Fußgänger und Radler haben in der Hemminger Ortsmitte gegenüber den Autos das Nachsehen. Foto: Simon Granville

Die Gemeinde Hemmingen hat ihre Ortsmitte einem Qualitätscheck unterzogen. Dabei wird deutlich, dass sich das größte Problem nicht so einfach lösen lässt.

Das Angebot an Läden und Dienstleistungen ist gut, ebenfalls punktet Hemmingen damit, dass mehrere Buslinien die Gemeinde anfahren – und die Fahrgäste barrierefreie Haltestellen vorfinden. Die vielen Autos machen den Ort dagegen weniger attraktiv. Es könnte auch mehr Grün geben und breitere Gehwege. Hemmingen hat sich einem Qualitätscheck unterzogen.

Die „Qualitätserfassung von Ortsmitten“ ist ein Angebot des Landes an die Kommunen, um zu erfahren, welche Potenziale und Defizite bestehen. Sie erhalten „schnelle, objektive Impulse als Start in die Entwicklung einer lebendigen und attraktiven Ortsmitte“, erläuterte Volker Scholz dem Gemeinderat. Viele Verbesserungsvorschläge würden sich ohne großen Aufwand umsetzen lassen. Volker Scholz und Lea Dirmeier vom Planungsbüro Pesch und Partner in Stuttgart haben dem Gemeinderat die Ergebnisse vorgestellt. Hintergrund ist, dass Baden-Württemberg bis zum Jahr 2030 insgesamt 500 lebendige und verkehrsberuhigte Ortsmitten schaffen will. Damit das klappt, arbeitet das Land mit den Kommunen zusammen und unterstützt Projekte finanziell. Hemmingen ist im Dezember 2022 als Pilotkommune auserkoren worden.

Ampel so umbauen, dass sie jeder nutzen kann

Untersucht haben die Stadtplaner das Gebiet Hauptstraße und Münchinger Straße von der Seestraße bis zur Schwieberdinger Straße und 15 Handlungsimpulse festgelegt. Die können laut Scholz schnelle und konfliktarme Sofortmaßnahmen umfassen wie auch umfangreiche Umgestaltungen. Abgearbeitet werden müsse indes nichts. Zum Beispiel könnte Hemmingen Ampeln so umbauen, dass sie auch Personen mit Einschränkungen nutzen können. Taktile Leitsysteme, differenzierte Bordhöhen und akustische Signale seien dazu nötig, sagt Lea Dirmeier. Angesichts des Klimawandels täten den Bäumen größere Baumscheiben gut. „Bäume leisten einen wichtigen Beitrag zur Kühlung und Verschattung von Straßenräumen.“

Deren Neuaufteilung die Experten „eher als langfristige Maßnahme“ sehen. Die Verteilung der Flächen sei „stark“ auf die Bedürfnisse des fließenden Kraftverkehrs ausgerichtet. Straßen werden im Idealfall auf maximal 6,50 Meter verengt, Gehwege auf mindestens 2,50 Meter verbreitert. „So können zwei Personen gut aneinander vorbeigehen“, sagt Lea Dirmeier. Und auch, man müsse einen Umbau mit der Verkehrsbelastung im Blick prüfen. Im freiwerdenden Raum könnte eine weitere Radabstellanlage entstehen. Eine gibt es hinter der Bücherei.

Das größte Problem: der Verkehr

Gleichwohl, mit der Umgestaltung der Ortsmitte ist es nicht getan, um den Auto- und Lkw-Verkehr zu reduzieren. Dafür braucht es ein übergeordnetes Konzept, meint Volker Scholz und prophezeit Hemmingen einen langen Weg. Die Ergebnisse seien lediglich erste Schlaglichter. Zudem ist die Ortsdurchfahrt eine Landesstraße – für die das Land beziehungsweise Regierungspräsidium Stuttgart zuständig ist. Es bestimmt also mit. Jörg Haspel (Freie Wähler) hatte sich in Bezug auf engere Fahrbahnen kritisch geäußert. „Wir müssen über machbare Lösungen diskutieren.“ Barbara von Rotberg (FDP) sieht das ähnlich. „Wir haben eben keine Umgehungsstraßen“, erinnert sie. Elke Kogler (SPD) spricht von „vielen umsetzbaren Ideen“ im Zuge von Bauarbeiten. „Man müsste mehr für Fußgänger tun.“ Der Verkehr bleibe das Hauptproblem.

Als Grund nennt der Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU), dass im Ort sechs Straßen kulminieren. Die Gemeinde wolle den Anteil am Fußverkehr deshalb erhöhen, um wenigstens den innerörtlichen Verkehr „vom Auto auf Fuß und Rad zu setzen.“ Tempo 30 ist derzeit nur möglich, um Lärm zu reduzieren, nicht aber, um den Radverkehr zu fördern. Ab dem Schloss sind laut Dirmeier Schutzstreifen möglich – diese würden sich bei einer Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde und einer Verkehrsstärke von etwa 9400 Kfz binnen 24 Stunden eignen. Aus Schäfers Sicht: bloß gefühlte Sicherheit. „Nur eine Umgehung löst unsere Probleme“, sagt er. Bis dahin bleibe lediglich, an den Symptomen herumzudoktern.

Hoffen auf einen Kreisverkehr

So war die Kommune bisher nicht untätig. „Ein wichtiger Punkt, an den wir uns auch schon planerisch gemacht hatten, ist die Kreuzungssituation Münchinger Straße und Schwieberdinger Straße“, sagt der Rathauschef. Grundsätzlich gebe es die Erkenntnis des Regierungspräsidiums als Straßenbaulastträger, dass dort ein Kreisverkehr sinnvoll wäre – „wenn die Verkehrszahlen so sind, wie von uns 2019 erhoben“. Eine Zählung der Behörde im Frühjahr 2023 ermittelte eine 25 Prozent niedrigere Verkehrszahl. Die lässt die Gemeinde im Herbst nochmals evaluieren. Denn die Zahl habe sicher auch eine „Homeoffice-Delle“, begründet Thomas Schäfer das Vorhaben.

Auch zieht die Verwaltung die Verschiebung der Bushaltestelle Rathaus am Alten Schulplatz in Betracht. Der Halt sei zwar wie gefordert barrierefrei umgebaut, die Anhaltesituation aber „nicht ideal und nicht wirklich barrierefrei. Die Busse halten einfach zu weit vom erhöhten Bordstein entfernt“. Außerdem sei die Fußgängerampel, „eingeklemmt zwischen Straße und Bushaltebucht“, sicherlich nicht ideal. Eine Verlegung weiter nach Westen auf Höhe der Bibliothek könnte eine Möglichkeit sein, so Schäfer. „Dann nicht mit einer Busbucht, sondern mit einem Haltestellenkap, also parallel zum Gehweg auf der Straße.“