Beginn einer alternativen Stadtführung. Mit den O’s und dem Ausrufezeichen machen die Verkehrsbetriebe auf ihre Elektro-Busse aufmerksam. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Bus, Baum, Haus – wie und wo die Stadt schon klimaschützend wirkt und wo es schon zu spät ist.

EsslingenDer Mann im blauen T-Shirt zeigt nach oben. „Fällt Ihnen da etwas auf?“ Etwa drei Dutzend Köpfe blicken in die Höhe. „Die Blätter?“

Ja, es sind die Blätter. Die dunkle Färbung sei nicht typisch herbstlich, erklärt Werner Barth vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Und überhaupt: Es ist auch noch zu früh dafür. Es ist die Trockenheit – eine Botin des Klimawandels. Während Barth erklärt, wie der Baum darauf reagiert – er lässt die äußeren Ränder absterben, damit die inneren ausreichend Wasser bekommen –, radeln zwei Frauen vorbei. „Immer noch viele Touristen in der Stadt“, bemerkt eine im Vorbeifahren.

Die Heilbronner Straße, wo Barth absterbende Äste und bienenunfreundliche Sträucher zeigt, ist allerdings kein Touristenmagnet. Es sind auch keine klassischen Touristen, die sich Baumkronen angucken. Es ist eher eine Art Expedition. Die Flaneure kommen auch nicht von weit her, es sind Spaziergänger aus Esslingen und umliegenden Gemeinden. Sie sind einer Einladung der Landtagsabgeordneten Andrea Lindlohr von den Grünen gefolgt, die mit Experten wie Barth oder Bürgermeister Ingo Rust zeigen will, „wie wir Klimaschutz vor Ort als Kommune oder als private Bauherren betreiben können“. Barths Bäumebetrachtungen gehören zur zweiten von drei Stationen. Beginn des kleinen Öko-Trips sind die städtischen Verkehrsbetriebe (SVE).

Der Bus. „Die SVE schafft Dieselbusse ab“, titelte die Eßlinger Zeitung unlängst. Bürgermeister Ingo Rust und Johannes Müller von der SVE erklären, wie’s geht. Sinnigerweise auf dem SVE-Gelände, wo zwei Elektrobusse stehen. Von der besonderen Antriebstechnik ist für die Teilnehmer des Spaziergangs nicht viel zu sehen – so etwas verbirgt sich unter der Motorhaube. Zugute kommen dem Bus die vielen Oberleitungen in Esslingen: Hier greift er sich die Energie ab, die er für die Fortbewegung braucht – regenerative Energie, zu deren Erzeugung unter anderem Sonne und Wind genutzt werden. Aber bei weitem nicht alle Straßen in Esslingen haben eine Oberleitung. Deshalb lädt der Bus während des Fahrens an der Oberleitung seine Batterien auf. Kommt er auf Straßen ohne Leitungen, greift er auf die Batterie zurück.

Es ist noch nicht lange her, da galt Diesel als das beste, wichtigste und preisgünstigste Antriebsmittel für den Busbetrieb in Deutschland. Die Nutzung von Strom als Energiequelle gehörte hingegen jahrzehntelang nicht zum guten Ton. Viele Städte bauten ihre Oberleitungen ab, Esslingen nicht. „Ein Glück“, wie Rust bemerkt. Die Stadt war aber nah dran – das Thema sei vor wenigen Jahren im Gemeinderat heftig diskutiert worden. Nun geht es in eine andere Richtung: Die Oberleitungen werden sogar noch ausgebaut, so dass der innerstädtische Busverkehr schon in wenigen Jahren komplett auf Diesel verzichten könnte. Pro Bus werden fast 80 Tonnen CO 2 eingespart. Vier Busse fahren bereits, weitere 17 kommen bis 2023 parallel zum Ausbau der Oberleitungen hinzu.

Der Baum. Etwa zwei Kilometer weit ist die Strecke von den Verkehrsbetrieben in das Wohngebiet „Grüne Höfe“ in der Pliensauvorstadt. Auf dieser Strecke durch den Merkelschen Park über die Pliensaubrücke und dann entlang der Stuttgarter Straße führt Barth vom BUND das Wort. Er zeigt Orte, wo sich der Klimawandel negativ bemerkbar macht. Viele Gartenämter reagierten bereits, wenn es etwa um die Auswahl neu zu pflanzender Bäume geht. Platanen und andere Bäume aber werden mit der Zeit verschwinden. Vielen geht es heute schon schlecht.

Das Haus. Auf den letzten Stationen in der Esslinger „Bronx“ – das Wort fiel tatsächlich im Zusammenhang mit der Pliensauvorstadt – geht es ums ökologische Wohnen. Wie in der Bronx in New York ändert sich auch hier die soziale Mischung, was unter anderem mit dem Wohngebiet der „Grünen Höfe“ zu tun hat, wo sich Menschen aus der akademischen Mittelschicht niedergelassen haben. Ein Teil der Häuser wird mit Erdwärme versorgt, wie Markus Michel von den Stadtwerken erklärt. Viel Wohlwollen findet der viergeschossige Holzbau der Lebenshilfe, den Architekt Jens Könekamp vorstellt. Hier bekommen die Spaziergänger die Gelegenheit, sich zu setzen und ein Glas Wasser zu trinken. Es wird nun fachmännisch. Wie dick die Wände denn seien, wird gefragt, und wie es sich mit dem Brandschutz verhalte? Fast könnte man meinen, die Öko-Flaneure hätten sich auf der Strecke über den Neckar in eine Bauherrenversammlung verwandelt.

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