Herta Müller flüchtet sich nicht in die Abstraktion. Foto: Andreas Kaier - Andreas Kaier

Nobelpreisträgerin Herta Müller stellt bei der LesART-Eröffnung ihren Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ vor. Dabei verblüffte die Schriftstellerin, die sich kritisch mit der Diktatur in ihren alten Heimat auseinandersetzt.

EsslingenAn ihre Großmutter in Rumänien hat Herta Müller schöne Erinnerungen. Als die Literatur-Nobelpreisträgerin ein Kind war, entdeckte sie bei der gläubigen Katholikin eine Marienfigur mit dem Symbol des unbefleckten Herzens. „Die Maria hat eine Wassermelone als Herz“, sagte das Mädchen staunend. Das dürfe sie denken, aber nicht sagen, gab ihr die Oma mit auf den Weg. Was das Leben in der Diktatur für ein Kind bedeutete, bringt Müller da anrührend auf den Punkt.

Bei der Eröffnung der 25. Literaturtage LesART in der Württembergischen Landesbühne Esslingen verblüffte die erfolgreiche Schriftstellerin, die seit 1987 in Berlin lebt, das Publikum mit einer neuen literarischen Form. In der Lesung, die Ernest Wichner moderierte, stellte die Künstlerin ihren Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ vor (Hanser Verlag, München, 22 Euro).

Über das Dichten mit Schere und Papier, aber auch über Nachwehen der Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate, sprach Wichner, der früher das Literaturhaus in Berlin leitete, mit der Autorin. Wie viel beide gemeinsam haben, unterstrich OB Jürgen Zieger: „Beide sind Sie Anfang der 50er-Jahre in Rumänien geboren, beide haben Sie dort ein Philologie-Studium absolviert, beide siedelten Sie über nach Deutschland, beide arbeiten Sie als Schriftsteller, und beide wurden Sie vielfach mit Preisen ausgezeichnet.“

Die leichte Form der Collage mag manchen bei Herta Müller überraschen. Denn die Nobelpreisträgerin setzt sich in ihrer Literatur unter anderem mit einem so schweren Thema wie der Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin auseinander. 2009 stellte sie in Esslingen ihren Roman „Atemschaukel“ vor. Das war wenige Tage, nachdem sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Nur auf den ersten Blick wirken ihre Wortspiele, die sie mit Schnipseln aus Illustrierten auf Postkarten geklebt hat, leicht und unbeschwert. Den Hintergrund brachte die Autorin, die viele im Publikum mit ihrer Offenheit faszinierte, den Zuhörern auf ihre sehr sympathische Art nahe. Aus Rumänien habe sie nur die „nach Schmieröl stinkenden Staatszeitschriften“ gekannt, zitierte sie aus dem Vorwort mit dem Titel „Das Echo im Kopf“. Die Freiheit, in der neuen Heimat Deutschland plötzlich frei denken und mit Worten spielen zu dürfen, hat sie zu den Collagen inspiriert.

„Mein Vaterland war ein Apfelkern. Man irrte umher zwischen Sichel und Stern.“ Dazu hat Müller eine Figur geklebt, deren verschränkte Beine hinter einem Vorhang zu sehen sind. Im Esslinger Theater las die Künstlerin die knappen Collagen vor, die an die Wand projiziert wurden. Jedes Wort hat für sie eine eigene Bedeutung. Die Ruhe, mit der Müller die ungestümen Satzwesen zum Klingen brachte, bestach. Wie viel Poesie in den Collagen steckt, die auf den ersten Blick aussehen wie Erpresserbriefe, vermittelte die warme, klare Stimme der Autorin. Für die leidenschaftliche Sprachspielerin ist jedes ihrer gewaltigen Worte ein kleines Wunder. Manchmal kriecht in die starken Sprachbilder ein Gefühl der Unsicherheit: „Blaues Unkraut der Ängste im Mundhunger im Augenhunger im Herzhunger wächst das längste.“ Weil die Künstlerin jedes Wort in einem unterschiedlichen Schrifttyp aufklebt, flirrt der Blick. Und plötzlich steht die Bedeutung der Sprache auf dem Prüfstand. Wortschöpfungen wie „Augenhunger“ kennt man aus ihren früheren Romanen wie „Atemschaukel“. Die Lust, das Unfassbare in radikal bildhafte Poesie zu kleiden, lässt Müller auch in ihren Collagen spüren.

Weil sich die 66-Jährige nicht in literarische Abstraktion flüchtet, sondern ganz offen über ihre Vergangenheit in der Diktatur spricht, ist sie so überzeugend. Wie sehr die Wahl-Berlinerin, die zu den ganz Großen in der Literatur gehört, ihre Heimat im Banat vermisst, ist in den Jugenderinnerungen zu spüren, die in ihren Büchern immer wieder aufblitzen. Das Kind, das Kühe hütete, lernte immer mehr, die Wirklichkeit zu begreifen. Aufgewachsen ist sie in Nitzkydorf in Rumänien. In der Stalin-Zeit sind ihre Großeltern in Arbeitslager deportiert worden. Diese Familiengeschichten sind eine Triebfeder von Herta Müllers literarischem Schaffen.

Weil sie selbst die Diktatur und deren blutige Folgen für die Menschen erlebt hat, ist Herta Müller fassungslos über den Rechtsruck, der sich in den europäischen Gesellschaften vollzieht. Die Literatin kann es nicht fassen, dass Politiker wie Viktor Orbán in Ungarn und auch die polnische Regierung ganz offen darüber sprechen, demokratische Strukturen abzubauen. Auch der Erfolg der Rechtspopulisten von der AfD nicht alleine bei den letzten Landtagswahlen in Thüringen bereiten ihr große Sorgen.

Obwohl Müller die politische Wirklichkeit beim Schreiben stets im Blick hat, dominieren in ihrer Collagensammlung nicht alleine die dunklen Töne, der bittere Blick zurück auf die Diktatur. Bei der Lesung in Esslingen nahm sie das Publikum mit auf eine faszinierende Reise auf die Sommerwiesen ihrer Kindheit. Da beginnt ihre Poesie zu fliegen. Nicht zuletzt ließ die ehemalige Übersetzerin in einer Maschinenbau-Fabrik das tief bewegte Publikum in ihre Arbeitsprozesse als Schriftstellerin blicken. Wenn sie vom Tisch in ihrer Wohnung erzählt, auf dem ausgeschnittene Worte verstauben, verrät das ihre grenzenlose Neugier, Sprache anders und ungewohnt zu denken.

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