssituationen Halt gibt. Castro ging mit unter, als der Abstieg näher rückte und schließlich traurige Gewissheit wurde.

Vermutlich hätte kaum einer beim VfB ernsthaft versucht, beim Neuanfang in diesem Sommer Castro von einem Vereinswechsel abzuhalten. Doch gehören gut verdienende Kicker jenseits der 30 nicht zu den gefragtesten Spielern auf dem Transfermarkt. Also trat auch der langjährige Leverkusener den Gang in die zweite Liga an – eine bittere Erfahrung für einen, der mit 17 in der Champions League debütiert hatte und mit 19 erstmals im Nationaltrikot aufgelaufen war. Viel mehr als solide waren seine Leistungen auch zu Beginn dieser Saison nicht, als Castro noch auf seiner Wunschposition im Mittelfeld spielen durfte. Eines aber konnte man ihm nie vorwerfen: dass er sich nicht mit der neuen Aufgabe in den ungewohnten Niederungen des deutschen Clubfußballs identifizieren, sondern sich aufgrund seiner großen internationalen Erfahrung (84 Europapokalspiele) für etwas Besseres halten würde. „Gonzo ist ein Sensationstyp“, sagt Sven Mislintat, „er spielt das, was von ihm erwartet wird – mit voller Leidenschaft für seine Mannschaft und diesen Verein.“ Er sei „ein Mannschaftsspieler“ und spiele dort, „wo mich der Trainer hinstellt“, sagte Castro nach dem Sieg gegen Dresden. Doch ließ er erneut keinen Zweifel daran, dass er seine Versetzung nach links hinten nur als vorübergehend betrachtet: „Der Trainer weiß, dass ich im Mittelfeld zu Hause bin. Ich denke nicht, dass man mich bis zum Sommer als Linksverteidiger sehen wird.“

Tatsächlich? Wenn man Tim Walter zuhört, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er in Zukunft einem anderen Spieler als Castro die linke Seite anvertraut. „Überragend“ fand der VfB-Trainer dessen jüngsten Leistungen, in denen er gar „die perfekte Interpretation dieser Position“ erkannte. „Genau so stelle ich mir meine Linksverteidiger vor.“

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