Von Motorsportchef Toto Wolff (links) und Formel-1-Seriensieger Mercedes Foto: dpa, Montage: EZ - dpa, Montage: EZ

Thomas Hitzlsperger will von den Besten lernen. Und fliegt deshalb nach England, zu Mercedes. Die sind in der Formel 1 das Maß aller Dinge – der VfB-Boss will wissen, warum.

StuttgartMan mag es nach sechs Weltmeistertiteln in Folge kaum glauben: Auch Mercedes hat in der Formel 1 schon harte Zeiten durchlebt. Auf der Piste fuhren die Rennautos der Konkurrenz hinterher, auch infrastrukturell war der Rennstall vor nicht allzu langer Zeit nur Mittelklasse. „Als ich das erste Mal hierhergekommen bin, lagen eine ‚Daily Mail‘ am Empfang, die war zehn Tage alt, und gebrauchte Kaffeebecher“, erinnerte sich der jetzige Motorsportchef Toto Wolff an seinen ersten Werksbesuch im englischen Brackley.

Mercedes ist das Maß aller Dinge

Das war 2013. Heute beschäftigt das Team von Seriensieger Lewis Hamilton in seinen beiden Werken in Brackley und Brixworth 1600 Mitarbeiter. Sie haben die Marke mit dem Stern zumindest im Rennsport kräftig aufpoliert – Mercedes baut wieder die schnellsten Autos. Der Rennstall aus dem Hause Daimler ist das Maß aller Dinge.

Was sich über eine andere Stuttgarter Traditionsmarke nicht sagen lässt. Der VfB Stuttgart müht sich in der zweiten Liga um den Aufstieg, will wie Mercedes aber zurück in die Erfolgsspur. Kurzfristig heißt das Ziel Aufstieg, mittelfristig soll der fünffache Meister Clubs wie dem VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim oder Eintracht Frankfurt wieder auf Augenhöhe begegnen. Es ist ein langer Weg, bis die Sterne auch über Cannstatt wieder glänzen.

Weshalb es Thomas Hitzlsperger gemeinsam mit Nachwuchschef Thomas Krücken und Markus Rüdt (Leiter Sportorganisation) kürzlich nach England verschlagen hat. Zu Toto Wolf und Mercedes. Lernen von den Besten – dieses Motto hat sich der Berufsanfänger bei seiner Bildungsreise auf die Fahnen geschrieben. „Es war sehr spannend und aufschlussreich“, beschreibt der 37-Jährige sein Treffen mit dem erfolgreichen Entwickler, bei dem die „full tour“ auf dem Programm stand: Windkanal, Entwicklungszentrum, Trophäenhalle.

Wichtigste Erkenntnis der Kurzhospitanz: Viele kleine Dinge gilt es zu verändern, um Großes zu erreichen. Dabei ging es weniger um Parallelen von Motorsport und Fußball als um Grundsätzliches im Big Business Profisport. Allen voran Personalführung. Der im Rennsport erfahrene Österreicher hat nach seinem Einstieg bei Mercedes kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Diesen Weg scheint auch Hitzlsperger einzuschlagen. Zu seinen zwei Trainerentlassungen steht er. „Man muss von dem überzeugt sein, was man tut. Das versuchen wir beim VfB umzusetzen, auch wenn öffentlicher Druck aufkommt“, sagt Hitzlsperger. Dazu gehören ebenso interne Personalentscheidungen, die nicht jedem gefallen. Auch da zeigt sich der Vorstandsvorsitzende der Fußball AG als Freund konsequenten Handelns. „Ich will freundlich und verbindlich bleiben, werde deshalb aber vor mitunter harten Entscheidungen nicht zurückschrecken.“

Mister Nice Guy kann auch anders

Tatsächlich ist der frühere Meisterspieler nicht nur der Mister Nice Guy, als der er öffentlich gern wahrgenommen wird. Hitzlsperger kann auch anders – und hat noch längst nicht jeden Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle auf seinem neuen Weg „mitgenommen“, wie das unternehmerisch heute heißt. Genau das soll aber in Zukunft der Fall sein. „Die Mitarbeiter im Club brauchen klar definierte Ziele und klare Aufgaben, an denen sie sich messen lassen können.“

Ein Teamplayer will der 37-Jährige sein, ohne den VfB zu einem Verein für Basisdemokratie zu machen. „Ratgeber gibt es einige, dennoch muss ich für die Entscheidungen geradestehen und handle auch deshalb aus Überzeugung.“ Das betrifft nicht ausschließlich die Profifußballer, denen der junge Vorstandschef neuen Glanz verpassen will, sondern den gesamten Verein mit dem neuen Präsidenten Claus Vogt. Frauenfußball sowie ein neues Clubzentrum sind zwei solcher Zukunftsthemen. Hitzlsperger holt sich viele Ideen, liest Bücher über Chance-Management, Organisationstheorie und Leadership. Und traf in Lehrmeister Wolf, der bei Mercedes Break-out-Zonen eingerichtet und Brainstorming-Nachmittage eingeführt hat, auf einen Bruder im Geiste. „Vieles, was in meinem Kopf inzwischen passiert, hat nicht mehr ausschließlich mit Fußball zu tun“, bekannte Hitzlsperger in einem Interview, das im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist.

Der frühere Nationalspieler vollzieht den Wandel vom Profi zum Manager gerade im Schweinsgalopp. Er ist dabei, dem 126 Jahre alten Traditionsverein eine neue, jüngere Unternehmenskultur zu verpassen. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt. Auf die Frage, was ihn an den Seriensiegen von Mercedes am meisten beeindruckt habe, antwortete Hitzlsperger: „Wie sie es geschafft haben, ihre Erfolge ständig zu wiederholen.“

Zukunftsmusik für Hitzlsperger und den VfB. Erste Erfolge müssen sich erst noch einstellen.

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